Gesetzlich und privat
Versicherte unter Entscheidungsdruck

Der Gesundheitsfonds naht. Gesetzliche und private Kassen starten Werbefeldzüge, um Kunden zu halten und Wechselwillige zu gewinnen. So schützen Sie sich und Ihr Geld.
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Alles klar, Clara? Nein! Wer die brünette Geheimwaffe von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt fragt, mit welchem Beitragssatz er ab 2009 bei seiner Krankenkasse zu rechnen habe, bekommt von der Beraterin die Antwort: "Ich habe leider keine Familie. Wie soll ich mich bei meinem 24-Stunden-Job denn noch um mein Privatleben kümmern?" Die Arme. Immerhin ist ihre Gesundheit nicht gefährdet: Denn Workaholic Clara ist nur eine virtuelle Auskunftsperson, eine Art Web-2.0-Avatar der Ministerin auf der offiziellen Internet-Seite Gesundheitsreform.de.

So wie es aussieht, wird Schmidts Clara auch in Zukunft vor lauter Anfragen keine ruhige Minute haben. 2009 startet der Gesundheitsfonds, ab dann müssen alle in einer gesetzlichen Krankenkasse Versicherten, egal, wie günstig oder teuer ihre Kasse derzeit ist, einheitlich derzeit noch geschätzte 15,3 Prozent des Bruttolohns zahlen. Das will die Politik so, um die Gesundheitskosten und die Krankenkassen in den Griff zu bekommen.

Teuer kommt der Fonds für alle, die jetzt günstig versichert sind: Ihre Beiträge werden dann eben von 12, 4 oder 14, 3 Prozent auf die 15,3 Prozent angehoben. Wer heute zum Beispiel 12,4 Prozent vom Lohn, der höher als 3600 Euro ist, an die Kasse überweist (die Hälfte zahlt der Versicherte, die Hälfte der Arbeitgeber), muss ab Januar 47 Euro mehr zahlen – aber ohne Zuschuss vom Chef.

Gutverdiener können sich in die privaten Kassen retten. Die empfangen sie zwar aufs Herzlichste, denn ihnen gehen die dringend nötigen Neukunden aus. Aber auch von den Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV) fordert Ulla Schmidt Tributzahlungen: Zum einen muss die PKV einen sogenannten Basistarif als sinnvolle Billiglösung einführen, der von den anderen PKV-Versicherten quersubventioniert werden muss. Aussagekräftige Zahlen dazu gibt es noch nicht.

Zum anderen können die Privaten ihre Kunden nicht mehr in Ketten legen: Wenn die den Anbieter wechseln wollen, dann müssen sie all das Geld bei der Kasse lassen, das aus ihren Beiträgen für die teuren Krankheiten im Alter zurückgelegt wurde. Das macht den Umstieg bisher extrem teuer, weil sie beim neuen Anbieter wieder von vorn rückstellen müssen.

Damit ist nun Schluss. Die Versicherten müssen zwar ab 2009 deshalb etwas höhere Beiträge zahlen, aber dann sind die Privaten zu ihrem Leidwesen verpflichtet, Überläufern zumindest einen Teil als Mitgift zu überlassen. Na also, geht doch! Jahrzehntelang hatten die Unternehmen ihren Kritikern von einer Gutachterarmee penibel vorrechnen lassen, dass eben diese Morgengabe wirtschaftlicher Selbstmord für das ganze Versichertenkollektiv sei.

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