Lebensversicherungen
Die neun Leben des Herrn Kaiser

Seit 35 Jahren gibt es den Herrn Kaiser, seit 35 Jahren steht er für Lebensversicherungen. Kurze Zeit schien es, als habe sich das Produkt selbst überlebt. Doch der Dinosaurier unter den Sparformen ist nicht totzukriegen, genauso wenig wie Herr Kaiser. Wie ein umstrittenes Projekt neu verpackt wird.

DÜSSELDORF. Um es gleich vorweg zu sagen: Herr Kaiser ist nicht totzukriegen. Günter Kaiser lebt, obgleich es kurze Zeit so schien, als habe sich das Produkt überlebt, das er seit 1972 verkörpert. Seit 35 Jahren also gibt es den Herrn Kaiser, seit 35 Jahren steht er für Lebensversicherungen, die auch für den Fall des Nichtablebens Kapital bilden sollen und die sich vor allem für die Anbieter als enorm kapitalbildend erwiesen haben.

Dass Herr Kaiser – mittlerweile in dritter Darstellergeneration jung geblieben – langlebig ist, zeigt sich auch auf Branchentreffs wie vor kurzem der DKM in Dortmund. Dort lockt der aktuelle Herr-Kaiser-Darsteller Nick Wilder (54) mit einem gemeinsamen Foto. Und die Finanzvermittler und Versicherungsmakler lassen sich nicht lange bitten, stehen Schlange, zücken Digitalkameras und Handys, telefonieren Kollegen herbei. „Ich schicke das Bild meiner Mutter. Die versteht nicht genau, was ich beruflich mache. Aber wenn sie das Bild mit Herrn Kaiser sieht, weiß sie, dass ich es geschafft habe“, sagt ein Vertreter.

So hat es auch die Lebensversicherung, der Dinosaurier unter den Sparformen, auch dank des Fiskus wieder einmal geschafft. Mehr als einmal wurde etwa die Kapitalpolice totgesagt, zuletzt 2005 mit dem Ende der Steuerfreiheit. Immer voreilig. So etwa 1983, als das Landgericht Hamburg dem Bund der Versicherten erlaubte, die Lebensversicherung zur Altersvorsorge in einer Broschüre als „legalen Betrug“ zu bezeichnen. Ende der Neunziger lachten Millionen über sieben Prozent Gesamtverzinsung – Garantiezins plus Überschussbeteiligung – pro Jahr. Denn auch am Neuen Markt gab es eine Gesamtverzinsung von sieben Prozent, allerdings, wenn es gut lief, pro Tag. Mit dem Crash ab dem Jahr 2000 gingen nicht nur die Aktienkurse und Anleihenrenditen, sondern auch die Gesamtverzinsung von Lebensversicherungen in die Knie. Wer diese mit zu hohen Erwartungen als Tilgungsinstrument für Hauskredite eingesetzt hatte, stand vor einem finanziellen Scherbenhaufen.

Die letzte Totsagung datiert aus dem Jahr 2004, als der Gesetzgeber zum Ultimo das Steuerprivileg der Lebensversicherungen kippte. Aber wie immer, wenn die Politiker die Spielregeln verändern, hatten die Versicherungsvertreter alle Hände voll zu tun. Elf Millionen Policen setzte die Branche im Winterschlussverkauf 2004 ab, im Schnitt eine neue Police alle zwei Sekunden, ein Jahr lang.

Das lässt ahnen, was bald folgt. Nur noch eine Million Kapitallebensversicherungen policierten die Anbieter zwar im letzten Jahr. Eine an sich imposante Zahl, doch für die über Jahrzehnte erfolgsverwöhnte Versicherungsbranche entspricht das ungefähr dem Zustand der Leichenstarre. „90 Prozent unseres Neugeschäfts erzielen wir inzwischen mit Rentenversicherungen“, erklärt Jörg Braun, Leiter des Maklervertriebs der Allianz Leben. Und während Braun für diesen Satz ungefähr fünf Sekunden braucht, sind in diesen fünf Sekunden dem ewigen Marktführer Allianz Leben rund 105 000 Euro Beitragseinnahmen allein im Lebensversicherungsgeschäft zugeflossen.

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