Interview mit Brigitte Miksa
„Deutschland macht Fortschritte“

Lange haben Arbeitnehmer und Unternehmen in Deutschland die Notwendigkeit zusätzlicher Altersvorsorge nicht gesehen. Doch das hat sich geändert, sagt Brigitte Miksa, Leiterin des Bereichs International Pensions bei Allianz Global Investors. Mit dem Handelsblatt sprach sie darüber, was in Deutschland gut läuft und wo in Sachen Altersvorsorge noch Nachholbedarf besteht.
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Frau Miksa, was läuft in Deutschland in Sachen Altervorsorge gut?

Deutschland hat mit der Riester-Reform den ersten Schritt getan, eine Kapitaldeckung einzuführen. Bis dahin hatten sich die Unternehmen aus der betrieblichen Altersvorsorge zurückgezogen. Das hat sich geändert. Inzwischen haben um die 50 Prozent der Beschäftigten eine betriebliche Altersvorsorge, darüber hinaus hat sich die Versorgung der Frauen verbessert. Viele Frauen nutzen die Riester-Rente mit den Kinderzulagen für eine eigenständige Altersvorsorge. Diese drei Dinge laufen gut.

Kann Riester das ersetzen, was der Staat nicht mehr leistet?

Die Riester-Rente ersetzt den Teil, den der Staat nicht mehr leistet. Aber wenn Sie im Alter ihren Lebensstandard in etwa halten wollen, müssen sie darüber hinaus noch vorsorgen.

Wieso haben sich die Arbeitgeber bis zur Riester-Reform aus der betrieblichen Altersvorsorge zurückgezogen?

Die betriebliche Altersvorsorge ist bis dahin fast ausschließlich als feste Leistungszusage durchgeführt worden. Mit dem demografischen Wandel, mit der höheren Lebenserwartung sind die Kosten dafür deutlich in die Höhe gegangen. Dazu kam ein erheblicher Druck durch Umstellung auf die internationalen Bilanzierungsregeln IFRS. Die Arbeitgeber werden sich weiterhin aus der Leistungszusage zurückziehen. Stattdessen werden sie sich stärker beitragsorientierten Vorsorgemodellen zuwenden, um auf diesem Weg den Kostendruck zu senken.

Das heißt, der Arbeitgeber wälzt das Risiko zum Teil auf den Arbeitnehmer ab?

Das ist nicht zu unterschätzen. Es kursiert die Aussage, dass General Motors eigentlich ein Pensionsfonds ist, der sich darüber hinaus den Luxus erlaubt, Autos zu bauen. Dahinter steckt tatsächlich, dass die Pensionsverpflichtungen doch erheblich sind und jetzt im Zusammenhang mit der Finanzkrise zu einer sehr großen Bürde werden. Bei Beitragssystemen ist die Flexibilität größer. Und, das ist der entscheidende Punkt, Unternehmen haben bei Beitragssystemen die Verpflichtungen nicht mehr in der Bilanz.

In Deutschland stehen die Verpflichtungen noch in der Bilanz. Muss das geändert werden?

Das ist eine Grundsatzdebatte. Wir würden uns als Asset Manager wünschen, dass eine echte Beitragszusage eingeführt wird, die diesen Spielraum ermöglicht. Es gibt die Möglichkeit, dass man Schutzmechanismen einführt für den Fall, dass der Pensionsfonds insolvent wird. Die Niederländer machen uns es vor, wie ein solches System gestaltet werden kann. Wir würden es uns auch wünschen, um für international tätige Unternehmen und für eine grenzüberschreitende Altersvorsorge mehr Spielraum zu gewinnen.

Sind Sie deswegen schon bei Frau von der Leyen vorstellig geworden?

Ich stelle das Material zur Verfügung, mit dem andere arbeiten. Aber angesichts der Finanzkrise stellt sich die Frage: Wie gestalten wir eigentlich Sicherungsmechanismen in der Altersvorsorge? Wir haben uns in Deutschland in der Finanzkrise zu recht auf die Schulter geklopft, weil bei uns die Altervorsorgevermögen kaum zusammengeschmolzen sind, verglichen mit anderen Ländern, die ihre Altersvorsorge stark auf den Kapitalmarkt ausgerichtet haben. Wir werden aber ein anderes Problem bekommen, nämlich dass das Geld im Alter angesichts der höheren Lebenserwartung nicht mehr ausreicht. Wir gehen davon aus, dass man in Deutschland 60 Prozent seines letzten Netto-Einkommens (Ersatzquote) benötigt, um den Lebensstandard im Alter zu halten. Danach könnte man seinen Vorsorgeplan gestalten. Die Frage ist auch, ob wir in allen drei Säulen ähnliche Sicherungssysteme brauchen, oder ob wir die drei Säulen wie ein Portfolio betrachten können. Daraus kann man ableiten, wie viel Risiko man in der zweiten und dritten Säule aufnehmen kann. Mein Wunsch an Frau von der Leyen wäre vor allem, dass wir eine stärkere und langfristige Berechenbarkeit für die Sozialversicherungssysteme bekommen.

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