Private oder gesetzliche Krankenversicherung
Eine Entscheidung für das ganze Leben

Der Wechsel von der gesetzlichen in die private Krankenversicherung sollte gut überlegt sein, denn es ist eine Entscheidung für’s Leben. Nur der Blick auf günstige Prämien bei der PKV greift zu kurz.

DÜSSELDORF. Gesundheitsministerin Schmidt braucht Geld. Daher will sie den Wechsel in die private Krankenversicherung erschweren. Der Austritt aus den gesetzlichen Kassen soll nach ihren Plänen künftig erst ab einem Brutto-Jahreseinkommmen von 54.000 Euro möglich sein. Der Verband der Privaten Krankenversicherung protestiert heftig. Denn bislang liegt die Grenze, aber der Angestellte die Wahlmöglichkeit haben, bei einem Jahresgehalt von über 40.500 Euro.

Die Pläne der Ministerin können freiwillig gesetzlich Versicherte nun unter Zugzwang setzen: Denn wer über 40.500 Euro, aber weniger als 54.000 Euro verdient, kann womöglich nur noch kurze Zeit das System wechseln.

Doch Vorsicht: Eine Entscheidung zum Wechsel in die private Versicherung ist eine Entscheidung für den Rest des Lebens. „Die gesamte weitere Lebensplanung muss dabei berücksichtigt werden, ein Blick auf die Ersparnis beim Wechsel greift zu kurz“, warnt Jens Trittmacher, Versicherungsberater aus Hamburg, der sich auf Krankenversicherungen spezialisiert hat. Versicherungsberater zählen zu den rechtsberatenden Berufen wie Anwälte; sie beraten neutral gegen Honorar. „Die gesetzliche Krankenversicherung ist in vielen Punkten besser als ihr Ruf“, meint der Experte.

Welche Kriterien entscheiden darüber, ob sich ein Wechsel lohnt? Private Versicherer müssen im Gegensatz zur Krankenkasse nicht jeden Kunden nehmen. Der Preis für Privatpatienten richtet sich nicht wie bei der Kasse nach dem Einkommen, sondern nach dem individuellen Risiko (Alter, Geschlecht, Vorerkrankungen) und dem gewählten Leistungspaket.

Konsequenz: Wer nicht mehr ganz so jung ist (bereits ab 40 Jahre) hat statistisch ein erhöhtes Krankheitsrisiko und muss mit entsprechenden Preisaufschlägen bei den Privaten rechnen. „Ob hier ein Wechsel noch lohnt, erscheint fraglich“, sagt Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte beim Verbraucherzentrale Bundesverband in Berlin.

Wichtiger Prüfpunkt ist ferner der Familienstand und die -planung. In der Gesetzlichen sind Kinder und der nicht berufstätige Ehepartner kostenlos mitversichert. In der Privaten muss für jedes Kind eine Extra-Police abgeschlossen werden. Ehepartner sind in keinem Fall kostenlos mitversichert; sie benötigen eine eigene Police. Verdienen beide Partner, aber nur einer liegt mit dem Einkommen über der Pflichtversicherungsgrenze und kann sich privat versichern, muss dieser auch die Kinder absichern. „Privater Krankenversicherungsschutz ist pro Kind für rund 100 bis 110 Euro im Monat zu haben“, sagt Berater Trittmacher.

Beispielrechnung: Junges Ehepaar, zwei Kinder, beide Partner angestellt. Einer verdient 40.000 Euro, der andere 50.000 Euro pro Jahr. Bei einem angenommenen Satz von 12 % für die Gesetzliche kostet der Krankenversicherungsschutz pro Jahr 9.660 Euro inklusive Arbeitgeberanteil. Will der eine Partner mit dem höheren Verdienst in die Private wechseln, muss er die Kinder mitversichern, das macht rund 2.400 Euro pro Jahr. Der Partner mit Einkommen 40.000 Euro bleibt gesetzlich versichert (Kosten 4.800 Euro) pro Jahr. Der Wechsel in die Private lohnt sich für den Partner mit dem höheren Einkommen unter Beitragsgesichtspunkten nur dann, wenn er eine private Krankenversicherung für 2.460 Euro pro Jahr, also 205 Euro pro Monat findet. „Als Faustregel lässt sich sagen, dass bei einer Familie mit zwei Kindern der Wechsel in die Private nicht lohnt“, meint Berater Trittmacher. Für jemanden, der jung, gesund, alleinstehend ist, keine Kinder hat und auch niemals welche bekommt, für den macht der Wechsel in die PKV Sinn. „Wechselwillige sollten aber im Hinterkopf behalten, ob sie den Beitrag für die private Versicherung ihr Leben lang werden leisten können“, sagt Verbraucherschützer Scholl.

Beispiel längere Krankheit: Nach sechs Wochen hört die Lohnfortzahlung durch den Arbeitgeber auf. In der gesetzlichen Krankenkasse bekommt der Kunde Krankengeld, das unter dem Lohn liegt. Aber die Beiträge zur Krankenkasse fallen hier weg. Anders in der privaten Versicherung: Hier muss der Kunde den Beitrag weiter zahlen. Der Versicherte sollte hier über eine Krankentagegeldversicherung den Einkommensausfall absichern, bei Invalidität sogar bin zum Rentenalter

Auf der Leistungsseite haben die Privaten den Vorteil, dass sich der Kunde maßgeschneidert seinen Schutz aussuchen kann. Ist dieser einmal im Vertrag festgeschrieben, kann er nicht mehr geändert werden. In der gesetzlichen Versicherung sind rund 95 Prozent der Leistungen vom Gesetzgeber festgeschrieben. Daher drohen hier wie in der Vergangenheit gesehen Kürzungen durch die Politik.

Wer einmal privat Krankenversichert ist, kommt nur schwer zurück in das gesetzliche System: Dies ist möglich, wenn das Einkommen wieder unter die Schwelle von 40.500 Euro fällt. Ab dem 55. Lebensjahr ist aber auch diese Tür zu.

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