Kassen in Not
Privatversicherten drohen massive Beitragssteigerungen

Die privaten Krankenversicherer leiden unter den niedrigen Zinsen am Kapitalmarkt. Noch schafft die Branche es, mehr als 3,5 Prozent Rendite zu erwirtschaften. Doch wenn die Anlagezinsen so niedrig bleiben, muss ihr maßgebender Leitzins gesenkt werden. Das bedeutet satte Beitragserhöhungen.
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HB FRANKFURT. Die Finanzkrise bringt die privaten Krankenversicherer in Not und könnte für Versicherte zu deutlich höheren Kosten führen. Im Zuge der Krise sind die Anlagezinsen deutlich gesunken. Eine zehnjährige Bundesanleihe bringt nur noch knapp 2,5 Prozent, zeitweise waren es dieses Jahr sogar nur noch gut zwei Prozent. Die 46 privaten Krankenversicherer müssen jedoch mindestens 3,5 Prozent am Kapitalmarkt erwirtschaften - und zwar auf eine Summe von derzeit 144 Mrd. Euro. Das sind die Altersrückstellungen der Branche, Geld also, das dazu dienen soll, die Beitragssteigerung für Privatversicherte im Alter zu dämpfen.

Wegen dieser Altersrückstellungen rühmt sich die Branche gerne, denn bei der gesetzlichen Konkurrenz gibt es diese Art von Vorsorge nicht. Das Problem: Wenn die Branche ihren maßgebenden Leitzins, Rechnungszins genannt, nicht mehr am Kapitalmarkt erwirtschaften kann, muss sie diesen in Absprache mit dem Finanzministerium und der Finanzaufsicht Bafin senken. Das setzt jedoch einen fatalen Mechanismus in Kraft. Denn es entsteht ein Loch in den Kalkulationen der privaten Krankenversicherer.

In den Tarifen sind Kapitalerträge von 3,5 Prozent einkalkuliert. Wenn nun nur noch drei Prozent sicher kommen werden, müssen die Unternehmen diese Lücke wieder auffüllen. Das geschieht in der privaten Krankenversicherung jedoch nicht über die Mittel der Unternehmen, sondern über Beitragserhöhungen, die der Kunde zahlt. Wenn also beispielsweise der Rechnungszins von 3,5 auf 3,0 Prozent gesenkt würde, könnte dies höhere Beiträge von sechs bis acht Prozent zur Folge haben. Diese Zahl nennt die "Financial Times Deutschland", sie ist nach Branchenangaben realistisch.

Unklar und umstritten ist jedoch, unter welchen Umständen der Rechnungszins abgesenkt werden soll. Sollten es alle 46 Unternehmen in der privaten Krankenversicherung (PKV) gleichzeitig tun? Oder sollten schwächere Versicherer vorpreschen dürfen? Die Mehrheit der Branche will lieber abwarten und das Thema wie bisher vor sich herschieben. Für Entlastung sorgt ja bereits die Bundesregierung im Rahmen der Gesundheitsreform - weil die Rückstellungen für Beitragsrückerstattung länger steuerfrei bleiben.

Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) will mit dem Jahressteuergesetz zunächst befristet bis 2013 die Grenze erhöhen, bis zu der PKV - und Lebensversicherungsunternehmen steuerfrei Rückstellungen für Beitragsrückerstattungen (RfB) bilden können. Das erhöht kurzfristig den finanziellen Spielraum der PKV.

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  • Mit 75 Jahren zahle ich bisher 648.- mtl plus 1300,-- Selbstbehalt.
    Da kann einem nur noch Mm. betancourt helfen.

  • Kommentar zu "tommel" ich glaube hier verwechseln Sie etwas, die PKV wird nicht von Steuergeldern gefördert, ganz im Gegensatz zur Gesetzlichen!! Ausserdem fliessen noch weitere Quersubventionierungen vom PKV System ins GKV System!
    Zum Artikel selbst: Es ist richtig das lange Zinsniedrigphasen auch Auswirkungen auf die PKV hat, wie übrigens auf alle branchen und alle Menschen, auch wenn Sie privat sparen ;-) Hier ist die Finanzstärke der einzelnen Unternehmen wichtig. Und wie es, (vermutlich ein Kollege M.Hübner) bereits erwähnt hat liegen die meisten Versicherer deutlich über der Mindestverzinsung!! Ausserdem sind Altersrückstellungen, auch wenn Sie zukünftig erhöht werden müssen unverzichtbar!! Oder wollen wir bei der PKV auch erst im Rentenalter den "baseballschläger" auf den Kopf bekommen, wie in der Gesetzlichen. Also allemal besser erhöhte Rückstellungen als GAR KEiNE!!!! Den Kopf in den Sand zu stecken bringt nun mal nix, zahlen tun wir alle, früher oder später und das nicht nur in der KV. Da zahl ich lieber jetzt schon mehr, als später finanziell gar nicht mehr zu können!!!

  • jaja. das pkv-system wirds solange geben, solange beamte (d.h. politiker inbegriffen) von diesem System profitieren. Es wird dann halt künstlich mit noch mehr Steuergeldern am leben gehalten. Eins ist klar, für den gkv-kunden wird die belastung noch mehr ins unermessliche steigen oder es kommt endgültig zum platzen im gesundheitssystem. Krankenhäuser müssen schliessen, weil nicht mehr finanzierbar. Ärzte können ihre Praxen dichtmachen, da die Kassen die Kosten drücken wollen. Die Spirale wird sich schon drehen und deflationäre Züge annehmen.

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