Börsenboom verpasst
Lebensversicherer senken die Zinsen

Trotz steigender Kurse an den Aktienmärkten müssen Kunden von Lebensversicherungen im nächsten Jahr mit sinkenden Überschusszahlungen für ihre Policen rechnen. Die Versicherer spüren nichts vom Börsen-Boom, da sie den Aktienanteil in ihren Portfolios drastisch gesenkt haben. Stattdessen setzen sie überwiegend auf Zinsen - zum Leidwesen der Kunden.
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DÜSSELDORF. Die deutschen Lebensversicherungskunden müssen sich für das kommende Jahr auf sinkende Zinsgutschriften einstellen. Daran ändert auch der starke Kursanstieg an den Aktienmärkten nichts, ergab eine Umfrage des Handelsblatts. Denn die meisten Gesellschaften haben ihre ohnehin schmalen Aktienbestände im Zuge der Finanzkrise noch weiter abgebaut. Auch deshalb profitieren sie entsprechend wenig vom Börsenaufschwung - was die Kundschaft zu spüren bekommt.

Viele Versicherer hatten im Zuge der Finanzkrise ihre Aktienquote deutlich reduziert und in der Folgezeit nicht wieder aufgestockt. Nach Meinung von Tim Ockenga von der Ratingagentur Fitch haben sich viele Versicherer mittlerweile komplett von Aktien verabschiedet, weil sie deren Entwicklung in den vergangenen Jahren enttäuscht hat und ihnen die enormen Kursschwankungen zu riskant sind. Zudem müssen die Anbieter jederzeit die Ansprüche ihrer Kunden bedienen können - und das auf Jahrzehnte hinaus.

Nach Ansicht führender Beobachter aus der Branche wird die laufende Verzinsung der insgesamt 93 Millionen Lebensversicherungs-Policen aber nicht einschneidend sinken. So dürfte im Durchschnitt der Anbieter weiterhin eine Vier vor dem Komma stehen - zumal diese Kennzahl ein entscheidendes Argument für den Verkauf neuer Lebensversicherungen ist. Genaue Zahlen nennt noch kein Versicherer, die Branche wartet in der Regel die Entscheidung des Marktführers Allianz Leben ab, der die Überschussbeteiligung für 2010 nach eigenen Angaben in den kommenden Wochen festlegt.

Die Garantieverzinsung plus Überschussanteil schwankt in der Branche erheblich. So schreibt die Allianz Leben aktuell 4,5 Prozent gut. Die Europa bietet als Spitzenreiter im Markt 5,00 Prozent Verzinsung, zu den Schlusslichtern zählt die Victoria mit 3,60 Prozent. Der Branchendurchschnitt der laufenden Verzinsung beträgt 4,26 Prozent - womit die Rendite trotz der Finanzkrise gegenüber 2008 kaum zurückgegangen ist.

Dies war allerdings nur möglich, weil die Versicherer im Wettbewerb auf Reserven zurückgegriffen, Kapitalpuffer angezapft und Abschreibungen unterlassen haben. Nach Ansicht von Fachleuten haben zudem viele Lebensversicherer im vergangenen Jahr weniger Geld mit ihren Anlagen verdient, als sie ihren Kunden gutgeschrieben haben. Derzeit konzentrieren die deutschen Lebensversicherer rund 80 Prozent ihrer Kapitalanlagen, die Ende 2008 mit rund 686 Mrd. Euro in den Bilanzen standen, in festverzinslichen Werten. Und angesichts fallender Zinsen werfen diese weniger ab.

Bleiben die Zinsen niedrig, gilt für die kommenden Jahre das, was Assekurata-Chef Will für 2010 prognostiziert: "Ich erwarte überwiegend eine Absenkung der Überschussbeteiligung. Erhöhungen passen nicht ins Umfeld. Denn im Niedrigzinsniveau sinken die Renditen tendenziell." Auch Peter Schwark, Geschäftsführer des Gesamtverbands der Deutschen Versicherungswirtschaft schätzt, dass die Überschussbeteiligung 2010 wegen des Zinsniveaus tendenziell nach unten geht

Der Kunde kann sich vorerst damit trösten, dass er derzeit mit anderen Anlagen wie Festgeld oder Bundesanleihen auch nicht besser fährt - und dass die Inflation bislang kaum an der Rendite nagt.

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  • "Die Ursache für das Sinken des Zinsfußes wird vorzüglich darin gefunden, daß die besonders rentablen Kapitalanlagen großen Maßstabes heute erschöpft sind und nur Unternehmungen von geringer Ergiebigkeit übrig bleiben. ...Nur ein allgemeiner europäischer Krieg könnte dieser Entwicklung Halt gebieten durch die ungeheure Kapitalzerstörung, welche er bedeutet."

    (Aus der Zeitschrift des Sparkassenverbandes, 1891)

    Weil der Krieg nur solange der Vater aller Dinge sein konnte, wie es noch keine Atomwaffen gab, haben die Großsparer dieser untergehenden Welt sich zu entscheiden. Sie können entweder alles verlieren,...

    http://www.deweles.de/files/armageddon.pdf

    ...oder dürfen ihre geliebten Ersparnisse sicher und mit gutem Gewissen behalten, wenn sie nur auf die Möglichkeit verzichten, weiterhin unverdiente Knappheitsgewinne (Geld-, Sach- und bodenzins) auf Kosten der Mehrarbeit anderer zu erpressen. Als Gegenleistung gibt es eine Welt, in der man sogar leben kann:

    http://www.deweles.de/files/anww194.pdf

    Was die "hohe Politik" dazu sagt, ist irrelevant, denn sie macht nur das, was die organisierte Sparsamkeit ihr befiehlt.

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