Rückblick auf 2004
Der Crash und die psychologischen Folgen

Selten verlief ein Aktienjahr so unspektakulär wie diesmal. Dass die Börsen in Europa und den USA zulegten, war von den Strategen vor einem Jahr erwartet worden.

HB DÜSSELDORF. Die großen Überraschungen gab es an anderen Fronten: Der Ölpreis schlug Kapriolen und erreichte Rekordhöhen, der Dollar schwankte zwischen geordneter Abwertung und unkontrolliertem Verfall, und der Euro legte kräftig zu. Wirklich sensationell ist aber, dass die Kurse von Staatsanleihen noch einmal kräftig gewannen. Anstatt zu steigen, wie allenthalben prognostiziert, fielen die entsprechenden Renditen vom ohnehin niedrigen Niveau noch weiter.

Die sinkende Verzinsung überrascht. Denn das Umfeld war bestens geeignet, die Renditen steigen zu lassen. Weltweit zog die Konjunktur an und erreichte mit rund fünf Prozent ein Wachstum wie zuletzt im Boomjahr 2000. Die Unternehmen in Europa und in den USA verdienten so viel wie noch nie. Und die USA hielten, was sie versprachen. Unter allen großen Industrienationen waren die Zuwächse in der wichtigsten Volkswirtschaft am größten – abgesehen vom Wirtschaftswunderland China.

Verzinsungen von vier Prozent und weniger auf zehnjährige deutsche oder amerikanische Staatsanleihen wären eigentlich Spiegel einer Rezession. Die ist aber weit und breit nicht zu sehen. Hauptursache sind vielmehr Kapitalverschiebungen aus Asien und dem Dollar- Raum in Richtung Euro-Land. Amerikaner wollen an den Währungsgewinnen des Euros teilhaben und kaufen deshalb Anleihen auf dem europäischen Markt. Asiatische Länder sorgen sich um ihre Dollar-Lastigkeit und steigen ebenfalls hier zu Lande ein. „Die Hausse nährt die Hausse, wie einst an den Aktienmärkten. Deshalb steigen die Kurse von Staats- und Unternehmensanleihen weiter“, meint Kai Franke von der ING BHF-Bank. Wer großen Konzernen sein Geld leiht, bekommt dafür kaum mehr als vier Prozent Zinsen pro Jahr. Vor knapp zwei Jahren war mehr als das Doppelte zu haben. Franke warnt davor, dass ein, zwei Zahlungsschwierigkeiten bei namhaften Firmen rasch eine Korrektur oder gar Wende auslösen könnten.

Anleger fürchten das Risiko

Experten sind erstaunt, welch hohe Risiken Anleger inzwischen an den Anleihemärkten eingehen, indem sie Staat und Unternehmen für sehr wenig Zinsen viel Geld leihen. „Viele Börsianer haben sich mit Aktien die Finger verbrannt und ziehen deshalb die Rentenmärkte vor“, meint Birgit Figge von der DZ-Bank.

Tatsächlich ist das Chance- Risiko-Verhältnis bei Aktien günstiger. Zwar legten große Indizes wie der amerikanische Dow Jones, der europäische Stoxx 50 und der Deutsche Aktienindex ein paar Prozent zu. Gleichzeitig stiegen aber die Gewinne der entsprechenden Unternehmen um durchschnittlich 20 (USA) oder gar 60 (Deutschland) Prozent. Dadurch sind Aktien trotz des Plus billiger als vor einem Jahr. Europäische Aktien sind sogar so preiswert wie in den achtziger Jahren. Damals indes lockten Staatsanleihen mit zehn Prozent Verzinsung.

„Angesichts der weltweit guten Konjunktur und der starken Firmengewinne hätten die Börsen mehr zulegen müssen. Bei vielen Anlegern wirken aber die Erfahrungen aus den letzten Jahren immer noch nach“, konstatiert Kai Franke von der ING BHF-Bank. Drei Jahre Baisse bis März 2003 und die stärksten Kursrückgänge seit siebzig Jahren zeigen Wirkung. Risiken wie das teure Öl und die Sorge vor Terroranschlägen schlugen sich fast täglich an den Börsen nieder.

Wie sehr Anleger solche Risiken an den Aktienmärkten fürchten und an den Rentenmärkten ausblenden, zeigt ein kleines Beispiel aus dem Finanzjahr 2004: Wie viele andere Unternehmen zog auch Autoteile Unger (ATU) im Herbst seine geplante Kapitalbeschaffung mit Hilfe der Ausgabe von Aktien zurück. Die hohe Verschuldung und schlechte Bilanz des Reparaturspezialisten verschreckten viele Börsianer. Schon der Börsengang der Postbank, der nur nach langem Gezerre um den Ausgabepreis glückte, hatte belegt, wie schwierig es immer noch ist, Aktien dem Anleger schmackhaft zu machen. Doch nur kurz nachdem ATU seine Börsenpläne zurückzog, standen Anleger Schlange, um dem Schuldner ATU Anleihen für wenig Zinsen im Wert von 150 Millionen Euro abzukaufen.

Fazit: Anleger beurteilten 2004 die Risiken an den Aktien- und Anleihemärkten mit zweierlei Maß.

Lesen Sie weitere Rückblicke auf das Jahr 2004 in der großen Handelsblatt.com-Jahreschronik: >>> weiter...

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