Der Vergleich mit Amerika ist lehrreich
Private Vorsorge überfordert US-Bürger

Die 75-jährige Peggy Pierce aus New York hat vor zwei Jahren wieder angefangen zu arbeiten. Teilzeit, so lange es die Gesundheit erlaubt. Mit dem Einsturz der Aktienkurse ist auch ihre betriebliche Pension zusammengeschmolzen.

HB DÜSSELDORF. Dass Senioren wieder arbeiten gehen, ist in den USA nichts ungewöhnliches. Kassiererinnen in Supermärkten, Hausmeister, Fahrer, alle weit über 65, gehören zum Alltagsbild. Mehr als in den meisten europäischen Ländern verlässt sich das US-Vorsorgesystem auf private Sparer und betriebliche Pensionspläne. Damit ist es weit stärker von Kursschwankungen auf den Kapitalmärkten abhängig. Zwar gibt es seit der Depression der 30-er Jahre eine staatliche Rente, doch viele merken zu spät, dass sie sich darauf nicht verlassen können. Die staatliche Rente liegt in den USA bei weniger als 50 % des letzten Lohns und macht weniger als die Hälfte des Einkommens der Senioren aus – in Deutschland dagegen mehr als 70 %. Ähnlich wie in Deutschland wird die Rente jährlich an das Preisniveau angepasst. Um das System zu entlasten, können US–Bürger bis 67 arbeiten, bevor sie Rente beziehen.

„Die staatliche Rente kannst Du vergessen “, sagt der 40jährige Banker Peter Bisani. Ein Großteil der Amerikaner verlässt sich vielmehr auf betriebliche Vorsorgepläne nach dem „401 k“ System. Eingeführt Anfang der 80iger Jahre, erlaubt ein „401 k“ Plan den Mitarbeitern, steuerfrei jährlich bis zu 10 000 Dollar einkommenssteuerfrei für die Altersvorsorge zurückzulegen. Zu jedem angesparten Dollar zahlt das Unternehmen in der Regel 50 Cent dazu. Fast 50 Mill. Amerikaner besitzen solche Sparpläne. Wie sie das Geld anlegen, bleibt ihnen überlassen. Der Einführung des 401k schreiben Fachleute den Aktienboom zu, welcher sich mit kurzen Unterbrechungen von der Mitte der 80iger Jahre bis zum Jahr 2000 fortsetzte.

Zuzahlungen in Form von Aktien

Doch der Konkursfall der Energiehandels-Riesen Enron hat gezeigt, wie groß die Risiken des Konzepts sind. Ähnlich wie bei Enron leisten viele amerikanische Firmen ihre Zuzahlungen in Form von eigenen Aktien , weil das billiger ist und Steuern spart. Im Fall Enron bestanden die Pensions-Sparpläne vor dem Kollaps zu 41 % aus Firmen-Aktien. Bei dem Pleite gegangenen Telekom-Ausrüster Global Crossing waren es 16 %, bei der stark abgestürzten ADC Telecom 46 %. Bei Unternehmen wie Coca-Cola, Procter & Gamble oder Lowes haben Mitarbeiter sogar mehr als 90 % ihrer privaten Altersvorsorge in Firmen-Aktien investiert.

„Der 401k funktioniert für jene 15 bis 20 % der Bevölkerung, die über das Know-How und das Interesse verfügen, selbst die Kontrolle über ihre Rentenersparnisse zu übernehmen“, sagt Ökonomie-Professorin Brigitte Madrian von der University of Chicago, „aber für den größten Teil der Bevölkerung funktioniert er nicht“.

Reform-Vorstöße, den Bestandteil von Firmenaktien im 401k Depot gesetzlich zu limitieren, sind im Sand verlaufen. Präsident George Bush hat jetzt lediglich vorgeschlagen, die jährlich zugelassene Sparsumme auf 15 000 Dollar zu erhöhen.

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