PKV-Chef Reinhold Schulte
"Hysterische Berichte über Einzelfälle"

Zehn Antworten zur Kritik an der privaten Krankenversicherung (PKV): Verbandschef Reinhold Schulte räumt im Handelsblatt-Interview Fehler ein. Er gibt Tipps für Kunden und wehrt sich gegen die Rolle als Zahlmeister.
  • 12

DüsseldorfReinhold Schulte leitet seit einem Jahrzehnt den Verband der privaten Krankenversicherung (PKV). Der Vorstandsvorsitzende der Signal-Iduna-Gruppe will zusammen mit Ärzten und Krankenhäusern verhindern, dass hierzulande eine Bürgerversicherung eingeführt wird. Schließlich seien bis zu 32 Millionen Wähler betroffen, wenn es zwischen privaten Anbietern und gesetzlichen Krankenkassen keinen echten Wettbewerb mehr gebe. Als seinen größten beruflichen Irrtum bezeichnet er es: "Dass Teile der Politik guten Argumenten nicht immer zugänglich sind."

Herr Schulte, die Politik denkt über eine Bürgerversicherung für alle nach. Macht das die PKV schon nervös? 

Hier müssen alle wachsam sein, nicht nur die PKV: Denn die sogenannte Bürgerversicherung läuft auf eine Einheitsversorgung mit immer weiter steigendem Staatsanteil hinaus. Wo das endet, lässt sich am maroden Gesundheitssystem in Großbritannien beobachten: Wartelistenmedizin, keine freie Wahl des Arztes, getrennte Versorgungsstrukturen für Arm und Reich: Das ist Zweiklassenmedizin in Reinkultur.

Aber die Bürgerversicherung verschlechtert nicht nur die medizinische Versorgung: Sie bringt auch massive Steuer- und Beitragserhöhungen. Geradezu fatal wäre die implizierte Sondersteuer auf Arbeitsplätze, denn nichts anderes ist die von der SPD beschlossene Abschaffung der Bemessungsgrenze für Arbeitgeber beim Krankenkassenbeitrag. Hier droht die Vernichtung wertvoller Arbeitsplätze. Überdies wirkt der Wegfall der Bemessungsgrenze wie ein Bremsklotz auf künftige Lohnerhöhungen.   

 

Die Krankenkassen halten das Geschäftsmodell der PKV für gescheitert. Hat ihr letztes Stündchen bald geschlagen? 

Jedes Jahr wechseln deutlich mehr Menschen aus der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) in die Private Krankenversicherung als in umgekehrter Richtung. Gegenteilige Behauptungen sind absurd und nachweislich falsch. Wenn einzelne Vertreter gesetzlicher Krankenkassen versuchen, einen anderen Eindruck zu erwecken, ist das nicht seriös. Tatsache ist: Der Saldo der Wanderungsbewegungen zwischen GKV und PKV zeigt Jahr für Jahr einen großen Abstand zu Gunsten der PKV. Dieser Abstand ist 2011 gegenüber dem Vorjahr sogar noch gewachsen.

Die PKV startet eine Anzeigenkampagne. Haben Ihre Kunden das Vertrauen verloren? 

Die Informationskampagne läuft schon seit vielen Jahren. Und was das Kundenvertrauen angeht, lassen wir doch einfach die Fakten sprechen: Wir haben jetzt 9 Millionen Vollversicherte und 22 Millionen Zusatzversicherungen, das ist der höchste Stand aller Zeiten.

 

Ab April werden die Provisionen für PKV-Vermittler gesetzlich begrenzt. Geben die Versicherer zu viele Kundengelder für die Verkaufsförderung aus? 

Hier haben alle Verantwortlichen erkannt, dass man im Interesse des Verbraucherschutzes Fehlentwicklungen begegnen muss. Wir begrüßen deshalb insbesondere die Verlängerung der Stornohaftungszeit auf fünf Jahre. Diese Regelung wird zu einer spürbaren Minderung der Abschlusskosten führen und „Umdeckungen“, die nicht im Interesse des Versicherten liegen, wirksam begegnen. Bei den Provisionen geht es darum, Übertreibungen zu vermeiden, ohne jedoch die persönliche Beratung und Betreuung der Versicherten durch die Vermittler zu beeinträchtigen. Hier muss die Praxis zeigen, ob sich die Neuregelung bewährt.

Einige Krankenversicherer erhöhen dieses Jahr ihre Prämien für einige Kundengruppen deutlich zweistellig. Ruiniert dies den Ruf der gesamten Branche? 

Der unabhängige map-report hat errechnet, dass die Erhöhungen bei den analysierten Unternehmen 2012 bei durchschnittlich 2 Prozent lag – ganz im Gegensatz zu den teilweise hysterischen Berichten über Einzelfälle. 

45 Prozent aller Tarife sind überhaupt nicht gestiegen. Wer die Prämienanpassungen in der PKV beurteilen will, muss redlicherweise auch die Beitragsentwicklung in der GKV zur Kenntnis nehmen. Dort stieg der allgemeine Beitragssatz ab 1. Januar 2011 von 14,9 auf 15,5 Punkte. Dies bedeutet für alle Mitglieder der GKV eine Mehrbelastung um rund 4 Prozent. Und ohne die Steuersubventionen von 14 Milliarden Euro pro Jahr müsste der GKV-Beitrag schlagartig nochmals um etwa zehn Prozent steigen. Gerade erst hat eine Expertenanhörung im Bundestags-Gesundheitsausschuss gezeigt, dass die Beitragsentwicklung bei Gesetzlicher und Privater Krankenversicherung im Schnitt der letzten zehn Jahre nahezu identisch ist.

 

Seite 1:

"Hysterische Berichte über Einzelfälle"

Seite 2:

"Jede Branche braucht eine Wachstumsperspektive"

Kommentare zu " PKV-Chef Reinhold Schulte: "Hysterische Berichte über Einzelfälle""

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • Herr Schhulte spricht von hysterischen Einzelfällen.
    Das ist schlichtweg gelogen und dafür gibt es sehr viele Beispiele. Alleine unsere Tarife haben sich in den letzten 8 Jahren über 200% erhöht.
    Jeder kann sich dann ausrechnen, wann er als Rentner die Beiträge nicht mehr zahlen kann. In den letzen Jahren wurden die Beiträge über 60% angehoben. Das kann und will kein Mensch auf Dauer mitmachen.

    Nur es wird von hysterischen Einzelfällen gesprochen. Dabei kann ich 25 Jahre zurückblicken und es sind keine Einzelfälle. Ein Ausweg ist da momentan nicht in Sicht.
    Schuld ist u.a. der Gesetzgeber, der die PKV gezwungen hat einen Basistarif anzubieten, den die sog. "Nichtversicherten" ausnutzen und ihre Beiträge mangels Masse nicht zahlen und quasi gratis ihre Leistungen daraus beziehen. "Guten Morgen" wer das nicht schon vorher kapiert hat.
    Die PKV die es geschafft hat diese "Nichtversicherten" für sich zu gewinnen hat sich und damit ihren Versicherungsnehmern keinen Gefallen getan.

    Wie sooft und immer mehr: Die Gemeinschaft kommt dann dafür auf. So wie jetzt mit meinen neuen Monatsbeiträgen von über 200 Euro mehr.

    Wenn das nix ist Herr Schulte.

  • In der Schweiz funktioniert die obligatorische Grundversicherung wunderbar, da gebe ich Euch recht. Aber nur weil (wie bereits erwähnt) JEDER seine Prämie bezahlt und das bezieht sich nicht nur auf Ärzte, Beamte oder Selbstständige sondern auch auf Familienmitglieder!! Also nichts mehr mit Familienversicherung über eine Prämie wie in der GKV. Diesen sozialen Wohlstand gibt es nur in Dtl und keines der anderen erwähnten System erlaubt sich diesen Luxus.
    Darüber hinaus funktioniert das schweizer System bei 7,8 Mio Einwohner wunderbar, funktioniert es aber auch bei 81,8 Mio??

    Eine Bürgerversicherung würde aus meiner Sicht nur funktionieren wenn sie kapitalgedeckte Komponenten für das Alter beinhaltet und wieder ein freier Wettbewerb unter den Kassen gegeben ist und nicht durch einen Gesundheitsfond "weg-bürokratisiert" wird.

  • Das System der Schweiz funktioniert aber nur deshalb weil JEDER! in das System einbezahlt. So lang in Deutschland Ärzte, Beamte, Selbstständige und Beserverdienende nicht einbezahlen müssen kann das nicht funktionieren. Das ist doch deutlich an der derzeitigen Situation zu sehen!!

    Eine Bürgerversicherung kann unter diesen Voraussetzungen also nicht funktionieren....

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%