Private Krankenversicherung
"Hoffnung nicht aufgeben"

Günter Dibbern, Chef der privaten Krankenversicherung DKV, erwartet Nachteile in Folge der Gesundheitsreform für Versicherte und für seine Branche.

Herr Dibbern, die jüngsten Änderungen an der Gesundheitsreform waren ganz im Sinn der privaten Krankenkassen: Die Einführung des Basistarifs wurde auf 2009 verschoben. Nur binnen sechs Monaten können gesetzlich Versicherte in diesen Basistarif wechseln. Sind Sie jetzt zufrieden?

Es hat sich nichts daran geändert, dass die Politik aus unserer Sicht nachträglich in privatrechtliche Verträge eingreift, die Versicherte mit uns vereinbart haben. Dass es ausgerechnet mithilfe der CDU zu solchen Eingriffen kommt, hätten wir uns nicht träumen lassen.

Ist die Reform nun so gut wie beschlossen oder hoffen Sie noch auf Änderungen?

Wir geben die Hoffnung nicht auf, bis das Gesetz gedruckt ist.

Was stört Sie jetzt noch?

Neben diesem Eingriff in bestehende Verträge stört uns, dass der Staat Preise und Leistungen für den Basistarif festsetzt. Der ist dann nicht kostendeckend, und die übrigen Versicherten müssen den Tarif subventionieren.

Am vergangenen Mittwoch hat der Rechtsausschuss des Bundestags über die Reform diskutiert. Wird der Ausschuss die Vorschläge am 31. Januar abnicken?

Der Ausschuss wurde schon gerügt, weil er andere Vorhaben abgesegnet hat, die später vom Bundespräsidenten nicht unterzeichnet wurden. Ich bin gespannt, ob der Ausschuss dieses Mal genauer hinschaut.

Und wenn nicht? Welche Folgen hätte das für die mehr als acht Millionen Mitglieder?

Die Folgen wären dramatisch. Sowohl die Beiträge der heute schon Privatversicherten als auch die der Neukunden würden von 2009 an zweistellig steigen.

Wobei die Privaten ihre Prognosen schon auf ein Drittel eingedampft haben. Was wird in den sechs Monaten Anfang 2009 passieren, in denen die Privatversicherten in den Basistarif eines Wettbewerbers oder freiwillig gesetzlich Versicherte in den Basistarif wechseln können?

Die Basistarife werden branchenweit ein ähnliches Leistungs- und Beitragsniveau haben. Ich sehe keinen Grund, warum sehr viele Menschen wechseln sollten.

Viele fürchten, dass Versicherte des Basistarifs Patienten dritter Klasse sein werden.

Das wäre passiert, wenn die Leistungen der Ärzte nur mit dem 1,3-fachen Satz vergütet würden. Nun wurde aber beschlossen, die Leistungen mit dem 1,8-fachen Satz für Ärzte und dem 2,0-fachen Satz für Zahnärzte zu vergüten. Damit wären die Versicherten den gesetzlichen Mitgliedern etwa gleichgestellt.

Ist es denkbar, dass Bund und Länder ihre Beihilfen, die sie Beamten für ihre Krankenversicherung zahlen, auf das Niveau des Basistarifs absenken?

Schon möglich, dass von den Beamten erwartet wird, in dem sechsmonatigen Zeitfenster in diesen Tarif zu wechseln. Der Staat könnte die Auffassung vertreten, das dortige Versorgungsniveau reiche aus. Wer mehr will, müsste dann zuzahlen.

Gibt es schon erste Signale in diese Richtung?

Mir sind keine bekannt. Es gab allerdings auch in den vergangenen Jahren Kürzungen der Beihilfen. Es war dann immer so, dass die Beamten sich auf eigene Kosten zusätzlich versicherten.

Einige Versicherte mehr im Basistarif - ansonsten wird sich offenbar nicht viel ändern durch die Reform. Da haben Ihre Lobbyisten ganze Arbeit geleistet.

Die Bürgerversicherung konnte verhindert werden, darüber sind wir sehr erleichtert, weil es der Einstieg in die staatliche Einheitskasse gewesen wäre.

Alles, was jetzt noch wirklich schmerzlich für die PKV ist, steht im Verdacht, verfassungsfeindlich zu sein. Wenn der Bundespräsident oder das Bundesverfassungsgericht diese Vorhaben kippt, ist Ihre Branche glimpflich davongekommen.

Werden diese Vorhaben tatsächlich einkassiert, dann ist für die privaten Krankenversicherer alles beim Alten. Dann sind wir an dem Punkt, an dem wir vor diesen unsäglichen Reformversuchen waren. Und dann können wir gleich anfangen, uns über eine echte, nachhaltige Gesundheitsreform zu unterhalten.

Dibbern, 60, ist als Vorstand der Ergo-Gruppe Chef der zweitgrößten privaten Krankenversicherung DKV und der Victoria Krankenversicherung. Bei der Klinikumskette Sana ist er stellvertretender Aufsichtsratschef.

Das Gespräch führte Martin Seiwert, Wirtschaftswoche.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%