Berufsunfähigkeitsversicherung: Wie ein Versicherungsmakler hadert

Berufsunfähigkeitsversicherung
Wie ein Versicherungsmakler hadert

Vor dem Risiko, den eigenen Beruf nicht ausüben zu können, sollen BU-Policen schützen. Relevante Statistiken dazu veröffentlichen Versicherer nicht – und lassen einen Makler an seiner Aufgabe zweifeln. Ein Gastbeitrag.
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Aufmerksam habe ich den vergangenen Tagen verfolgt, wie sich eine Debatte unter meinen Berufskollegen rund um einen Beitrag des Handelsblatts zu Berufsunfähigkeitsversicherungen (BU) entwickelt hat – in der Fachpresse und in sozialen Netzwerken. Die Debatte ist so heftig, dass ich lieber nur anonym meine Einschätzungen veröffentlichen will.

Ich arbeite als Versicherungsmakler in einer deutschen Großstadt und hadere mit BU-Policen. Aus beruflichen Gründen muss ich mich mit Risikofragen und Statistiken beschäftigen. Ich habe eine gewisse Skepsis, ob die von den Versicherern angebotenen Berufsunfähigkeitsversicherungen auch wirklich das Risiko der Verbraucher treffen oder ob hier nur Panik geschürt wird.

Nicht nur die Verbraucher sind verunsichert, auch wir Vermittler. Wir leiden eh schon unter einem schlechten Ruf und werden von den Versicherern im Unklaren gehalten. Kein Wunder, dass der Leumund schlecht ist, wenn selbst Vermittler keine Ahnung von relevanten Daten haben – und dennoch Produkte verkaufen, Verbraucher beraten und letztlich dafür sogar noch alleine haften.

Egal wohin man schaut, immer und ausschließlich wird einem kundgetan, dass etwa jeder vierte Arbeitnehmer im Laufe seines Berufslebens einmal seine „Erwerbstätigkeit einschränken oder sogar ganz aufgeben“ muss. Das ist ein Totschlagargument. Versicherer, Vertreter, die Presse, ja selbst Verbraucherschutzorganisationen verweisen darauf und betonen, dass ein jeder daher eine Berufsunfähigkeitsversicherung brauche. Die Berufsunfähigkeitsversicherung wird somit zu einer der wichtigsten Versicherungen erhoben und entsprechend beworben. Ist das berechtigt? Ich habe meine Zweifel.

Fakt ist, dass die deutschen Lebensversicherer kaum Zahlenmaterial über Berufsunfähigkeitsversicherungen veröffentlichen. Außer den läppischen Angaben über die Anzahl der Verträge und die durchschnittliche Rentenhöhe.

Ich bin seit 25 Jahren in der Branche tätig. Natürlich hatte ich auch schon Leistungsfälle, also Fälle, in denen BU-Versicherungen monatlich eine Rente an meine Kunden zahlten. Doch die Fälle traten meistens bei älteren Versicherten auf und waren oft nur temporär. Sie beschränkten sich also auf einen überschaubaren Zeitraum. Die gezahlten Renten übertrafen nicht unbedingt die Summe der während der Berufstätigkeit gezahlten Beiträge der Kunden.

Kommentare zu " Berufsunfähigkeitsversicherung: Wie ein Versicherungsmakler hadert"

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  • Nachvollziehbar, aber unwirklich.
    ich habe 20 Jahre ehrenamtlich als Versichertenvertreter bei der DRV Nord gearbeitet und dort aktiv in der Widerspruchsstelle mitgewirkt und entschieden. Die Anzahl der Anträge auf Erwerbsminderung ist enorm, genauso die Ablehnungsquote aller Geburtsjahrgänge.
    Wer diese Zahlen vor Augen hat und im eigenen Kundenbestand die Kinder der Kunden um 16 Jahre nach gesundheitlichen Einschränkungen befragt wird erstaunt sein.
    Letztendlich entscheidet der Kunde, Maklerpflicht ist es aufzuklären.
    Die Äußerung, das der Makler das teuerste Produkt aussucht ist zweifelshaft, dafür besitzen wir Vergleichsrechner die Besseres belehren.

  • @Herr Raphael Strels, 13.10.2016, 10:04 Uhr:

    Ihre nachfolgend kommentierten Ausführungen überzeugen mich nicht:

    „Nur das muss man einfach mal googeln und selbst recherchieren und darf nicht darauf warten, das Versicherer liefern.“

    Das sehe ich aber ganz anders. Sowas kann ein Profi wie Sie einem Kollegen vielleicht zumuten, aber normalen Verbrauchern gegenüber ist so eine Forderung schlicht unverschämt, schon weil dieser damit heillos überfordert sein dürfte.

    Außerdem: Was spricht gegen T R A N S P A R E N Z ???!!


    „Das Risiko ist allgegenwärtig und kann jeden treffen. Oder raten Sie auch jedem ihrer Kunden von einer Feuerversicherung ab, weil das tatsächliche Risiko eines Hausbrandes im Promillebereich liegt?“

    Klar ist das Risiko allgegenwärtig. Aber die von Ihnen angeführten Beispiele (Feuerversicherung ./. Berufsunfähigkeitsversicherung) sind schon allein wegen der Kosten in keiner Weise vergleichbar. Die Kosten der – in vielen Fällen ohnehin vorgeschriebenen –Feuerversicherung (wie auch der Privathaftpflichtversicherung) überfordern keinen und decken dabei Risiken ab, die, wenn der Schadensfall doch einmal auftreten sollte, den davon Betroffenen tatsächlich von einem Tag zum anderen ruinieren könnten.

    „Wie lang wartet die Bank nun auf ihre Raten? Gibt es da draußen jemanden der die Bank 2 Jahre hinhalten konnte? Nein, den gibt es nicht.“

    Ah, aber die BU zahlt immer prompt? Ich habe schon oft gelesen, dass man mit der BU am gleichzeitig eine Rechtsschutzversicherung abschließen sollte. Dafür muss es doch wohl einen Grund geben, oder? (mehr dazu: http://www.finanzen.de/news/14799/ard-fakt-wenn-die-berufsunfaehigkeitsversicherung-nicht-zahlt, http://www.sueddeutsche.de/geld/versicherung-was-sind-die-haeufigsten-streitfaelle-bei-der-bu-rente-1.2177530, https://www.welt.de/finanzen/verbraucher/article122190022/Bei-Berufsunfaehigkeit-wird-Zahlung-oft-verweigert.html)

  • Sehr geehrter Kollege,
    ich kann Ihre Ausführungen in keiner Weise nachvollziehen. Es gibt ausreichend Datenmaterial zur Berufsunfähigkeit. Höhe durchschnittlicher Renten, Wahrscheinlichkeit nach Alter, Wahrscheinlichkeit nach Beruf, Wahrscheinlichkeit nach Krankheit, etc., etc. Nur das muss man einfach mal googeln und selbst recherchieren und darf nicht darauf warten, das Versicherer liefern. Und was sagen Statistiken über das individuelle Risiko aus? Gar nichts! Das Risiko ist allgegenwärtig und kann jeden treffen. Oder raten Sie auch jedem ihrer Kunden von einer Feuerversicherung ab, weil das tatsächliche Risiko eines Hausbrandes im Promillebereich liegt? Ich gebe Ihnen durchaus Recht. Die meisten BU-Fälle sind nicht dauerhaft sondern spielen sich meist in einem Bereich von 3-5 Jahren Leistungsdauer ab. Aber was bedeutet das für das eigene Leben und die Existenz? Reden wir doch nicht immer über den Studenten der mit 25 durch einen Verkehrsunfall berufsunfähig wird. Reden wir doch vielmehr über die Familie mit 3 Kindern die in einem finanzierten Haus leben. Nun erkrankt der Hauptverdiener schwer. Sagen wir einfach mal er fällt 2 Jahre aus dem Job aus. Wie lang wartet die Bank nun auf ihre Raten? Gibt es da draußen jemanden der die Bank 2 Jahre hinhalten konnte? Nein, den gibt es nicht. Die 2 Jahre werden die Familie alles kosten. Das Haus, das Auto, die Rücklagen, die Altersvorsorge. Das ist nicht an den Haaren herbei gezogen, das habe ich selbst schon mehrfach bei Mandanten erlebt, die das Risiko lieber selbst tragen wollten. Problem dabei: Mit 25 kann ich mich von solchen Schicksalen wieder erholen, mit 50 sieht das schon anders aus. Natürlich sind die Produkte nicht perfekt. Es könnte bessere Lösungen geben. (zB BU-Versicherung die nur 3 Jahre BU-Rente zahlt und danach nur noch bei anerkannter Erwerbsunfähigkeit)Dennoch appelliere ich an Sie: Wenn Sie selbst nicht an das Thema Berufsunfähigkeit glauben, kooperieren Sie in diesem Bereich mit einem Spezialmakler

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