Niedrige Zinsen
Es kriselt in der Lebensversicherung

Derzeit erreichen die Zinsen ein neues Rekordtief und treiben die klassischen Versicherer in die Enge. Besonders fondsgebundene Policen leiden unter dem Börsencrash. Trotzdem verbreitet die Branche Optimismus. Das könnte gutgehen, solange keiner schwächelt.

BERLIN. Könnte in Deutschland ein Lebensversicherer pleite gehen? 2003 wäre es fast passiert, doch 2009 weist die Branche dies weit von sich. Allerdings lehrt die Krise: Alles ist möglich. Das hat auch der Finanzvorstand des Marktführers Allianz erkannt. Zwar hält Helmut Perlet den Zusammenbruch eines Lebensversicherers für "sehr unwahrscheinlich". Doch ausschließen mag er dies nicht.

Wie auch? Haben die Manager der Assekuranz doch gelernt, dass ihnen alle ihre Rechnungen mit Wahrscheinlichkeiten nur eine Scheinsicherheit bescherten. Ein Schicksalsschlag wie die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers sahen die Experten nur alle 200 Jahre kommen. Das hört sich weit, weit weg an - ist es aber nicht, wie 2008 lehrte. Und kein Mathematiker mag deshalb ausschließen, dass Ähnliches noch mal passiert - auch wenn die Wahrscheinlichkeit rechnerisch noch so klein ist.

Versicherungsmanager wissen um diese Zusammenhänge. Keiner kann die Zukunft voraussehen. Trotzdem strotzen sie offiziell, gerade in Berlin, oft nur so vor Optimismus. Das klingt überheblich, ist es aber nur bedingt. Denn schlecht stehen Versicherer und ihre Kunden tatsächlich nicht da. Und falls doch noch einer abrutschen sollte, stehen alle bereit, um den Schwächling zu retten. Die Instrumente dafür haben sich in der Krise vor fünf Jahren bewährt: einerseits der Sachverständige, der von der Finanzaufsicht Bafin eingesetzt werden kann; andererseits die Auffanggesellschaft Protektor, die eine notleidende Gesellschaft abwickelt, ohne dass Kunden Geld verlieren.

Gutes Krisenmanagement beginnt jedoch viel früher. Ihre Hausaufgaben haben die deutschen Lebensversicherer bereits in den vergangenen Jahren gemacht, indem sie ihr Risikomanagement verbessert haben. Das war eine Lehre aus dem Desaster der Jahre 2002 und 2003. Damals waren sie mit einer Aktienquote von rund 25 Prozent in den Börsencrash gegangen. 2008 war es weniger als die Hälfte. Entsprechend geringer fielen auch die Verluste aus. Das heißt nicht, dass die eine oder andere Gesellschaft sich womöglich nicht doch verzockt hat. Bisher ist das aber zumindest noch nicht offensichtlich.

Stufe zwei des Krisenmanagements gilt nun den Kunden: Sie dürfen nicht verunsichert werden, lautet die Parole. Wer fondsgebundene Lebensversicherungen gekauft hat, mag wegen der Aktienbaisse leiden. Die Inhaber von klassischen Policen bewegen sich dagegen auf der Sonnenseite. Sie bekommen für dieses Jahr etwas weniger gut geschrieben, aber immerhin im Schnitt mehr als vier Prozent. Verglichen mit fast allen anderen Anlagekategorien ist dies zweifellos Spitze. Genauso wie einzelne Prognosen, die auch im nächsten Jahr mindestens vier Prozent erwarten lassen. Dies belegt: Gerade in der Krise zeigt sich der besondere Wert der Lebensversicherung.

Prinzipiell ändert sich an dieser Einschätzung selbst dann nichts, wenn die Zinsen weiter fallen sollten. Die Lebensversicherer sind in der Summe sicher, dass sie auch japanische Verhältnisse eine Weile verkraften - also zwei Prozent Anlagerendite über mehrere Jahre hinweg. Derartige Tiefstzinsen klingen schlimmer als sie womöglich wirken. Denn für Kunden sind langfristig die Erträge nach Abzug der Inflationsrate entscheidend. Wenn Niedrigzinsen von zwei Prozent mit keiner Preissteigerung verbunden sind, steht der Sparer unter dem Strich genauso gut da wie mit vier Prozent Rendite und zwei Prozent Teuerung. Das wird oft vergessen, weil in der Debatte die nominalen Zahlen dominieren.

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