Lebensversicherungen verlieren weiter an Attraktivität
Garantiezins auf Sinkflug

Der Garantiezins für Lebensversicherungen wird noch weiter gesenkt, die Überschussbeteiligung auch - schlecht für die Kunden, gut zumindest für Aktionäre.

Auf 2,25 oder doch gleich auf 2,00 Prozent? Darüber brüten derzeit die Mathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung (DAV). Noch beträgt der Garantiezins für Lebensversicherungen 2,75 Prozent, so gut wie fest steht, dass er 2007 für Neuverträge gesenkt wird. Die Frage ist nur noch, um wie viel. Klingt wie eine Petitesse, macht aber viel aus: Bei 2,75 Prozent bekommt ein Kunde, der 30 Jahre monatlich 100 Euro einzahlt, bei einem angenommenen Sparanteil von 75 Prozent eine garantierte Ablaufleistung von 42 255 Euro. Bei einem Zins von 2,25 Prozent sind es 38 830 Euro - 8,1 Prozent weniger.

Die Garantie muss sinken, weil sie laut Gesetz an die Zinsen der Staatsanleihen gekoppelt ist. Deren Rendite fiel von weit über vier auf gerade noch drei Prozent. Höher als sechs Zehntel dieses Wertes darf die Garantie aber nicht sein. Weil mit frischem Geld am Anleihenmarkt so wenig zu holen ist, fällt neben der Garantie auch der Beteiligungsbetrag der Kunden an den Überschüssen der Assekuranzen. Walter Thießen, Chef des zweitgrößten deutschen Lebensversicherers ABM Generali, beschreibt das Anlageelend: "In einer Niedrigzinsphase ist es immer dann schwierig, wenn der durchschnittliche Garantiezins der bisher verkauften Policen über dem aktuellen Kapitalmarktzins liegt. Das kann man nur eine Weile mit seinem Anlageportfolio überbrücken." Dazu kommt, so Maximilian Zimmerer, Finanzvorstand der Allianz Leben (siehe Interview): "Bis sich eine Garantiezinssenkung im Bestand auswirkt, vergehen 10 bis 20 Jahre." Selbst die Quote, mit der Versicherte an den Unternehmensgewinnen beteiligt werden, sähen viele Anbieter lieber heute als morgen ebenfalls sinken. Bleibt die Frage: Warum sollten Anleger da noch Lebensversicherungen kaufen?

Zinsen können nachträglich sinken

Auch wenn Versicherungsvertreter ihre Kunden mit diesem Detail lieber verschonen: Der Garantiezins ist nicht die unterste, sondern im Gegenteil die oberste Grenze, bis zu der die Verzinsung des Sparanteils über die gesamte Laufzeit verbindlich zugesagt werden darf. Gerät ein Anbieter ins Trudeln, darf das Bundesaufsichtsamt für Finanzdienstleistungen (Bafin) den im Vertrag vermeintlich gesicherten Zins auch nachträglich senken.

Jedem Unternehmen stand es schon immer frei, niedriger verzinste Verträge anzubieten. Es hat sich bisher nur keiner getraut: Die Kollegen aus Marketing und Vertrieb hätten Hand in Hand die Vorstandsbüros gestürmt. Die Axa wagt sich jetzt vor. Deren Chef Henri de Castries kündigte an, Axa werde eine Police mit geringerer Zusage offerieren. Sie garantiere nach US-Vorbild die Auszahlung der Prämien im Todesfall und im Erlebensfall nur eine Mindestrente. Details - vor allem, welchen Vorteil das für ihre Kunden hat - will die Axa noch nicht nennen.

Versicherungen schlecht zu verkaufen

Den Versicherungsvertretern gehen langsam die Verkaufsargumente aus. Was war das für sie doch schön - und schön provisioniert -, als die Erträge aus Lebensversicherungen noch steuerfrei waren, als der Garantiezins weit überm Sparbuch lag und dank zusätzlich sprudelnder Überschussbeteiligungen die Hochrechnungen Renditen um 6,5 bis 7,0 Prozent in Aussicht stellten. Schnee von gestern, heute sind es um die vier Prozent. Thomas Steffen, Chef der Bafin-Versicherungsaufsicht, prophezeit den Kunden: "Wegen der niedrigen Zinsen können wir uns auch im nächsten Jahr auf niedrigere Überschüsse einstellen."

Ulrich Brock vom Bundesverband Deutscher Versicherungskaufleute sagt über die Perspektive der Lebensversicherungen: "Ihr Verkauf ist schon jetzt unter den derzeitigen gesetzlichen Rahmenbedingungen fast unmöglich." Denn zum Steuer- und Renditefrust kommt bei vielen Kunden die Angst um den Job. Lebensversicherungen sind nicht "Hartz-IV-sicher": Sie müssen im Ernstfall auch mit Verlust verkauft werden. Vorstände, die glauben, das sei ein Minderheitenproblem, irren. Brock: "Das höre ich auch von bestens ausgebildeten Leuten regelmäßig: Wer weiß, wie lange ich einen Arbeitsplatz habe?"

Markt vor Konsolidierung

Kunden, die von 2007 an einen Vertrag abschließen oder jetzt schon kaum mehr als den Garantiezins gutgeschrieben bekommen, haben ein zusätzliches Problem. Auf dem Zweitmarkt für gebrauchte Policen sind diese Verträge wegen des niedrigeren Rückkaufwertes kaum gefragt. Mehr denn je wird entscheidend sein, bei welcher Gesellschaft der Vertrag läuft. Michael Hoesch, Geschäftsführer des Policenaufkäufers Life Bond, sagt: "Sicherlich haben wir ein Interesse an einem hohen Garantiezins. Aber für uns kommt es auf das Anlagemanagement der Gesellschaft an."

Der Markt teilt sich. Experten erwarten Übernahmen. Steffen: "Ich bitte die Branche, sich darauf vorzubereiten, bevor es zu spät ist. Die Konsolidierung kommt auf leisen Sohlen." Und unter Beobachtung der Aktionäre. Bisher dürfen maximal zehn Prozent des Unternehmensgewinns an sie ausgeschüttet werden. In anderen Ländern sind es bis zu 20 Prozent. Marktführer Allianz zeigt, wohin die Reise geht: Sie senkte die Quote von 94,4 Prozent auf 91,2 Prozent. Versicherungsanalysten notierten es wohlwollend. Die Kunden nicht.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 29 vom 14.07.2005 Seite 086

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