PKV gegen GKV: Große Krankenkassen locken Privatversicherte

PKV gegen GKV
Große Krankenkassen locken Privatversicherte

Hunderttausende wechseln jährlich zwischen gesetzlichem und privatem System hin und her. Ungewöhnlich ist jedoch, dass große Krankenkassen wie die TK viel mehr Privatversicherte anlocken als sie verlieren.
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DüsseldorfDie privaten Krankenversicherer sind nervös. „Bericht über angebliche Abwanderung ist nachweislich falsch“, titelte der Verband der privaten Krankenversicherung (PKV) umgehend, als einige Krankenkassen jüngst von immer mehr Rückkehrern berichteten. Ungewöhnlich war auch die Reaktion des Branchenführers unter den gut 40 privaten Krankenversicherern. Debeka-Chef Uwe Laue schimpfte: „Behauptungen sind falsch und stellen reine Werbebotschaften dar.“

Nachfragen des Handelsblatts bei den größten deutschen Krankenkassen, Barmer GEK und Techniker (TK), ergaben dagegen: Auch netto kamen zu den beiden Branchenführern in den vergangenen beiden Jahren mehr Versicherte aus der PKV zurück als diese an die private Konkurrenz wieder abgaben. Zusammen versichern Barmer und TK mehr als 16 Millionen Menschen. Die PKV kommt dagegen auf knapp neun Millionen Vollversicherte.

Das Problem der PKV: Erfolgsmeldungen über Systemwechsler gehören seit mehr als einem Jahrzehnt zum jährlichen Standardritual. Dass nun offenbar immer mehr Privatpatienten in den Schoß der gesetzlichen Krankenversicherung zurück möchten, passt nicht in das Weltbild, das sie öffentlich verbreiten. Dabei wissen die PKV-Manager genau: Systemwechsel in die eine wie die andere Richtung sind völlig normal. Das zeigt die PKV jedes Jahr aufs Neue in ihrem eigenen Zahlenbericht. 

Rund 150.000 Menschen gehen seit dem Jahr 2000 jährlich von der PKV zurück zu den Krankenkassen. Die Gründe dafür sind vielfältig. Ein Wechsel ist zum Beispiel fällig, wenn das Einkommen der Privatpatienten unter die Versicherungspflichtgrenze fällt. In diesem Jahr beträgt diese 50.850 Euro. Auch wenn PKV-Kunden arbeitslos werden oder von der Selbstständigkeit in einen festen Job wechseln, kann dies ebenfalls mit einem Systemwechsel verbunden sein. 

Inwiefern solche Wechsel gezielt herbeigeführt oder erzwungen sind, ist umstritten. Die PKV nimmt für sich in Anspruch: „Die weitaus meisten Wechsel zur GKV erfolgen zwangsweise auf Grund gesetzlicher Vorgaben – vielfach sogar gegen den erklärten Willen der Versicherten.“ So seien 2010 allein 25 Prozent aller Betroffenen junge Erwachsene gewesen, die mit Annahme der ersten Arbeitsstelle in der GKV versicherungspflichtig geworden seien. 

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  • Die jährlichen Beitragserhöhungen im zweistelligen Prozentbereich, denen man als PKV-Versicherter ausgeliefert sind, machen die PKV schlichtweg zum Finanzrisiko für das Alter.
    Die PKV in Ihrer heutigen Form ist so nicht akzeptabel und gehört abgeschafft, das sollten auch CDU und FDP( egal, die spielen sowieso keine Rolle mehr) endlich begreifen.

  • Die Aufklärung von Versicherten, die sich von der Versicherungspflicht befreien lassen wollen wird generell in der Kundenberatung der Krankenkassen durchaus versucht, allerdings werden den Personen meistens bereits von einem Versicherungsmakler der PKV zuvor Schreiben vorbereitet, dass der Krankenkasse eine Kontaktaufnahme verbietet und eine Beratung nicht gewünscht wird. Zu einem persönlichen Gespräch kommt es daher meistens nicht. Sollte doch eine mündliche oder persönliche Kontaktaufnahme erfolgen, wird auch hier häufig eine Beratung nicht gewünscht, weil der Versicherungsmakler sie bereits aufgeklärt hätte und die Entscheidung bereits getroffen sei.

    Unseriös ist vor allem die Werbung junger Versicherte mit dem Versprechen der PKV, dass der Beitrag auf Lebenszeit stabil bleiben würde. Auch wird in der Regel verschwiegen, dass bei Gründung einer Familie die Beiträge schnell teurer werden als in der gesetzlichen Versicherung, da es in der PKV keine kostenfreie Familienversicherung wie in der GKV gibt. Leider sind solche Irreführungen nicht die Ausnahme.

  • Kaum ändert die Regierung die Spielregeln für die PKV (u.a. Billigtarife für arme Ex-Selbständige; Kündi-gungsverbot, wenn einer seinen Beitrag nicht mehr zahlen kann), schon steigen die Tarife. Elemente einer Umvertei-lungsmaschinerie (GKV) in das Getriebe eines auf indivi-duelle Risiken achtenden Systems einzubringen, war der Hammer. Tatsächlich kann der PKVler innerhalb einer Kasse beliebig den Tarif wechseln, wenn sich seine Versiche-rungsbedürfnisse ändern (nach oben nur incl neuer Gesund-heitsprüfung), und seit der gesetzlichen Änderung auch das Unternehmen. Die GKV ist wegen der kostenfreien Mitver-sicherung von Kindern und nicht arbeitender Ehefrau natür-lich für Familien, die die Wahl haben, günstiger. In Höhe dieser kostenfreien Mitversicherung ist m.E. auch ein Steuerzuschuss gerechtfertigt. Warum alles "ungerecht" schreit, verstehe ich nicht. Natürlich müssen schlaue Wechsel hin und her unterbunden werden. Wenn wir eine Einheitsversicherung hätten (eine Bürgerversicherung ist nichts anderes als ein Steuerzuschlag!), würden alle "ungerecht" schreien, wenn ein Armer dem Direktor die Gallenoperation mitbezahlt... Ich finde an der GKV grotesk, daß eine potentiell absolute Wachstumsbranche (Ausgabendynamik angesichts einer alternden Bevölkerung) systembedingt durch ihre mageren Einnahmenzuwächse begrenzt ist. Eine Bürgerversicherung steht finanziell nicht besser da, weil der Anteil der über 50jährige, zumindest konstant bleibt, und bei über 50jährigen liegen die Ausgaben im Schnitt immer über den Einnahmen - egal, ob GKV oder PKV.

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