Systemstreit
Die PKV wird selbst zum Patienten

Die private Krankenversicherung muss reformiert werden. Das räumen selbst die Regierungsparteien ein. Der Dauerbeschuss von SPD, Grünen und der Linke gegen die Privaten und für eine Bürgerversicherung wirkt.
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DüsseldorfDeutschland auf dem Weg in die Bürgerversicherung? Darüber diskutieren heute in Berlin auf der Euroforum-Tagung „Krankenkassen 2013“ Politiker aller wichtigen Parteien. Im Visier haben sie dabei jedoch nicht die gesetzliche Krankenversicherung, sondern die private, die PKV.

SPD, Linke und Grüne wissen zwar noch nicht, wie sie die Bürgerversicherung aufstellen sollen. Doch in einem Punkt sind sie sich einig: im Feindbild. Das ist die PKV, die zwar nicht abgeschafft werden kann, aber irgendwie zurecht gestutzt werden soll.

Zu einer der schärfsten Kritiker hat sich dabei zuletzt Biggi Bender von den Grünen aufgeschwungen. „Die PKV ist nicht zukunftsfähig – diese Haltung ist inzwischen in der Politik weit verbreitet, nicht nur im linken Spektrum“, sagte sie Handelsblatt Online.

Letztlich bezahle die PKV nur Rechnungen. Die privaten Krankenversicherer, die rund neun Millionen Deutsche voll versichern, hätten keine Verträge und könnten weder die Qualität noch die Menge von Gesundheitsleistungen beeinflussen. Die Folge sei etwa eine immense Überversorgung im ambulanten Bereich. Die Kunden zahlten dafür mit ihren Prämien. Diese stiegen viel stärker als in der GKV.

Darüber hinaus sei die PKV auch der demographischen Entwicklung nicht gewachsen, sagte die Grünen-Politikerin. „Die Altersrückstellungen der Branche reichen nicht annähernd aus, um den Beitragsanstieg im Alter in Grenzen zu halten“, glaubt Bender im Gegensatz zur Branche. Der PKV-Verband hebt gerade das hohe Niveau der Altersrückstellungen hervor.

Bender sagt dagegen: Man müsse doch bedenken, dass es derzeit noch gar nicht viele Hochbetagte in der PKV gibt. Denn die Älteren seien bisher relativ schnell wieder weg aus der PKV gewesen, wenn ihre Beiträge im Alter das GKV-Niveau erreichten oder überschritten. „Die eigentliche Welle von Älteren kommt jetzt erst in der PKV an. Die Folge wird sein: ständig steigende Prämien.“

Ihr Fazit lautet daher: „Dieses System ist hoffnungslos überfordert. Es implodiert von innen.“ Das Parlament in Berlin könne zwar nicht entscheiden, die PKV dicht zu machen. Doch klar sei für die Grünen: „Die PKV sollte sich mittelfristig an der GKV orientieren.“

Kommentare zu "Die PKV wird selbst zum Patienten"

Alle Kommentare
  • Inzwischen hat die Studie eines SPD-nahen Gesundheitsexperten einiges klargestellt: Selbst die Gewerkschaften/Betriebsräte der PKV-Gesellschaften sind im Hinblick auf die durch eine Bürgerversicherung drohenden Arbeitsplatzverluste in der Versicherungswirtschaft nicht bereit, die Bürgerversicherung ohne kritische Begutachtung nur durchzuwinken.

  • @fatfinger
    Haben Sie wirklich es nötig die Integrität der Diskussionspartner zu diskreditieren? Bleiben Sie doch lieber bei Sachargumenten. Danke

  • ich kenn viele Privatpatienten. Oft habe ich schon mitbekommen und das wurde mir auch offen gesagt:"aus Angst vor Überbehandlung holt man immer eine 2. Meinung ein und geht noch zu einem anderen Arzt" Nicht das ich nachher unnötigerweise operiert werde oder ähnliches.

    Das kann es doch nicht sein, dass das Misstrauen gegenüber Ärzten so groß ist, nur weil man Privatpatient ist!

    eine Reform zur Bürgerversicherung könnte sogar kostenneutral für den Arzt sein, da es die Masse macht: einfach nur die Sätze der GKV dann ein bisschen anpassen, so dass der Ausgleich für die höheren Einnahmen durch Private dann auf die Gemeinschaft aller Versicherten aufgeschlagen werden bei der Gebührenordnung. Durch die große Anzahl an Patienten wäre das wahrscheinlich gar nicht mal eine große Gebührenerhöhung.

    ich denke, man kann eine Bürgerversicherung ohne Probleme zum Wohl aller umsetzen. Nicht mal Ärzte müssten unzufrieden sein, alles nur ne Frage der Ausgestaltung.
    Andere Länder haben auch nur ein Versicherungssystem. Deren Verwaltungskosten sind oftmals sogar geringer.

    Man muss einfach nur mal die ideologischen Scheuklappen abnehmen.

  • Was kam denn genau bei dieser Tagung Euroforum Krankenkassen 2013 raus.
    Wurden den ganzen Lobbyisten wieder Zusagen gemacht, wo noch mehr aus den Versicherten zu holen ist.
    Oder geht es endlich um ein System das Kranke in Not unterstützt, anstatt nur die Gesunden abzuzocken.

  • Könnten Sie evtl. konkrete Zahlen nennen?

    Seit wann ist die Person Privat versichert, bei welcher Gesellschaft, in welchen Tarifen, TOP-Komfort-Leistungen über GKV-Schutz, wieviel wurde über die Vertragslaufzeit im Vergleich zur GKV evtl.gespaart, wurden die evtl. Ersparnisse zusätzlich fürs Alter verzinslich zurückgelegt?

  • Erst wenn sich einige PKV Versicherte umgebracht haben, weil sie durch die immer höheren PKV Beiträge in bitterer Armut landen, wird es ein umdenken in der Politik geben.
    Wie kann es angehen, dass überhöhte Krankenkassenbeiträge Rentnern nichts mehr zum leben übrig lässt.

  • In den letzten 20 Jahren wurde in der GKV 8 mal der Beitragssatz erhöht, dazu noch jährlich die Bemessungsgrenze wovon der Beitrag berechnet wird. 15 Leistungen wurden gestrichen. Insgesamt 158 GKV (!!) gibt es von denen 53 finanziell mit dem Rücken zur Wand stehen.Für schwere Erkrankungen wurden von der PKV im letzten Jahr 3,91% mehr Leistungen ausgezahlt als von allen 18 führenden GKV zusammen. Die GKV bildet in keinerlei Hinsicht Altersrückstellung! Eine Bürgerversicherung funktioniert bereits seit Jahren in England nicht. Alle Zahlen sprechen für den Erhalt der PKV, wenn man sich intensiv mit dem Thema beschäftigt. Wenn ein gesetzliches System auf Dauer (Stichwort Demographie) mit 90% der Bevölkerung nicht funktioniert, wird es das mit 10% mehr aus der PKV auch nicht schaffen! Dann doch lieber ein gesundes Nebeneinander von GKV und PKV, mit einem medizinischen Standard, um den uns die ganze Welt beneidet.

  • Der Kommentar von Herrn Reinhold Schulte im Spiegel deckt sich nicht mit den waren Machenschaften der PKVs. Ich selber habe 2009 mit meinem Lebensalter von 44 Jahren 390.- € im Monat bei der Central gezahlt inkl. 1600.-€ Beitragsrückerstattung inkl. Chefarzt inkl. Lohnausfall 1900.-€ im Monat inkl. Heilpraktiker. Leider stieg die Beitragshöhe bis 2011 auf 690.-€. Jetzt 2013 kostet der Beitrag sogar 890€ im Monat in dem Tarif. 2011 ging ich in den Basistarif für 390.- € Beitrag im Monat ohne 1600.-€ Beitragsrückerstattung ohne Chefarzt ohne Heilpraktiker inkl. Lohnausfall 1900.-€ plus 1750.- € Selbstbehalt. Was noch ein großer Nachteil bei den PKVs ist, dass Vorsorgeuntersuchungen nicht kostenlos wie bei den GKVs sind. Ich selber habe letztes Jahr selber 1000 € für Vorsorgeuntersuchungen ausgeben müssen, was dann mit der SB verrechnet wurde. Dann kommen die Kosten im Alter für die PKV, diese kann keiner Voraussagen. Mein Schwiegervater zahlt mit seinen 78 Jahren 70€ in der GKV, in der PKV müsste er bestimmt 300€ ohne Lohnausfallschutz zahlen (ich vermute, dass die 300€ wohl noch zu niedrig von mir geschätzt sind) .
    Wenn ein Mensch eine Durschnittsrente von 1000€ bekommt (wenn sich man als Selbständiger überhaupt Rentenversichert hat) gehen hier schon 30% alleine in die PKV und das wie gesagt bestimmt noch alles viel zu niedrig geschätzt.
    Die PKVs sorgt in Zukunft mit ihren ständigen Erhöhungen im Beitrag und Selbstbehalterhöhungen für noch mehr Altersarmut in Deutschland. Der Staat schaut schon seit 30 Jahren an der Realität der Renten und der Krankenkassen vorbei und jetzt schaut der Staat auch noch zu wie die PKVs ihre Beiträge bis zu 100% plus hohe Selbstbehalt von bis zu 2000€ im Basistarif erhöhen.
    Alle Poliker schieben seit Jahrzehnten das Thema Kranenkasse und Renten vor sich her und jetzt am Ende wenn es brennt wird versucht zu diskutieren aber handeln will hier keiner von den Politikern.

  • Diskutiert wird an der falschen Stelle. Die eigentliche Ursache, warum die Kosten explodieren, muss angegangen werden. Das System der PKV leidet an der Lobby der Pharmaindustrie und den ärzten selbst. Die ärzte wollen nicht heilen, sondern behandeln. Da gibt es wohl Unterschiede. Für einen simplen Schnupfen wird einem buchstäblich ein Ganzkkörperscreening untergejubelt mit anschließendem CT und am Besten noch mehreren Blutproben. Sicher übertrieben, trifft aber den Kern. Das bringt viel Geld für alle und bezahlt der PKV Kunde. Und was die gute alte Hausmedizin regeln könnte, wird mit teuren Medikamenten zugedröhnt. Am besten noch mit Nebenwirkungen, die man dann auch gleich noch behandeln kann. Wenn ein Weißkittel dann abrechnet, was er will, ohne reale Tätigkeiten, dann wird die Abrechnung zum Blankoscheck und darunter leiden beide Systeme. Die Kunden würden sich eher wünschen, dass dort endlich mal gehandelt wird.

  • @ChristianWagner
    Sie glauben, daß ich eine "Einstiegshilfe" brauche, und von "blöden Schafen" schreiben Sie.
    Ich war tatsächlich so blöd, 5 Jahre bei der PKV zu sein. Seitdem mir klargeworden ist, wie dieses System funktioniert, bin ich freiwillig bei der GKV.
    Und Sie gehen also im Ernst davon aus, mit einer "Beitragsanpassung" (schon das Wort zeigt mir, aus welcher Ecke Sie kommen) von 3% p.a. für die nächsten 30 Jahre davonzukommen?
    Interessieren Sie sich nicht für die Erfahrungsberichte von Privatversicherten, die länger bei diesem Betrugs- u. Täuschungssystem dabei sind als Sie?
    Eine Beitragserhöhung (wie ich es nenne) von über 30% p.a. im Alter, wie bei den Privaten, ist bei den Gesetzlichen ABSOLUT UNDENKBAR und auch gar nicht notwendig, da keine jungen Neukunden durch Lockangebote geworben werden, von denen man sich das Geld dann im Alter holen müsste.
    Nebenbei: Bei der PKV-Notbremse "Standarttarif", der Sie vielleicht mal vor dem Schlimmsten bewahren wird, sind Sie de facto schlechter gestellt als ein Kassenpatient.
    Wissen Sie das alles wirklich nicht, oder verschweigen Sie es, da Sie möglicherweise beruflich von dieser Branche leben?



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