Lebensversicherer machen sich keine großen Sorgen
Erst Versicherungsboom – dann Rürup-Rente

Zum Jahresende fällt das Steuerprivileg für die Kapitallebensversicherung. Vertreter mahnen zur schnellen Unterschrift. Doch Verbraucherschützer warnen vor übereilten Abschlüssen. Außerdem wartet mit der Rürup-Rente eine ganz neue Generation von Versicherungen.

Auch schlechte Nachrichten lassen sich manchmal in eine gute Botschaft verwandeln. Als Wolfgang Oehler in der Kantine der Württembergischen Lebensversicherung vor die Aktionäre trat, zog der Vorstandschef des Stuttgarter Unternehmens nicht nur ein letztes Mal über den Verlust des Steuerprivilegs für Sparpolicen her, er erklärte während der Hauptversammlung auch, dass eben dieser "sozialpolitische Unsinn", diese "Strafsteuer auf Altersvorsorge" ein unüberhörbares Signal zum Aufbruch für die gesamte Branche sei: "Der Startschuss für einen Schlussverkauf" - und zwar "im wahrsten Sinne des Wortes".

Oehlers Prognose könnte aufgehen. Denn die Kapitallebensversicherung mit totaler Steuerfreiheit für alle Erträge ist ein Auslaufmodell. Schon vom kommenden Jahr an dürfen die Versicherer nur noch Policen anbieten, die nach neuem Recht besteuert werden. So steht es im Alterseinkünftegesetz.

Letzte Chance auf steuerfreie Auszahlung

Bis Januar gelten noch die alten Spielregeln. Das wollen die Versicherer nutzen, um auf den letzten Drücker noch so viele Policen wie möglich an den Mann zu bringen. "Die Kunden haben jetzt die letzte Chance, sich einen Vertrag mit steuerfreier Kapitalauszahlung zu sichern", sagt Oehler. Das Jahr, in dem die Lebensversicherer ihr Steuerprivileg verlieren, so die Hoffnung ihrer Vertreter, soll das Boomjahr der Branche werden.

Selbst der Rekord von 1999 lässt sich knacken, schätzt Heijo Hauser, Deutschland-Chef der internationalen Unternehmensberatung Tillinghast-Towers Perrin. Damals schnellte die Versicherungssumme der neu abgeschlossenen Verträge auf 295 Milliarden Euro hoch - gut 90 Milliarden Euro mehr als 1998. Der Unterschied: "Damals wurde die Abschaffung des Steuerprivilegs nur diskutiert", sagt Hauser, "jetzt ist sie beschlossene Sache." Nach der Arithmetik der auf Versicherungen spezialisierten Unternehmensberater in Köln ist in diesem Jahr ein Neugeschäft im Wert von 320 Milliarden Euro Versicherungssumme drin.

Angst vor Hartz IV

Die Hoffnung auf eine Jahresendrally teilt nicht jeder. Seit Wochen machen sich in der Branche Zweifel breit. Zu den Pessimisten zählt der Präsident des Bundesverbandes Deutscher Versicherungskaufleute (BVK): "Den Boom wird uns Hartz IV heftig verhageln", befürchtet Michael Heinz. Schuld ist die hitzige Diskussion über die Folgen der Hartz’schen Arbeitsmarktreform, schuld ist vor allem die Tatsache, dass Langzeitarbeitslose ihre Finanzpolster zumindest teilweise aufbrauchen müssen, bevor sie ein Anrecht auf staatliche Stütze haben. Das betrifft auch Lebensversicherungen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungen (GDV) schätzt, dass 2003 etwa 50.000 Policenstornos auf das Konto der Bundesanstalt für Arbeit gingen. Insgesamt sei die Stornoquote von 4,9 Prozent in 2002 auf 5,5 Prozent im vergangenen Jahr gestiegen.

Dass Hartz IV den Vertretern das Leben schwer macht, heißt aber nicht, dass der Ausverkauf der letzten Sparpolicen mit Steuerprivileg ausbleibt. Von der typischen Hartz-IV-Klientel hätten Vertreter sowieso nichts zu erwarten, glaubt Frank Schepers von Tillinghast. Dass die Verbraucher verunsichert sind, bestreitet der Unternehmensberater nicht. Nur die Wirkung schätzt Schepers anders ein als BVK-Präsident Heinz: "Die Anbieter werden die Unsicherheit ausnutzen, um in diesem Jahr die Produkte durchzudrücken, die die Kunden gut kennen" - die Kapitallebensversicherung eben samt Steuervorteil.

Erste Anzeichen für den Beginn des Schlussverkaufs sind zu erkennen. Bei der Allianz Lebensversicherung zogen die laufenden Neubeiträge im Juli binnen eines Monats um 10,4 Prozent an. Die Württembergische Leben meldete schon für die erste Jahreshälfte gut laufende Geschäfte. Die neue Beitragssumme stieg um 7,7 Prozent. Für das Gesamtjahr rechnet Oehler mit einem "zweistelligen Zuwachs". Dass sich der ersehnte Kaufrausch der Kunden für seine Gesellschaft auszahlt, stand für den Chef der Württembergischen Leben schon bei der Hauptversammlung fest: "Sie war noch nie so konkurrenzfähig, die gesetzliche Rentenversicherung noch nie in einer so schlechten Verfassung, die Menschen noch nie so verunsichert.

Keine überstürzten Abschlüsse

"Gemach! Alle drei Gründe zusammen ergeben aus Sicht des Anlegers noch lange keinen Grund, unbedingt in diesem Jahr eine kapitalbildende Lebensversicherung abzuschließen. Vielleicht lässt sich damit die gefühlte Verunsicherung lindern - eine Garantie, dass sich dadurch auch die tatsächliche Absicherung des Lebensstandards im Rentenalter verbessert, ist das aber nicht. Verbraucherschützer warnen davor, sich von Vertretern zum überstürzten Policenabschluss drängen zu lassen, "weil das Produkt schlecht ist", wettert Achim Tiffe vom Institut für Finanzdienstleistungen in Hamburg (IFF). Auch die letzte Chance auf einen Steuervorteil sollte niemanden über die produktbedingten Nachteile der Sparpolicen hinwegtäuschen.

Mangelnde Transparenz

Neben den Steuervorteilen werben die Versicherer vor allem mit dem Garantiezins. Dieser beträgt aktuell 2,75 Prozent. Vor wenigen Jahren waren es noch 4,0 Prozent. Allerdings versteht kaum ein Kunde, auf welchen Betrag sich diese Garantie bezieht. Die Basis der Mindestverzinsung ist nicht etwa der monatliche Beitrag, sondern nur der Teil, den die Versicherung für den Kunden tatsächlich anlegt. Bezogen auf den Gesamtbeitrag ist der Garantiezins von 2,75 Prozent je nach Gesellschaft und Laufzeit des Vertrages nur noch 0,5 bis 1,5 Prozent wert.

Mit dem Vermögensaufbau zu Gunsten ihrer Kunden haben es Versicherer in der Regel nicht eilig. Bevor sie etwas von den monatlichen Beiträgen für die Anleger auf die hohe Kante legen, zwacken sie erst einmal im Schnitt zehn bis 15 Prozent für ihren Verwaltungsapparat, den Vertreter und seine Provision sowie weitere fünf oder mehr Prozent für das Todesfallrisiko ab.

Separate Absicherung ist günstiger

Letzteres ist für Familien sinnvoll: Stirbt der versicherte Ehepartner, zahlt die Versicherung den Hinterbliebenen die vereinbarte Summe. Damit lassen sich zumindest finanzielle Lücken stopfen, die sich nach dem Tod eines Ehepartners regelmäßig ergeben, weil der Überlebende die Kinder plötzlich alleine durchbringen muss. Für diesen Schutz ist aber keine Kapitallebensversicherung nötig. Die Absicherung des Todesfalls ist als separate Police zu haben. Die Familiensicherheit lässt sich ohne die bei Kapitallebensversicherungen obligatorische Sparbuchfunktion erheblich günstiger und bedarfsgerechter gestalten.

Nicht nur der Risikoaspekt schmälert die Basis für den Kapitalaufbau. Besonders stark zu Buche schlägt die Art und Weise, wie Versicherungsmathematiker die Kosten eines Vertragsabschlusses verrechnen. Statt sie gleichmäßig über die gesamte Laufzeit der Police zu verteilen, greifen die meisten Versicherer besonders gerne am Anfang zu. Zillmerung heißt das Verfahren. Die Beiträge eines Kunden dienen in den ersten Jahren vor allem dazu, die Provision des Vertreters abzuzahlen. Bei schlechten Gesellschaften hat sich selbst drei, vier Jahre nach Vertragsabschluss kaum etwas auf dem Sparkonto des Kunden angesammelt. Die Zeit am Anfang fehlt am Ende umso mehr, weil der Zinseszinseffekt seine Turbowirkung regelmäßig erst nach einem längeren Vorlauf entfaltet.

Fehlende Flexibilität

Schon jetzt haben die Deutschen mehr Sparpolicen unterschrieben, als sie finanzieren können. Unabhängige Experten und Verbraucherschützer schätzen, dass etwa jede zweite Police während der Laufzeit gekündigt wird. Arbeitslosigkeit, Scheidung und die Beratungssünden konkurrierender Versicherungsvertreter, die sich gegenseitig Kunden abspenstig machen, zählen zu den häufigsten Ursachen von Stornos. Neuerdings kommt der Druck der Arbeitsämter auf Langzeitarbeitslose mit Vermögen dazu.

Für den Anleger ist ein Storno mit empfindlichen Einbußen verbunden. Das liegt wieder an der Zillmerung: Wenn Versicherer in den ersten Jahren nach Vertragsabschluss zuerst an sich und ihren Vertreter denken, entgeht Kunden die besonders ertragreiche Endphase, wenn sie ihren Vertrag vorzeitig kündigen. Stornoabschläge tun schließlich ihr Übriges, die Kündigung einer Sparpolice zum Verlustgeschäft für den Anleger zu machen.

Auf die Nachteile einer Kapitallebensversicherung weist aber kaum ein Vertreter hin. Auch in diesem Herbst stehen bei der Beratung wieder die Steuervorteile im Vordergrund. Wer für seinen Ruhestand privat vorsorgen will, wird jedoch auch im kommenden Jahr geeignete Kapitalanlagen finden. Das Alterseinkünftegesetz steckt sogar den Rahmen für eine ganz neue Generation von Versicherungen ab.

Rürup-Rente als Alternative

Einen saloppen Namen für den Volksmund gibt es schon: Rürup-Rente heißen die Sparpolicen der Zukunft. Sie dürften insbesondere für Selbstständige zu einem interessanten Baustein bei der Altersvorsorge werden. Bei Rürup-Renten werden nicht mehr die Beiträge in der Ansparphase versteuert, sondern erst die Renten in der Auszahlungsphase. Nachgelagerte Besteuerung heißt das Prinzip. Vorteil: Der Fiskus verzichtet jahrelang auf Steuern. Außerdem sind die individuellen Steuersätze bei den meisten Bürgern im Ruhestand erheblich niedriger als während ihres Arbeitslebens. Im Grunde folgt die Bauart der Rürup-Rente dem Vorbild der gesetzlichen Rentenversicherung - nur dass die Rendite nicht wie bei den umlagefinanzierten Rentenkassen vom Arbeitsmarkt abhängt, sondern vom Erfolg der Versicherungsgesellschaft am Kapitalmarkt.

Produkte erst zum Jahresbeginn

Die neuen Policen liegen schon in den Schubladen der Unternehmen. Zu haben sind sie aber noch nicht. So kündigte die AMB Generali zwar bereits eine "Produktoffensive Leben 2005" an. Gleichwohl werden die zum Konzern gehörenden Lebensversicherer die "attraktiven Produkte zur lebenslangen Basisversorgung" erst zum Jahresbeginn anbieten. Bis dahin sollen die Vertreter möglichst viele Sparpolicen alter Bauart verkaufen.

Das Leben geht weiter: für die Vertreter, für die Kunden, für die Versicherer. "Die private Rentenversicherung und die Rürup-Rente werden von 2005 an die Schwerpunkte sein", sagt Wolfgang Bitter voraus. Der Vorstandschef der Itzehoer Versicherungen schaut mit Zuversicht in die Zukunft. "Gedanken machen wir uns auch", gibt Bitter ohne Ärger über den Verlust des Steuervorteils zu, "aber keine großen Sorgen."

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 37 vom 02.09.2004 Seite 104

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