Neue EU-Regeln
Versicherer in der Haft-Plicht

Die EU zwingt die deutschen Versicherer, ihren Kunden mehr Rechte zuzugestehen. Die können jetzt auf mehr Transparenz und bessere Beratung hoffen – oder die Vermittler für Fehler haften lassen.
  • 0

DÜSSELDORF. Die alte Dame, der Immobilienkäufer und das Opfer eines Hausbrandes hatten im vergangenen Jahr mehr gemeinsam, als sie je ahnten. Die Dame unterschrieb kurz vor Rentenbeginn den Vertrag für eine Kapitallebensversicherung, Laufzeit 15 Jahre. Sie musste einen Jahresbeitrag zahlen, den sie als Rentnerin gar nicht mehr aufbringen konnte. Die Tochter stornierte die Police, die Mutter verlor Geld. Der Immobilienbesitzer wollte mit der Auszahlung einer Kapitallebensversicherung seinen restlichen Hauskredit tilgen, doch die Summe war um 30 000 Euro niedriger als einst optimistisch in den Unterlagen hochgerechnet. Und die ostdeutsche Hausbesitzerin musste nach einem Brand feststellen, dass nur 20 Prozent des Schadens von ihrer Feuerversicherung übernommen wurden – sie war unterversichert.

Alle drei wurden von Versicherungsverkäufern zuvor falsch beraten. Trotzdem mussten die Vermittler nicht haften. Das ist im Gesetz nicht vorgesehen. Noch nicht. Nach jahrelangem Ringen setzt die Bundesregierung nun zum 22. Mai als Gesetz endlich um, was die Europäische Union von ihren Mitgliedstaaten seit 2002 fordert: mehr Kundenschutz und Transparenz bei Versicherungen, mehr finanzielle Solidität und Haftung der Vermittler. Vom Zeitenwechsel unkt die Branche, von 15 Millionen Euro Bürokratiekosten in den ersten zwei Jahren und dem Untergang der nebenberuflichen Vertreter.

Fakt ist: Künftig müssen sich alle Verkäufer registrieren lassen, halbwegs qualifiziert sein, besser beraten und für Falschberatung haften. Und die lässt sich dank der neuen Protokollpflicht von den Kunden endlich besser nachweisen. Nicht einmal die Zahl ist gesichert, wie viele Vertreter in Deutschland alles von Autoversicherung bis Altersvorsorge an den Mann oder die Frau bringen. Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft spricht von rund 407 000 selbstständigen Vermittlern. Der Löwenanteil sind 318 000 nebenberufliche Außendienstler, die ein für ihre Kunden so folgenreiches Geschäft schnell noch nach dem Feierabend im Hauptjob abwickeln. Genau diese Riesengruppe ist in der Praxis oft das Problem. Schlecht ausgebildet, werden sie auf Freund und Feind angesetzt, Provisionen als Köder vor der Nase.

Ihnen dürfte auch die demnächst den Bundestag passierende Reform des Versicherungsvertragsgesetzes zusetzen, die Kunden sehr viel weitreichender als bisher schützt. Zu den Feierabendkönigen kommen noch rund 7 000 professionelle Makler und 3 000 Mehrfachagenten; plus die bundesweit nicht genau zu beziffernde Zahl der bei einer Versicherung fest angestellten Verkäufer. Insgesamt ziehen rund eine halbe Million Policenverkäufer durchs Land. Ein Qualifikationsnachweis ist nicht nötig, ein Gewerbeschein reichte vollauf, um die Kumpels vom Fußballclub einmal durchzuversichern. Jetzt wird die Branche zum erlaubnispflichtigen Gewerbe.

Von nun an gilt:

Link: Registrierungspflicht
Künftig kann sich jedermann über das Handelsregister seiner Stadt ein Bild von dem Mann oder der Frau machen, auf deren Rat er beim Abschluss eines langjährigen Versicherungsvertrags hört.

Link: Sachkundenachweis
220 Stunden soll nun Fachwissen gepaukt und erfolgreich abgefragt werden.

Link: Höhere Ansprüche an die Beratung
Der Vertreter muss beim ersten Kontakt den potenziellen Kunden über seine Person und seinen Status aufklären, in wessen Auftrag er eigentlich unterwegs ist.

Link: Dokumentation
Jeden seiner Beratungsschritte, egal, zu welchem Problem oder zu welcher Police, muss der Vermittler künftig dokumentieren und in Kopie dem Kunden aushändigen.

Link: Verbesserte Haftung
Jeder Vertreter haftet. Sei es über seine eigene Rückversicherung, sei es, dass ihn das von ihm vertretene Versicherungsunternehmen absichert.

Link: Das große Aufräumen hat begonnen
In kaum einem europäischen Land ziehen so viele Vertreter im Verhältnis zur Bevölkerung durch die Straßen wie in Deutschland. Das dürfte sich ändern.

Kommentare zu " Neue EU-Regeln: Versicherer in der Haft-Plicht"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%