Lebensversicherer im Visier der Finanzaufsicht
Der Stresstest ist mehr für interne Zwecke

Wie groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Aktien 35 % ihres Wertes verlieren und die Renten zur gleichen Zeit 10 %? Äußerst gering, sagen die Fachleute. Trotzdem ist dieses Szenario die Variante A für den so genannten Stresstest, dem sich Lebens- und Krankenversicherer unterziehen müssen. Wenn sie eine derartige Entwicklung überleben würden, gilt der Test als bestanden, andernfalls gelten sie als durchgefallen. Die Variante B ist milder: Hierbei wird nur ein Einbruch der Aktienbörse um 20 % und des Rentenmarktes um 5 % unterstellt.

HB DÜSSELDORF. „Der Stresstest ist nicht alles“, stellt Jochen Sanio, der Chef der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, klar. Er vernachlässigt zum Beispiel die Frage, ob die Aktienbestände am Terminmarkt abgesichert sind. Außerdem werden stille Reserven, die in so genannten Namenspapieren stecken, nicht berücksichtigt. Diese Papiere, in der Regel Zinstitel, werden in der Regel unabhängig von Marktschwankungen bilanziert, weil sie individuell auf den Käufer ausgestellt sind und daher nicht als unmittelbar verkäuflich gelten. Bei sehr niedrigem Zinsniveau ergibt sich aber de facto eine Reserve bei älteren Papieren mit höheren Zinssätzen. Wichtig: Die Kapitalsituation des Mutterkonzerns wird ebenfalls nicht berücksichtigt.

Wegen dieser Einschränkungen hält Sanio, dessen Behörde der Branche den Stresstest aufgenötigt hat, ihn für gar nicht geeignet zur Außendarstellung. Er dient nach seiner Auffassung als eine Art Warnsystem: Wenn ein Unternehmen ihn nicht besteht, schaut das Amt die Anlagestrategie und die Kapitalausstattung genauer an. Ein bestandener Stresstest sei daher kein Grund, damit zu werben, meint der Aufseher – ein nicht bestandener bedeute auch nicht gleich, dass das Unternehmen finanzielle Probleme habe.

Trotz aller guten Worte: Für die Lebensversicherer hat der Stresstest in der Öffentlichkeit schon einigen Wirbel verursacht. Vor allem die Victoria Leben und Axa Leben haben Aufsehen erregt, weil sie ihn nicht bestanden haben. Bei beiden stehen allerdings kapitalstarke Konzerne im Hintergrund – bei der Victoria die Münchener Rück, bei der Axa die gleichnamige Muttergesellschaft in Frankreich.

Die Stresstests der Krankenversicherung sind dagegen weitgehend geräuschlos über die Bühne gegangen. Das liegt auch daran, dass in der Öffentlichkeit die Bedeutung der Kapitalanlage für diese Branche weniger bekannt ist, dort stehen eher die Beiträge und der Leistungskatalog im Vordergrund. Doch die Krankenversicherer betreiben in großem Umfang und vor allem mit sehr langfristiger Perspektive die Kapitalanlage. Sie bilden derart Altersrückstellungen, die dafür sorgen sollen, dass der Beitrag in etwa konstant bleibt, obwohl der durchschnittliche Kunde mit zunehmendem Alter immer mehr Leistungen in Anspruch nimmt. Die Qualität der Kapitalanlage entscheidet deswegen, ob diese Stabilität tatsächlich erreicht wird.

Großanleger wie die Allianz setzen auf eigene Methoden, um die Kapitalmarktrisiken im Griff zu behalten: Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Lebensversicherung, versichert: „Wir machen laufend Stresstests, und die sind viel ausgefeilter als das, was die Finanzaufsicht vorschreibt.“ Dabei soll der Bafin-Test unter Federführung der Allianz entworfen worden sein.

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