Fachchinesisch
Warum Kunden die Versicherer nicht verstehen

Viele Deutsche stolpern über Briefe, Formulare und Bedingungen der Versicherer. Das schreckt ab und macht die Branche unsympathisch. Dennoch wollen bisher nur wenige Anbieter verständlich werden.
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Düsseldorf„Keine Lust auf Versicherungs-Chinesisch? Wir auch nicht!“ Das ist das Motto, mit dem der Versicherer Ergo Direkt sein neues Internetportal einfachanders.de bewirbt. Dort werde Frauen „endlich alles so erklärt, wie wir es uns wünschen. Ohne wilde Paragraphenreiterei.“

Warum eigentlich nur den Frauen? Solcherlei würden sich bestimmt auch viele Männer wünschen. Schließlich leiden sie genauso wie die Frauen unter zu langen Sätzen, verschachtelten Formulierungen, Fremd- und Fachwörtern oder Wortungetümen in Versicherungsverträgen und -broschüren.

Wer versteht zum Beispiel diesen Satz auf Anhieb? „Bis zur Vollendung des 25. Lebensjahres sind Studenten in der Krankenversicherung regelmäßig über die Eltern mitversichert.“ So oder so ähnlich taucht diese Formulierung in den Briefen von vielen Versicherern auf. Wann ist wohl das 25. Lebensjahr vollendet? Wenn man seinen 26. Geburtstag feiert? Das meinen viele, ist aber falsch: Die Versicherung gilt nur bis zum 25. Geburtstag. Schließlich ist der Versicherte dann genau 25 Jahre auf dieser Welt.

Michaela Blaha kennt unzählige Formulierungen dieser Art. „Oft werden Ausdrücke aus Gesetzestexten übernommen und der Kunde versteht dann gar nicht, was man ihm sagen will“, sagt die Geschäftsführerin von Idema, der Gesellschaft für verständliche Sprache in Bochum. Die Folge: Viele Deutsche sind frustriert und beschäftigen sich nur ungern mit Versicherungsfragen – auch weil sie das Gefühl haben, dass sie nicht genau wissen, was sie da überhaupt unterschreiben.

Um nur fünf Sätze zu lesen, hätten Versuchspersonen bis zu 31 Minuten gebraucht – ohne den Text ausreichend verstanden zu haben, ergaben Studien. Vier von fünf Probanden seien dabei übrigens Akademiker gewesen. Mit Bildung habe das mangelnde Verständnis also nichts zu tun.

Das bestätigen auch Verbraucherschützer. „In den Infoblättern der Versicherer hat der Kunde eben nicht alles im Blick“, sagt Axel Kleinlein, der Vorsitzende des Bundes der Versicherten. „Um genaue Informationen zu erhalten, muss er in den Unterlagen wühlen und sich von einer Klausel zur nächsten hangeln. Oft sind die Verweise nicht nachvollziehbar. Das alles sorgt insgesamt für große Verwirrung bei den Kunden.“

Kommentare zu " Fachchinesisch: Warum Kunden die Versicherer nicht verstehen"

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  • Mir scheint hier ein Grundsatzproblem vorzuliegen.

    Man sollte grundsätzlich *keine* Versicherung abschließen für Risiken, die man selber tragen kann, dann ist es nur Geldverschwendung, da von allen Beiträgen immer der Gewinn der Versicherung, Steuern usw abgehen.

    Besser ist es, mit den Risiken des Lebens zu rechnen und kleinere Dinge einfach selbst zu bezahlen und dafür regelmäßig etwas Geld zurückzulegen, sozusagen eine Versicherung bei sich selbst.

    Wenn dann was passiert, kann man – ohne bei der Versicherung erst betteln zu müssen – den Schaden einfach selbst bezahlen. Auf lange Sicht hat man Geld übrig.

    Versicherungen braucht man für Risiken, die man selbst nicht tragen kann:
    • erhebliches gesundheitliches Problem, also kein Schnupfen und auch kein Beinbruch sondern AIDS, Herzinfarkt, schwerer Unfall und so.
    Familien: Ausfall des Ernährers, insbesondere wenn man viele Schulden hat.
    • Haftpflichtfall wenn ich oder meine Angehörigen jemand Drittes erheblich schädigen.
    • Bei Unternehmen: Großereignisse, z.B. Brand der Produktionshalle.

    Wenn ich im Leben 10 Zahnprothesen brauche, muss ich dafür auch keine Versicherung haben, ich lege regelmäßig was zurück und bezahle die dann eben.

  • 1. Wer oder was ist eine "typische Versicherung"?
    2. Bei Schadenqouten von über 100% in der KFZ-Versicherung reichen die Beitragseinnahmen gar nicht aus, um das zu bezahlen, was alles passiert. Da wird dann quersubventioniert. Und woher soll das Geld dann kommen, wenn immer schön brav alles wieder ausgegeben wird? Von Omas Sparbuch???

    Richtig ist, dass viel Geld an Versicherungsbetrüger geht... aber da sollten sie mal überlegen, wer das so ist und wer alles schon mal auf die Idee gekommen ist, sich etwas von seiner z.B. Privathaftpflicht bezahlen zu lassen, was eigentlich durch eigene Dummheit kaputt gegangen ist. Es ist nicht umsonst ein Volkssport... das dieses allerdings die Prämien nach oben treibt, sehen die "Betrüger" nicht. Aber sie beschweren sich dann trotzdem...

  • Die typische Versicherung zahlt nur 60% ihrer Prämien an Versicherungsnehmer wieder aus und davon viel an Versicherungsbetrüger. Das eigentliche "business" ist, im Schadensfall nicht zu zahlen.

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