Fragen an: Jürgen Wasem
"Viel restriktiver"

Die ständig steigenden Gesundheitskosten in Deutschland verärgern die Versicherten. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem im Gespräch mit der Wirtschaftswoche über steigende Kassenbeiträge und mangelnden Wettbewerb.
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Herr Wasem, sind die ständig steigenden Gesundheitskosten hier zu Lande eigentlich unvermeidlich?

Die Versicherten verdanken mehr als die Hälfte der Beitragssteigerungen der vergangenen 20 Jahre der Politik. Genauer: dem Hin- und Hergeschiebe, mit dem die Politiker zulasten der gesetzlichen Krankenversicherung der Rentenkasse und der Bundesagentur für Arbeit helfen wollten. Außerdem haben die Politiker zwar auf dem Papier Wettbewerb zwischen Kassen eingeführt, ihnen aber gleichzeitig so viele Vorgaben und Einschränkungen mit auf den Weg gegeben, dass wir von einem Wettbewerb, der Qualität steigert und die Kosten senkt, noch weit entfernt sind.

Laut Koalitionsvertrag soll 2007 die nächste Gesundheitsreform kommen. Was wäre am dringendsten?

Die Crux der gesetzlichen Kassen ist, dass nur die Gehälter die Beitragshöhe festlegen. Dabei steigen seit Jahren die beitragsfreien Einnahmen wie Gewinne aus Kapitalanlagen überdurchschnittlich stark an.

Sie fordern Krankenkassenbeiträge auf Zinseinnahmen?

Ja, alle Einnahmen, die sich mit einem vertretbaren Aufwand nachweisen lassen, sollten herangezogen werden. Zu kompliziert wäre das nicht: Die Auskunft vom Finanzamt über das zu versteuernde Einkommen würde reichen.

Fällt Ihnen nichts anderes ein als höhere Beiträge? Ließe sich das Defizit nicht durch geringere Ausgaben beseitigen?

Nein, mit Sparen alleine lässt sich das Problem nicht lösen. Aber natürlich müssen die Krankenkassen mit den Beiträgen der Mitglieder auch besser haushalten. Wir brauchen dafür mehr Wettbewerbsdruck unter den Kassen, wir müssen die Zusammenarbeit an den Schnittstellen zwischen Ärzten, Krankenhäusern und Reha-Maßnahmen endlich effizienter machen. Und wir haben zu viele und zu teure Apotheken. Steigende Lebenserwartung und medizinischer Fortschritt werden dazu führen, dass die Ausgaben bis 2040 um 50 bis 70 Prozent steigen – 900 bis 1000 Euro pro Kopf. Davon können wir sicher 400 Euro durch verbesserte Wirtschaftlichkeit einsparen. Der andere Teil aber muss von den Beiträgen kommen.

Würden höhere Beiträge auch mehr Leistungen für gesetzlich Versicherte bedeuten?

Wir brauchen unabhängige Kriterien, um den Leistungskatalog der GKV weiterzuentwickeln. Die Politiker sollten sich endlich vom Wahlkampfmythos verabschieden, alle könnten gleichermaßen vom medizinischen Fortschritt profitieren. Jede Weiterentwicklung muss, so wie in Kanada, Frankreich oder England längst üblich, einer Nutzen- und Wirtschaftlichkeitsrechnung unterzogen werden. Wer jetzt aufheult, möge sich klarmachen, dass die Kassen längst rationalisieren. Nur lässt die Politik sie das weit gehend in Praxen und Krankenhäusern in einer rechtlichen Grauzone machen.

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