Krankenversicherer
Wie Kassen Kranke drangsalieren

Versicherte werden immer wieder von ihrer Krankenkasse behelligt. Besonders unangenehm kann das dann sein, wenn die Versicherer die Krankschreibung anzweifeln. Datenschützer warnen vor Grenzüberschreitungen.
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BerlinSelbst Angela Merkel war aufgeschreckt. Zu Tausenden hatten sich Patienten über Krankenkassen beschwert, die ihnen ohne ausreichenden Grund Leistungen und Krankengeld verweigerten. „Wir gehen solchen Vorwürfen nach“, versprach die Kanzlerin im Bundestagswahlkampf. Doch seither hat sich offenbar wenig geändert: Bei den Kassen sind die Grenzen zwischen Kümmern um die Versicherten und Drangsalieren fließend.
Auf die Probleme hingewiesen hatte damals die Unabhängige Patientenberatung Deutschland (UPD). Die Regierung schloss sogar schärfere Gesetze nicht aus. Entwarnung geben die Berater der UPD aber bis heute nicht. „Beschwerden zum Thema Krankengeld haben nicht nachgelassen“, sagt Geschäftsführer Sebastian Schmidt-Kaehler. „Das ist eines der schwierigsten Beratungsthemen, weil es sehr angstbesetzt ist und weil es oft um die wirtschaftliche Existenz der Versicherten geht.“ Einen neuen Überblick will die UPD mit einem Jahresbericht Anfang Juli geben.

Dass manche Krankenkassen krankgeschriebene Versicherte weiterhin drängen, wieder zu arbeiten, bestätigt auch der zuständige Referatsleiter bei der Bundesdatenschutzbeauftragten, Bertram Raum. Wie gehen Kassenmitarbeiter dabei vor?
„Einige Kassen fragen ein- bis zweimal pro Woche telefonisch bei den Versicherten nach“, sagt Raum. „Die meisten Krankenkassen schicken auch umfangreiche Selbstauskunftsbögen an die Versicherten, die den Eindruck entstehen lassen, dass die Zahlung des Krankengeldes von den umfangreichen Auskünften abhängt.“ Oft werde unzulässig nach Diagnosen und Befindlichkeit gefragt. Einige Kassen wollten Versicherte auch frühzeitig zu einer stationären Reha drängen. Denn dann zahlt die Rentenversicherung. In dem gesamten Bereich gebe es viele Eingaben.

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink sieht Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) und die Aufsichten gefordert - also Bundesversicherungsamt und Landesregierungen. „Gerade für Menschen mit einer psychischen Erkrankung können Kontrollanrufe bestehende Krisen verschärfen“, meint sie. Alarmierend sei, dass sogar von Telefonterror die Rede sei. Klein-Schmeink warnt, die schwarz-rote Gesundheitsreform könnte Wettbewerb und Sparkurs bei den Kassen noch anheizen.

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Wie viele sich beschweren, ist unklar

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