Interview
"Die Bundesländer sind die Bremsklötze"

Versicherungsexperte Hans-Peter Schwintowski über halbherzige EU-Entscheidungen und halbseidene Vertreter.

Herr Schwintowski, in mehreren höchstrichterlichen Urteilen haben Kunden gegen ihre Versicherungen gewonnen. Wird jetzt alles gut bei Rendite und Beratung der Lebensversicherungen?

In den nächsten Jahren wird vieles beeindruckend besser: Nach dem Verfassungsgerichtsurteil über die zu intransparenten Klauseln und die zu niedrige Beteiligung der Kunden an den Gewinnen werden die Verträge klarer und die Überschussbeteiligungen höher - allerdings aus technischen Gründen wohl erst von 2008 an.

Als Berliner haben Sie Ihr Ohr am zuständigen Finanzministerium. Erwarten Sie, dass Kunden wenigstens eher von dem anderen wichtigen Urteil profitieren, dass Kunden nach einer frühen Kündigung des Vertrags mehr Geld als bisher zurückbekommen müssen?

Wir warten alle noch auf die detaillierte Urteilsbegründung. Aber klar ist schon: Das ist ein Urteil mit Breitenwirkung. Ich gehe davon aus, dass alle Verträge von 1994 bis 2001, um sie ging es, rückwirkend neu abgerechnet werden müssen.

Während andere Staaten die EU-Richtlinie zum Schutz vor schlechter Beratung längst umgesetzt haben, schiebt Deutschland sie auf die lange Bank.

Die Bundesländer sind die Bremsklötze: Nach der Richtlinie müssen künftig alle Versicherungsvermittler ein Minimum an Sachkenntnis nachweisen und sich registrieren lassen. Ob dies das Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen prüft oder dezentral die Länder, darum geht derzeit der politische Streit. Vor Sommer 2007 wird das nichts mehr.

Dabei sollten die Kunden schon seit dem 15. Januar 2005 vor unlauteren Vertretern geschützt werden.

Ja, zumal die Deutschen am meisten nachholen müssen, weil sie die Vertreter vorher am schlechtesten kontrolliert haben.

Was bessert sich nach der EU-Richtlinie?

Das Beratungsgespräch muss protokolliert werden. Davon bekommt der Kunde eine Kopie. Die Versicherung leichter verklagen kann der Kunde damit aber noch nicht. Im Gegenteil: Die Unternehmen versuchen, die Haftung für ihre Vertreter zu verringern.

Wie denn?

Bisher haften Unternehmen für ihre Vertreter, Maklerfirmen müssen dafür eine Zusatzversicherung abschließen. Künftig wollen schon einige Unternehmen maximal fünf Jahre für die Fehler ihrer Vertreter gerade stehen. Wenn der Kunde erst später um Beratungsfehler streitet, muss er sich bei Schadensersatzzahlungen an den Vertreter persönlich halten - und bei dem ist womöglich nicht mehr viel zu holen.

Also eine Verschlimmbesserung?

EU-Politik eben: In anderen Ländern war die Vertreterhaftung noch schlechter, also hat man sich auf ein Mittelmaß geeinigt.

Die Großen der Branche wie Axa und Allianz wollen Kosten im Vertrieb sparen. Welche Folgen hat das für die Kunden?

Das ist eine gute Entwicklung: Die Professionalität steigt, weil die Leute, die bisher nur auf die Schnelle verkaufen wollen, ausgesiebt werden.

Lohnt sich nach Ihrer Meinung eine Kapitallebensversicherung eigentlich noch?

Ihre Erträge sind immer noch zur Hälfte steuerbegünstigt - das sind andere Anlagen nicht. Gegen sie sprechen aber die oft hohen Kosten. Stellt sich also die Frage, ob der Anleger mit einem nach seinen Anforderungen selbst zusammengestelltem Portfolio zum Beispiel mit Indexfonds ohne Ausgabeaufschläge nicht besser fährt.

Das heißt aber, der Sparer muss sich bis zu 30 Jahre diszipliniert um seine Anlagen kümmern und gegebenenfalls umschichten. Und er darf die Rücklagen nicht ohne echte Not anrühren. Glauben Sie an das Gute im Menschen?

Bei der Altersvorsorge schon!

Die Fragen stellte Anke Henrich

Quelle:WirtschaftsWoche

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%