Steuerliche Förderung
Freiwillige Betriebsrenten bleiben verschmähte Präsente

Die Arbeit zeugt von jahrelanger Übung. Elisabeth Frank, 44, malt in der Keramikmanufaktur Leyk im fränkischen Wörnitz nahe Rothenburg Mini-Fachwerkhäuser aus Ton an. Rasch und präzise zieht sie die Striche. Genauso geradlinig kümmert sie sich um ihre Altersvorsorge: „Ich möchte mich nicht auf Zufälle verlassen“, sagt sie, „was wir heute zur Rente hören, stimmt in ein paar Jahren nicht mehr.“ Und so investiert sie jeden Monat 100 Euro in eine freiwillige Betriebsrente.

WÖRNITZ. Frank denkt wie die meisten ihrer Kolleginnen. Unter den 65 Leyk-Angestellten, vor allem weibliche Halbtagskräfte, zweigt mehr als die Hälfte 100 oder 200 Euro im Monat in eine Pensionskasse ab – von Bruttolöhnen um die 1000 Euro.

Doch was bei Leyk im Kleinen funktioniert, droht im Großen ein Flop zu werden. Seit mehr als drei Jahren versucht die Bundesregierung die freiwillige Betriebsrente mit großzügigen Steuergeschenken attraktiv zu machen. Arbeitnehmer können bis zu 2496 Euro im Jahr – frei von Steuern und Sozialabgaben – in eine Pensionskasse oder einen Pensionsfonds einzahlen. Politiker und Gewerkschafter erhofften sich einiges von dieser Förderung: „Wir dachten, die Leute stehen angesichts der Steuervorteile Schlange“, sagt Wolfgang Förster von der Unternehmensberatung Heissmann.

Doch die Rechnung ist nicht aufgegangen. Weniger als zehn Prozent der Beschäftigten haben sich für die aus Expertensicht „steuerlich lukrativste Form der privaten Altersvorsorge“ entschieden. „Das Ergebnis ist völlig ungenügend“, sagt Förster.

Dabei wäre eine Zusatzrente für die meisten dringend nötig. Denn auf eine vom Arbeitgeber garantierte Betriebsrente kann sich nur jeder dritte Berufstätige freuen. Damit sind 65 Prozent der Arbeitnehmer im Alter auf die staatliche Rente angewiesen, und in deren Kasse klafft immer öfter ein Loch, wie das Handelsblatt zuletzt zu Anfang dieser Woche berichtete.

Besonders fatal an der Situation: Am besten sind diejenigen versorgt, die es eigentlich gar nicht so nötig haben. „Unter den Besserverdienenden ist die Betriebsrente weit mehr verbreitet als unter Arbeitern“, sagt Werner Lose vom Deutschen Gewerkschaftsbund. „Wenn Arbeitnehmer überhaupt mitmachen, dann sind es auch noch die Falschen.“

In Wörnitz hat vor allem der starke Wille von Ursula Leyk, 64, dafür gesorgt, dass die Mitarbeiter sich auf die freiwillige Altersvorsorge einließen. Sie weiß, was Armut heißt. Als Kind einer Flüchtlingsfamilie lebte sie mit drei Geschwistern und Eltern in einer Dreizimmerwohnung. Als das Gesetz kam, hat sie Anbieter von Pensionskassen in die Firma gebeten. Die Herren rechneten vor: Wie hoch fällt die Rente aus, wenn eine Frau mit 35 oder 45 Jahren jetzt beginnt, 100 Euro im Monat in eine Betriebsrente zu stecken? Doch das reichte den Frauen nicht. „Die Leute hat viel mehr interessiert, was ihnen nach dem Abzug noch übrig bleibt“, erzählt Lohnbuchhalterin Renate Gundl. Die Personalkraft rechnete daher für jede Mitarbeiterin einzeln aus, wie sich ein monatliches Ansparen auf den Nettolohn auswirkt. Das überzeugte die Frauen bei Leyk. Hinzu kam: Die Chefin legt ihre gesparten Sozialbeiträge dazu.

Die intensive Beratung ist das A und O, sagen Experten. Doch viele Betriebe scheuen schlichtweg den Aufwand, glaubt Jürgen Kropp von der Unternehmensberatung Profion. Viele Chefs kümmerten sich nicht um das Thema – solange keiner danach fragt. Auch die Versicherungsvertreter engagieren sich nur mäßig. Denn ihnen bleibt meist nur eine kleine Provision.

Ohnehin ist der Verzicht aufs Geld den Beschäftigten nur mit großer Mühe zu vermitteln. „Viele Unternehmen stellen das Angebot nur auf ihre Internetseite, das versteht natürlich keiner“, sagt Kropp. Das gilt für die Mitarbeiter wie für ihre Chefs. „Man fühlt sich den vielen Neuerungen zum Teil hilflos ausgeliefert“, räumt ein Personalleiter ein.

Klaus Stiefermann von der Arbeitsgemeinschaft für betriebliche Altersversorgung rechnet vor: „In den letzten 30 Jahren hat es 24 Reformen zur betrieblichen Rente gegeben, davon zwölf in fünf Jahren.“

Sollte sich die freiwillige Betriebsrente weiter als Flop erweisen, denkt die Politik bereits über eine Pflichtrente nach. „Es ist vorstellbar, dass automatisch Lohn abgezweigt wird – so lange der Arbeitnehmer keinen Einspruch erhebt“, sagt Regierungsberater Bert Rürup. Eine andere Änderung ist bereits beschlossen. Ab 2009 sind die in die Pensionskasse abgezweigten Beträge zwar noch steuerfrei, aber es werden wieder Sozialbeiträge fällig.

Dann würde die freiwillige Vorsorge auch für die Arbeiterinnen bei Leyk wieder unattraktiver. Chefin Ursula Leyk: „Mindestens die Hälfte unserer Frauen springt dann ab.“

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%