Rechte der Kunden
Was Versicherungen gerne verschweigen

Mit Vertragsbedingungen aus Kaisers Zeiten bügeln Versicherungen berechtigte Ansprüche ihrer Kunden ab. Doch die obersten Gerichte entscheiden zunehmend zugunsten der Kläger. Was Versicherungen gern verschweigen: die neuen Rechte der Kunden.
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In der Assekuranz ist die Arbeitsteilung klar geregelt. Erst kocht der Vertreter den unterschriftswilligen Neukunden weich: Ob er schon einmal bedacht habe, wie er dasteht, wenn der Filius Omas Meißner Porzellan zerlegt, sich beim Autounfall die unglücklichsten Umstände zu einem Millionenschaden verketten oder nach einem Zeckenbiss ein Leben als verarmter Pflegefall droht? Da lebt es sich gut versichert doch gleich viel sorgloser, glaubt der Kunde und setzt zur Unterschrift an.

Doch im Ernstfall ist dann nicht mehr der Vertreter zuständig, sondern ein anonymer Sachbearbeiter aus der Konzernzentrale. Und dann ist die Verbitterung groß, wenn der schriftlich mitteilt: Dass der Scherbenschaden des Jüngsten nicht bezahlt werde, weil es im Beisein der Eltern geschah. Dass der Autofahrer mitschuldig und seine Ansprüche deshalb unberechtigt seien. Und ob tatsächlich der Zeckenstich zur folgenschweren Borreliose führte - das sei erst noch zu beweisen.

Die meisten Versicherungen wehren die Kundenansprüche mit Hinweis auf das Versicherungsvertragsgesetz ab - das aus dem Jahr 1908 stammt. Dafür reichen wenige Standardbegründungen: Mal wird der Kunde aufs Kleingedruckte verwiesen, mal habe er grob fahrlässig gehandelt oder die sogenannte "vorvertragliche Anzeigepflicht" verletzt - soll heißen, er habe der Assekuranz Grundlegendes vor Vertragsabschluss verschwiegen und deshalb seine Ansprüche verwirkt.

Was die wenigsten Kunden wissen - und die Assekuranzen werden es ihnen nicht auf die Nase binden: Der Bundesgerichtshof (BGH) stärkt den Abgewiesenen zunehmend den Rücken und fällt Urteile zu ihren Gunsten. Wolfgang Römer, einst Richter am BGH und inzwischen Ombudsmann der Versicherten, freut sich: "Auch wenn es noch viel bei der Rechtsprechung zu verbessern gibt, die Tendenz ist eindeutig, und das Erstaunliche ist, dass der BGH einfach nur geltendes Recht neu auslegt" (siehe Interview: "Die wettern immer erst").

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