Sparen
Wie kann ich mich für das Leben versichern?

Lebensversicherungen galten lange als Verkaufsschlager. Doch der Wandel der Gesellschaft setzt der Branche zu. Hausgemachte Probleme verschlimmern die Lage sogar noch. Ist der Deutschen liebstes Sparprodukt in Gefahr?
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Frankfurt/DüsseldorfIm Jahr 1827 war die häusliche Welt noch übersichtlich. Es wurde früh geheiratet. Der Mann zog hinaus ins feindliche Leben. Die Frau kümmerte sich um Haushalt und Kinder. Damals, als Ernst Wilhelm Arnoldi die "Gothaer Lebensversicherungsbank für Deutschland" gründete und damit den Grundstein für des Deutschen liebstes Vorsorgeprodukt legte, lag klar auf der Hand, warum praktisch jeder Haushalt eine Lebensversicherung braucht: Für den Fall, dass der Mann als Ernährer stirbt, muss die Familie finanziell abgesichert sein. Im Gründungsdokument schreibt Arnoldi: Es geht darum, "die ihres Hauptes beraubte Familie gegen Mangel zu sichern". Und "das eigene Gemüt von der Qual zu befreien, welche der Gedanke an einen frühzeitigen Tod bei unerzogenen Kindern und der Vermögensunzulänglichkeit der Witwe mit sich führt".

185 Jahre später sieht die Welt anders aus: Männer und Frauen gehen zur Arbeit. Wenn Kinder zur Welt kommen, bleibt auch der Mann mal daheim. Einige reisen über Jahre ins Ausland. Andere nehmen sich eine Auszeit, die sie "Sabbatical" nennen. Jede zweite Ehe bricht auseinander. Aus dem Wunsch: "Bis dass der Tod uns scheidet", ist für manche eine Drohung geworden. Die Hoffnung, dass alles bleibt, wie es ist, konkurriert mit der Einsicht, dass nichts mehr ist, wie es war. Patchwork-Familien entstehen. Der Job ein Leben lang gilt nur noch so lange, bis der Headhunter anruft, und wir ihn wechseln.

Wo Bindungen zur Belastung werden, haben es Versicherer, die eine lebenslange Bindung an ein Produkt verkaufen wollen, schwer. Mit ihrem Angebot, nicht nur wie zu Gründungszeiten eine Police zum Schutz der Angehörigen beim eigenen Tod zu verkaufen, sondern sie auch mit der an sich höchst vernünftigen Idee zu verknüpfen, eine private Altersvorsorge aufzubauen, dringen sie immer weniger durch. Denn wer tatsächlich ein hübsches Sümmchen ansparen will, muss über lange Zeit Beiträge zahlen. Am besten jahrzehntelang.

Viele Deutsche sind dazu nicht mehr bereit. Seit 2004 sinkt die Zahl der Lebensversicherungsverträge von fast 95 Millionen auf unter 90 Millionen. 2011 schrumpfen die Beitragseinnahmen das erste Mal seit vielen Jahren, von fast 91 Milliarden Euro im Jahr 2010 auf knapp mehr als 86 Milliarden Euro.

Die Idee einer Versicherung fürs Leben findet weniger Anhänger bei den Lebenden. Schon macht das Wort vom "Auslaufmodell" die Runde. Verbraucherschützer sehen das so. Kerstin Becker-Eiselen, Anwältin in Hamburg und Spezialistin für Versicherungsrecht bei der Verbraucherschutzzentrale, ist eine der bekanntesten Kritikerinnen. Die zierliche Frau ist ein rotes Tuch für die Branche. "Lebensversicherungen sind nicht mehr zeitgemäß", sagt sie. "Versicherte binden sich mit einer Lebensversicherung für sehr, sehr lange. Solche langfristigen Verträge sind zu unflexibel für unsere heutige Zeit." Der Satz wirkt - aber er könnte sich auch als populärer Unsinn erweisen. Vielleicht ist es mit der Lebensversicherung so wie mit der FDP: Es müssen die Richtigen kommen, um ihr wieder Leben einzuhauchen. Vielleicht ist es aber auch so wie mit der Kirche: Wenn sie nur lange genug an ihren Prinzipien festhält, wird sie gerade dafür gefeiert.

Einer der profiliertesten Verteidiger der Versicherung fürs Leben ist jener Mann, nach dem ein ganzes Bündel von Vorsorgemodellen benannt ist: Walter Riester. Von seinem Feriendomizil in Österreich verfolgt er in diesen Tagen die Debatte in Deutschland, und es kocht in ihm: "Die Menschen", sagt er, "werden von Verbraucherschützern, Politik und Kreisen der Medien ständig verunsichert." Ihre Kritik falle auf fruchtbaren Boden, denn die meisten Menschen kümmerten sich nicht aus eigenem Antrieb um die Altersvorsorge. Das liegt in ihrer Natur. Sie geben ihr Geld lieber aus, statt es für das Alter zurückzulegen.

Die Meinungen prallen also aufeinander. Die Branche steckt in der Defensive. Es ist beinahe so wie in der testamentarischen Offenbarung des Johannes: Wenn am Ende auf der Erde nichts mehr geht, werden sieben Plagen die Menschheit heimsuchen, schreibt der Prophet. Sieben Plagen sind es auch, mit denen sich die Versicherer in einer Situation herumschlagen, in der ein Teil ihrer Produkte als nicht mehr zeitgemäß wahrgenommen werden. Es sind selbst verschuldete Plagen darunter und solche, die von außen kommen. Ihnen allen ist gemeinsam, dass sie jenes Modell, das Ernst Wilhelm Arnoldi im vorletzten Jahrhundert entwarf, untergehen lassen könnten.

Kommentare zu " Sparen: Wie kann ich mich für das Leben versichern?"

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  • Gegen das Leben kann man sich nicht versichern und "Für" schon garnicht. Das ist nicht der Sinn der Sache.

    Solange die Menschen nicht wissen, wie das Geld und die Wurst gemacht werden, können sie besser schlafen.

    Würde der Staat, wie es ihm eigentlich zustände, sein eigenes Geld aus der Luft schöpfen und dieses Monopol NICHT den Privatbanken überlassen,
    müsste er es sich nicht für teures Geld = ZinsesZins borgen und wir bräuchten dann ALLE KEINE Steuern zu bezahlen.

    Unser GANZES Leben wird also nicht von der Politik, sondern von den Banken bestimmt. Ein einzigartiges Betrugssystem. Der ESM hat nahezu die gleichen Strukturen wie die FED. Die Versklavung wird damit auf EU Ebene hochgefahren.

  • Gegen einige Plagen gibt es bereits jetzt schon Mittel, wie z.B. gegen die "fünfte Plage" - den sogenannten "Verrat": Würden Versicherer bereits bei Vertragsabschluß darauf hinweisen (so wie dies etwa bereits heute in Großbritannien Vorschrift ist), daß der Versicherte mit seinem angesparten Kapital (in den Reports als "Rückkaufswert" ausgewiesen) ein handelbares Asset erwirbt, das er wie eine Immobilie (dem sogenannten "Betongold") beleihen und verkaufen kann, dann wäre der (vollkommen unnötige) Schrecken der langfristigen Bindung abgemildert - und statt der "Verräter" würde es mehr Leute geben, die anderen ihre Versicherung abkaufen. Mehr zum Thema Zweitmarkt Lebensversicherungen auf http://www.bvzl.de (oder einfach bei Wikipedia nachschauen)!

  • Wer HEUTE Versicherungskonzernen GELD gibt um in 30 oder 40 JAHREN was rauszubekommen, ist so DUMM WIE EINE TÜRSCHNALLE !

    in 30 oder 40 Jahren ändert sich alles ! Regierungen Gesetze, Konzerne.

    Das heißt in 30 Jahren muß man sich im Alter streiten, ob man sein Geld wieder rausbekommt. Kann auch sein, es gab eine WÄhrungsreform, dann ist das Geld FUTSCH, oder reduziert.

    lebensversicherungen ist STAATLICH GEFÖRDERTER BETRUG, BETRUG BETRUG ! Finger weg

    Ich würde sie trotzdem grade mit ABSICHT auflösen !
    Machen das 10% aller Leute, kippt ein großer Konzern um. Die dummen Gesichter möchte ich sehen, hahahahhahahah

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