Kollektivmanagement
Renaissance des Kollektivs

Die Masse zählt, weil die Masse zahlt. Das gilt sowohl für das Bausparen als auch für das Versichern. Im Kollektiv erzielen Bausparkassen und Versicherer Milliardenumsätze – und deren Kunden können sich gegen Risiken absichern, die sie alleine nicht stemmen können.

DÜSSELDORF. Die Finanzkrise hat viele Begriffe und Modelle, die als verstaubt galten, wieder in Mode gebracht. Das Kollektiv gehört dazu.

Beispiel Bausparen: Das Grundprinzip ist anschaulich. So wie sich Nachbarn beim Hausbau helfen können, um schneller voran zu kommen, so schließt sich eine Gruppe Sparer zusammen, um ein Haus nach dem anderen zu finanzieren. Das geschieht freilich angesichts der Zahl von mittlerweile über 30 Mio. Bausparverträgen in Deutschland mit einer Bausparsumme von gut 750 Mrd. Euro nach komplizierten Regeln. Denn die Bausparkassen müssen einerseits die Balance von eingezahltem Geld und vergebenen Krediten wahren und genau festlegen, welcher Bausparer wann mit seinem Darlehen an der Reihe ist. Das erfordert ausgetüftelte mathemathische Modelle. Schließlich, und das ist ganz wichtig, braucht das Kollektiv ständig frisches Blut, sprich neue Sparer, damit es ihm gut geht. Dazu dienen Tarife, die etwa besonders günstige Darlehenszinsen versprechen. Hier sind die Mathematiker gefragt, denn die Kunden wollen natürlich am liebsten hohe Sparzinsen und niedrige Kreditzinsen. Beides geht aber nicht, sonst läuft das System aus dem Ruder.

Walter Weiler, Chefmathematiker des Marktführers aus Schwäbisch Hall, der bezeichnenderweise den Titel „Bereichsleiter Kollektivmanagement“ trägt, formuliert die Gratwanderung so: „Grundlage der Bauspartarifentwicklung ist die Simulation des Bausparkollektivs, um unter verschiedenen Szenarien die künftige mögliche Entwicklung des Kollektivs zu erkennen und bei Bedarf entsprechende Maßnahmen rechtzeitig ergreifen zu können.“

Auf dem Kollektivgedanken beruhen letzlich auch die Versicherungen. Dient das Bausparen dazu, eine Finanzierung zu kalkulierbaren Konditionen zu erhalten, so ermöglichen es Versicherungen erst, Risiken wie Krankheit oder Feuerschäden überhaupt kalkulierbar zu machen und entsprechend abzusichern. Die Versicherungsmathematiker (Aktuare) sprechen vom „Ausgleich im Kollektiv“. Dahinter steckt das „Gesetz der großen Zahl“, das „Grundgesetz der Versicherungswirtschaft“, wie es der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) bezeichnet. Denn je größer die Zahl der Versicherten ist, die sich gegen ein bestimmtes Risiko absichern, desto besser lässt sich die Schadenshäufigkeit berechnen und desto niedriger können die Prämien sein. Ein einfaches Beispiel ist die Kfz-Haftpflichtversicherung, die im Gegensatz zur genauso wichtigen privaten Haftpflichtpolice gesetzlich vorgeschrieben ist. Das Kollektiv, sprich die Versicherung, bietet dem einzelnen Mitglied eine Absicherung gegen Schäden, die sich auf zig Millionen Euro summieren können – und das für einen Jahresbeitrag von einigen hundert Euro. Das Gesetz der großen Zahl macht es möglich. So lässt sich berechnen, wie viele Schäden und welche Kosten zu erwarten sind – aber nicht, wen es trifft. Die meisten Versicherten werden kein Geld bekommen und auch froh darüber sein, weil sie in diesem Fall keinen Schaden verursacht haben. Und so können die Versicherungsmathematiker aus der Wahrscheinlichkeit des Schadensfalls und der Schadenshöhe die Prämie kalkulieren.

Soweit die Theorie. Doch die Tatsache, dass Versicherer auch bittere Verluste erleiden oder gar in Schieflage geraten, zeigt: Die Grundannahmen können sich als unzutreffend erweisen. So müssen die Lebensversicherer damit klarkommen, dass ihre Kunden immer älter werden. Auch daher ist der stetige Zustrom neuer Kunden so wichtig: „Neue Erkenntnisse über die Lebenserwartung können nur bei neuen Verträgen berücksichtigt werden. Neue Mitglieder tragen damit dazu bei, dass für das Gesamtkollektiv die Garantien auch bedient werden können“, sagt Gerd-Michael Hartmann, verantwortlicher Aktuar der R+V Lebensversicherung.

So müssen die Versicherungsmathematiker ihre Modelle ständig verfeinern. Geld sollte dabei jedenfalls keine Rolle spielen. Die Bundesbürger verfügen über knapp 440 Mio. Policen und bringen den im GDV zusammengeschlossenen Unternehmen jährliche Beitragseinnahmen von rund 165 Mrd. Euro.

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