Riester-Rente
Kritiker warnen vor Vertriebspropaganda

Im Jahresendgeschäft locken die Versicherer wechselwillige Kunden. Doch der Versichererverband warnt Kunden vor übereilten Entscheidungen. Und Verbraucherschützer drohen mit Abmahnungen gegen irreführende Aussagen.
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DüsseldorfDer Dezember ist der Lieblingsmonat für Verkäufer von Versicherungen. Oft ändern sich ab Januar ein paar Kleinigkeiten – und damit lassen sich Kunden locken, die schnell noch etwas „sparen“ möchten. Dass dabei gelegentlich sehr reißerisch geworben wird, ärgert die Kritiker solcher Schlussverkäufe.

In diesem Jahr stehen vor allem Lebensversicherungen und die staatlich geförderte Riester-Rente im Blickpunkt. So sinkt ab 2012 der Garantiezins für neue Lebensversicherungspolicen von 2,25 auf 1,75 Prozent. Und wer vor Silvester noch schnell eine staatlich geförderte Altersvorsorge unterschreibt, könnte diese Riester-Rente weiterhin mit 60 Jahren in Anspruch nehmen statt künftig mit 62 Jahren.

Beide Änderungen sollten jedoch aus Sicht von Experten nur eine geringe Rolle in der Beratung spielen. So ist der Garantiezins in der Lebensversicherung nur ein Teil dessen, was ein Versicherer seinen Kunden jährlich gutschreibt. Seriöse Versicherungsmanager raten daher ihren potenziellen Kunden, auf die Gesamtverzinsung zu schauen. So sieht das auch der Branchenverband GDV: „Die Absenkung des Höchstrechnungszinses sollte nicht zu übereilten Entscheidungen führen“, sagt eine Sprecherin.

Unterschiedlich wird dagegen die Erhöhung der Altersgrenze für die Riester-Rente beurteilt. „In bestimmten Fällen kann es durchaus vorteilhaft sein, die Entscheidung für eine Riester-Rente noch in diesem Jahr zu treffen. Das gilt insbesondere für diejenigen, die sich im Rahmen einer Vorsorge-Analyse bereits relativ sicher sind, ihre private Altersvorsorge über eine Rentenversicherung auszubauen“, erklärt die GDV-Sprecherin. Kritiker halten dagegen: Die veränderte Altersgrenze spiele für viele Menschen sowieso keine Rolle, weil das reguläre Alter für den Rentenbeginn zwischen 65 und 67 Jahren liege.

Die Verbraucherzentrale in Stuttgart rät daher davon ab, noch im Jahr 2011 eine Riester-Rente abzuschließen. „Die Argumente für einen schnellen Abschluss noch in diesem Jahr sind im Wesentlichen plumpe Vertriebspropaganda, die den raschen Verkauf provisionsträchtiger Produkte anheizen soll“, sagte Niels Nauhauser. Als Beispiel dafür hat er eine Tochter des Finanzvertriebs AWD, die Tecis Finanzdienstleistungen, vor Augen. Einige Verbraucher würden „besonders dreist“ angesprochen. „Die größte Enteignung in der Geschichte der Altersvorsorge oder wie man in einer Nacht 103.000 Euro verliert“, heiße es in einem Werbeblatt des Finanzdienstleisters. Als Beleg für diese Aussage diene eine haarsträubende Beispielrechnung zu einer fondsgebundenen Riester-Rentenversicherung. Nun prüfe die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg „die Abmahnung einzelner Anbieter“.

Ein Sprecher der betroffenen Tecis reagierte umgehend. Dabei wies er allzu umtriebige Verkäufer in die Schranken: „Als seriös agierender Finanzdienstleister distanzieren wir uns mit Nachdruck von solchen Herleitungen und irreführenden Verbraucheransprachen.“

Das Thema Garantiezins sei im Tecis-Vertrieb sachlich und objektiv behandelt worden, da die Veränderung in einer spürbaren Anzahl an Versicherungsprodukten tatsächlich eine Wirkung zeigen werde. Begrifflichkeiten wie „Schlussverkauf“ und Aussagen wie „die größte Enteignung in der Geschichte der Altersvorsorge“ oder „Wie man in einer Nacht 103.000 Euro verliert“ wurden weder auf Werbeblättern, auf Unternehmensflyern noch in Broschüren genannt, versichert der Tecis-Sprecher. Es seien auch keine entsprechenden Druckstücke oder Unternehmensveröffentlichungen für die vertriebliche Nutzung entwickelt, freigegeben oder in Umlauf gebracht worden. Zudem sei auf übertriebene Darstellungen jederzeit verzichtet worden.

Verbraucherschützer Nauhauser sieht sich durch die vereinzelte Tecis-Werbung dennoch in seiner generellen Kritik bestätigt: „Für die Vermittler von Riester-Renten scheint weiterhin der Bedarf der Verbraucher eine geringere Rolle zu spielen als der eigene Vertriebserfolg.“


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  • Was ich hier lese ist ja echt der Hammer. Da hat wohl der Verfasser das Problem überhaupt nicht verstanden???

    Es geht doch nicht um die paar läppischen 2,25% Zinsen als Zugewinn. Vielmehr geht es doch um INTERNE Kostensteigerungen! DIeser Artikel ist derart bescheiden geprüft, da wird einem ja schwindelig.
    Ich hatte bisher immer eine sehr gute Meinung vom Handelsblatt - schade.

  • bei Versicherungen aller Art, egal ob Kapitalleben oder Riester, ist nur eines garantiert: die Provision für den Vertrieb.

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