Rürup fordert Umdenken der Politiker
Ohne Kinder ist kein System zu retten

Bert Rürup, Professor in Darmstadt und als Gutachter Allzweckwaffe der Bundesregierung, bringt es auf den Punkt: „Wir brauchen mehr Kinder.“

HB DRESDEN. Diese Botschaft haben die Politiker seiner Ansicht noch nicht verstanden, wie er auf einer Veranstaltung der Privaten Krankenversicherer in Dresden deutlich machte. Rürup beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie das Rentensystem gerettet und das staatliche Gesundheitswesen umgestaltet werden könnte. Doch er ist der festen Überzeugung, dass alle Reformen die Systeme nicht retten werden, wenn Deutschland das Grundproblem nicht in den Griff bekommt: den Mangel an Kindern. Rürup fordert daher eine neue Familienpolitik. Außerdem muss seiner Ansicht nach die Bildungspolitik zu einer echten Weiterbildungspolitik fortentwickelt werden, weil nur so die Bürger lange genug im Arbeitsprozess gehalten werden können. Wenn im Jahr 2050 (s. Grafik auf der ersten Seite der Beilage) die 60- bis 70-jährigen die stärksten Jahrgänge stellen, ist die Gesellschaft anders nicht mehr in der Balance zu halten.

Nur Italien bekommt weniger Nachwuchs

Rürup betont: „Zuwanderung kann das Problem nicht lösen.“ Ihre Bedeutung für die Bevölkerungsentwicklung werde meist überschätzt. Um die Bevölkerungszahl stabil zu halten, müsste die Geburtenrate bei etwa 2,1 Kindern pro Frau liegen. Der Wert für Deutschland liegt seit Jahren aber bei nur 1,3 bis 1,4. In Frankreich, Großbritannien und den Niederlanden ist er höher, in den USA erreicht die Geburtenraten sogar 2,0. Noch niedriger liegen allerdings einige der einstmals für ihren Kinderreichtum berühmten südeuropäischen Länder, etwa Italien mit nur noch 1,2.

Anders ausgedrückt: In Deutschland müsste es rund 50 % mehr Kinder geben, um die Bevölkerungsentwicklung stabil zu halten. Das Fatale dabei: Wenn die schwachen Jahrgänge erwachsen werden, ist schon viel verloren; nur noch ein dramatischer, absolut unwahrscheinlicher Anstieg der Geburtenraten könnte dann einen Ausgleich schaffen. Deswegen ist die Entwicklung nach unten gar nicht mehr zu stoppen, sondern nur noch zu bremsen.

Als Patentrezept gegen den Zusammenbruch der Renten- und der Krankenversicherung wird allgemein die Kapitaldeckung empfohlen, die in der privaten Krankenversicherung in Deutschland seit langem praktiziert wird und bei der Riesterrente ebenfalls Anwendung findet. Die Logik dabei: Wenn für spätere Zahlungen ein Kapitalpolster aufgebaut wird, bleibt das System unangefochten von einem späteren Rückgang der Einzahlungen. Isoliert betrachtet ist dies auch richtig. Betrachtet man die wirtschaftlichen Zusammenhänge, dann sieht das Bild weniger rosig aus: Wenn eine Gesellschaft schrumpft und mehr Anlagen flüssig macht als neu aufbaut, dann beeinflusst das auch den Wert des angesammelten Kapitals. Einen Ausweg würde die Anlage des Kapitals in jüngeren Gesellschaften in Schwellenländern bieten – aber dort lauern große Risiken, außerdem sind die Anlagechancen begrenzt.

Einen Ausweg kann die Politik nicht nur mit Steuererleichterungen oder Subventionen für Familien suchen. Fast noch wichtiger ist die Frage, in wie weit sich die Berufstätigkeit beider Eltern mit der Sorge für die Kinder vereinbaren lässt. Diese Auffassung wird inzwischen auch im konservativen Lager vertreten, so zum Beispiel von dem CDU-Politiker Wolfgang Bosbach.

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