Ratingagentur
Fitch warnt vor US-Lebenspolicen

Die Ratingagentur Fitch warnt in einer neuen Studie mit ungewöhnlicher Schärfe vor den Tücken des Zweitmarkts von US-Lebensversicherungen. Die Regulierung sei lax „wie im Wilden Westen“, die Gefahr von Betrug und Täuschung daher hoch. Außerdem warnt die Agentur vor hohen und intransparenten Gebühren der Aufkäufer.

DÜSSELDORF. Der Zweitmarkt für US-Lebensversicherungen hat sich seit den 80er Jahren zu einer ganz eigenen Anlageklasse entwickelt. In Deutschland haben geschlossene Fonds nach Angaben von HPC Capital rund drei Milliarden Euro eingesammelt, die in diesen Bereich investiert worden sind. HPC hat selbst drei Fonds mit zusammen rund 150 Mill. Euro aufgelegt, einen vierten aber zurückgenommen, weil der Markt sich schlechter als erwartet entwickelte. Neben unabhängigen Anbietern mischen auch große Banken mit. Als Investoren nennt Fitch auch Hedge-Fonds, Investmentbanken und Pensionsfonds. Dabei seien zwei Fonds von Ritchie Capital Management in Dublin nach Verlusten von 700 Mill. Dollar mit US-Lebenspolicen bereits Pleite gegangen.

In den USA werden in der Regel reine Risikolebensversicherungen abgeschlossen. Der Kunde spart also nichts an, sondern zahlt nur dafür, dass im Todesfall eine Auszahlung fällig wird. Daraus hat sich eine eigene Anlageklasse entwickelt, deren Renditen weitgehend unabhängig von den Kapitalmärkten sind. Spezielle Gesellschaften kaufen den Kunden ihre Lebensversicherung ab und verkaufen sie weiter – häufig an Fonds. Der Fonds zahlt die Prämien weiter und bekommt im Todesfall die Auszahlung. Je früher der Verkäufer stirbt, desto höher ist die Rendite.

Anfangs haben auf diese Weise zum Beispiel Aidskranke ihre Versicherung versilbert, um die Behandlung zu bezahlen. Dieser Teilmarkt brach bereits zusammen, als die Lebenserwartung der Aidskranken stieg. Der Zweitmarkt für US-Policen ist nicht zu verwechseln mit dem für deutsche oder britische Policen, die jeweils ganz anders funktionieren.

Fitch prangert vor allem die Praxis an, ältere Menschen gezielt zum Abschluss und späteren Verkauf einer Lebensversicherung zu bewegen – zum Teil auch noch auf Pump finanziert. Nach Angaben der Ratingagentur werden diese „Kunden“ manchmal überredet, die Versicherung zu belügen oder selbst finanziell übers Ohr gehauen. Außerdem bestehe die Gefahr, dass ältere Menschen gegen die Interessen ihrer potenziellen Erben zum Verkauf gedrängt würden. Weil manche Policen mehrfach weiterverkauft würden, sei es im Todesfall zudem schwer zu erkennen, ob kriminelle Machenschaften im Spiel seien. Im Moment gibt es daher Diskussionen zwischen Versicherern, Aufkäufern und Behörden über diese Auswüchse. Im Gespräch ist unter anderem ein fünfjähriges Verkaufsverbot für neue Policen. Fitch erwartet auch, dass möglicherweise Steuervorteile gestrichen werden.

HPC-Geschäftsführer Michael Pirgmann bestätigt, dass es auch aus Anlegersicht Probleme in dem Markt gibt. Die statistischen Modelle seien teilweise unrealistisch gewesen. Die Lebenserwartung wurde möglicherweise unterschätzt – auch weil die Kunden mit hohen Vertragssummen aus einer gehobenen sozialen Schicht stammen. Jedenfalls kommen die Rückflüsse aus den Vertragsbeständen meist später als erwartet.

Außerdem habe sich gezeigt, dass man 500 bis 1 000 Policen in einem Fonds brauche, um halbwegs glatte Zahlungsverläufe hinzubekommen – anfangs sei die Branche von rund 50 Policen als Minimum ausgegangen. Pirgmann räumt mit Blick auf den gesamten Markt zudem ein: „Da laufen schon sehr skurrile Gestalten herum.“

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