Gesundheitsökonom Wasem

Garantie-Zins sollte besser gesenkt werden

Der Zinssturz am Kapitalmarkt belastet die Private Krankenversicherung. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem empfiehlt daher, den garantierten Zins für Versicherte zu senken. Die Folge wäre: starke Beitragserhöhungen.
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Der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem

Der Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem

Herr Professor Wasem, die privaten Krankenversicherer haben für ihre Versicherten eine gewaltige Vorsorge für das Alter gebildet, insgesamt 170 Milliarden Euro, davon 146 Milliarden Euro in der Kranken- und 24 Milliarden Euro in der Pflegeversicherung. Reicht das, um steigende Beiträge im Alter für die neun Millionen Privatversicherten erträglich zu halten?
Der absolute Betrag sagt wenig. Es kommt darauf an, wie diese Summe zustande gekommen ist und ob auch alle Eventualitäten berücksichtigt sind. Und da ist festzuhalten: Die regulären Alterungsrückstellungen werden zunächst etwas weltfremd kalkuliert.

Wieso denn das?

Die ursprüngliche Kalkulation der Versicherer sieht zum Beispiel keinen Ausgleich der Inflation vor. Inflationsannahmen fehlen in den Berechnungen der Versicherungsmathematiker. Angenommen wird auch, dass es keinen kostentreibenden medizinischen Fortschritt gibt und dass auch die Lebenserwartung der Versicherten gleich bleibt. Beides ist unrealistisch. Tatsache ist: Die Menschen werden immer älter, und die moderne Medizintechnik kostet auch immer mehr.

Die Branche sieht das aber anders: Für die Versicherer zeigen die Zahlen, dass ihr „nachhaltiges Prinzip der Kapitaldeckung auch in den Zeiten der Banken- und Eurokrise stabil funktioniert“.

Da muss man unterscheiden. Ziel der Altersrückstellungen ist zunächst nur: Die jungen Mitglieder in der privaten Krankenversicherung (PKV) sollen heute schon vorsorgen. Schließlich steigen die Kosten für Krankheit in der Regel mit zunehmenden Alter. Und der Grundgedanke der PKV ist ja: Auch im Alter sollen die Versicherten ihre eigenen Kosten tragen. Dies funktioniert bisher.

Und was funktioniert nicht? Basis der Tarifberechnung ist ein Zinssatz, mit dem die Sparleistungen der Versicherten verzinst werden. Dieser Rechnungszins beträgt 3,5 Prozent. Darüber kann jeder PKV-Kunde doch froh sein in Zeiten niedriger Zinsen?
Sicher, denn die PKV-Kunden müssen heute entsprechend weniger Prämie zahlen, weil sie beim Ansparen für das Alter den Zins nicht auch noch ansparen müssen. Diese Leistung erbringt der Versicherer.

Allerdings fragen sich viele: Können denn die Versicherer überhaupt noch 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften?
Im Moment gelingt das noch, weil die Alterungsrückstellungen langfristig angelegt sind. Doch auf Dauer ist das zu bezweifeln, vor allem wenn die Kapitalmarktzinsen so niedrig bleiben wie derzeit. In der Lebensversicherung wurde daher der Garantiezins ja bereits auf 1,75 Prozent gesenkt.

"Der Rechnungszins sollte mindestens auf 2,5 Prozent gesenkt werden"
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17 Kommentare zu "Jürgen Wasem im Interview: Garantie-Zins sollte besser gesenkt werden"

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  • So isses.

    Die Leute gehen mit Befindlichkeitsstörungen zum Arzt. Der ihnen sowieso nicht helfen kann. Besser, sie gingen zum Pfarrer, in den Wald, ins Schwimmbad oder ins Café.

    Wer ernsthaft krank ist, hockt bestimmt nicht im überhitzten, ungelüfteten Wartezimmern.

  • Meine PKV sieht einen Inflationsausgleich vor. Zum Vergleich: Beim gleichem Tarif (mal abgesehen von gesetzlichen Änderungen) startete ich bei rund 150,- DM und liege heute bei rund 250,- EUR (ohne Pflegeversicherungsanteil). Das ganze innerhalb von etwas mehr als 20 Jahren.

    Der Preis hat sich in 20 Jahren also grob ver-3,3-facht.

    Das ganze entspricht grob einer jährlichen Inflationsrate von 5%. Die Grundthese des HB-Artikels ist also falsch. Inflation wird berücksichtigt.

    @HB (oder dem intervieweten Menschen): IMO ist es hilfreich anzunehmen, dass bei Versicherungen auch Menschen sitzen, die rechnen können und das die Existenz einer Inflationsrate keine neue Entdeckung ist, auch kein schwergehütetes Geheimnis oder eine Besonderheit der letzten Jahre.

    @An Meckerköpfe: Die rund 5% sind der effektive jährliche Zuwachs. Die Hauptursache ist dabei die Politik. Ohne diverse "Solidarleistungen" (also Zwangszahlungen PKV --> GKV) würde der effektive Zins bei rund 3% liegen, also der tatsächlichen Inflationsrate.

    Tatsächlich ist es so, dass die PKV das macht, was ich liebe: Wirtschaftlich sinnvoll arbeiten. Und deshalb bin ich bei der PKV.



  • Es ist sicherlich naiv zu glauben, dass in der Privaten Krankenversicherung alles besser ist. Ich bin selbst seit Jahren privat versichert und als meine PKV vor kurzem die Preise drastisch anzog, habe ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt, zurück in die GKV zu wechseln.
    (...). Ich habe in die neue Versicherung gewechselt und genieße jetzt niedrigere Beiträge und bessere Leistungen.

    Letztendlich bin ich mehr als froh, dass ich nicht in die GKV gewechselt bin. Wie mit allen, man muss genau lesen. +++ Beitrag von der Redaktion editiert +++

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  • Bereits zu Beginn des Jahres haben die Versicherten an der Preisschraube gedreht und zum Teil die Beiträge um 40 Prozent angehoben. Nun ist mit Beginn des Herbstanfanges eine nächste Erhöhung der Beiträge für die PKV geplant. (http://www.pkv-testsieger.org/)

  • Nach meinen Informationen, wird in den neuen PKV-Unisextarifen ab 2013 ein niedriger Rechnungszins als in den aktuellen Tarifen bereits berücksichtigt. Ebenso wird die aktuellste Sterbetafel eingepreist. Insofern zeigt das ganz deutlich, dass die PKV auch bereit und in der Lage ist, auf die aktuellen Marktverhältnisse einzugehen. Wenn hier von den Befürwortern der BÜRGER-ZWANGSVERSICHERUNG über Lücken bei den Altersrückstellungen der PKV philosophiert wird, ist das doch geradezu absurd. Was unternimmt denn die GKV gegen das bevorstehende Demographieproblem von immer weniger jungen, gesunden arbeitenden Beitragszahlern gegenüber den immer älter werdenden und hohe Kosten verursachenden älteren Versicherten? Vielleicht sollte die GKV erstmal Antworten auf diese Fragen bringen. Die BÜRGER-ZWANGSVERSICHERUNG löst dieses Problem jedenfalls nicht.

  • Es wird immer wieder verschwiegen, dass die gkv eine verdeckte Versch8ldung von über 2 billiarden Euro vor sich her schiebt diese wird im Rahmen der Demographischen Entwicklung auf den immer kleineren teil der arbeitenden Beitragszahler abgewälzt. Bereits heuteverursachen Rentner mehr doppelt so hohe Kosten wie sie Beiträge zahlen. In Zukunft muss ein Arbeitnehmer sich, ggf seine Frau die Kinder und mindestens einen Rentner finanzieren. Die GKLV ist auf sicht nicht überlebensfähig, da immer weniger Beitragszahler immer mehr Leistungen aufbringen müssen

  • Alle die hoch bezuschusst werden(Beamte) oder Leute bei denen es finanziell nicht drauf ankommt, für die ist PKV eine Art Statussymbol. Alle anderen werden immer mehr in den finanziellen Ruin getrieben. Politiker,Verbraucherverbände,Gewerkschaften,Interessengemeinschaften,PKVs sollten weiterhin für deren Abschaffung plädieren. Versorgung von Kranken darf nicht immer weiter in Händen von Profitmachern bleiben.

  • Die Altersrückstellungen sind doch der größte Bluff des alten und neuen Jahrhunderts. JÜRGEN WASEM liegt mit seiner Aussage die Altersrückstellungen würden ab dem 65.Lebensjahr den Versicherten zu Gute kommen völlig daneben.
    Richtig ist, dass die Versicherer völlig willkürlich über die Verrentung entscheiden. Tatsächlich beginnt die PKV etwa mit dem 75 Lebensjahr mit der Verrentung der Altersrückstellungen. Viele PKV-Versicherte sind bis dahin verstorben. Die Versicherungswirtschaft nennt das "Sterbegewinne". Der Kunde spricht wahrscheinlich von Betrug.......

  • Selbst im sicher geglaubten Hafen der deutschen Staatsanleihen ist die aktuelle Verzinsung unterhalb der Inflationsrate. Die PKV-Versicherer werden um eine Anpassung des Rechnungszinses nach unten nicht herumkommen.
    Dies führt natürlich zwangsweise zu einer Erhöhung der Beiträge.
    Je niedriger der rechnerisch zugrunde gelegte Zinssatz, desto weniger rechnungsmäßige Zinserträge kommen der Alterungsrückstellung zugute und desto höher müssen dann die Zuführungen zu den Alterungsrückstellungen aus den PKV-Beiträgen sein. Der medizinische Fortschritt zum Beispiel in der Intensivmedizin in Verbindung mit steigender Lebenserwartung, sind weitere in der Vergangenheit nicht ausreichend berücksichtigte Kriterien, die sich in den Beitragsanpassungen der Zukunft massiv niederschlagen werden. Die PKV-Versicherer werden zukünftig trotzdem weiterhin Gewinne erzielen. Die Beitragsanpssungsklausel in der PKV macht dies möglich. Die Zeche zahlen nicht die Versicherungsmanager in Folge nicht ausreichender Kalkulationsgrundlagen ihrer PKV-Tarife, sondern wie immer, die PKV-Versicherten. Zumindest sollte der Gesetzgeber der Neuauflage von PKV-Tarifen durch die Versicherer einen Riegel vorschieben. Damit wären die privaten Krankenversicherer zwangsläufig zu einer langfristig angelegten Kalkulation der Tarife gezwungen.
    Bei den zum Ende des Jahres einzuführenden Unisextarifen in der privaten Krankenversicherung wird man sehen, ob man aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat. Ich bezweifele das sehr...

  • Jeden Tag eine andere Neagativmeldung über PKV.
    Das wird auch nicht mehr aufhören.
    Warum haben einige PKV schon den Ausstieg aus der Vollversorgung ins Spiel gebracht!!! PKV hat eine große Unterstützung durch Ärzte, weil diese einen Mehrfachen Gebührensatz für Versicherte abrechnen können. Nur warum sollen Versicherte für teils gleiche Leistungen mehr zahlen, was sich ja in den Tarifsteigerungen auswirken wird. PKV ist nicht überlebensfähig und hat eine Berechtigung nur in einem Konkurenzkampf mit Zusatzversicherungen, die alle Bürger erhalten können. Würde die PKV nicht schon durch hohe Steraufkommen (hohe Zuschüsse für Beamte),von allen Bundesbürgern subventioniert, so würde keiner mehr darüber reden.
    Sinn macht nur eine gesetzliche Krankenversicherung für alle und Beiträge von allen. Zusatzversicherungen nach Wahl für alle möglich. Neue Gebührenordnung die allen Versicherten zugänglich gemacht wird, damit Ärzte nicht dazu neigen, PKV Versicherte bevorzugt zu behandeln.

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