Systemwechsel Der steinige Weg zurück in die Krankenkasse

Die Angst vor hohen Beiträgen im Alter treibt viele Menschen zurück in die gesetzliche Krankenversicherung. Eine Rückkehr ist zwar nicht leicht. Unter bestimmten Bedingungen gibt es aber einen Weg.
Update: 22.02.2012 - 09:26 Uhr 43 Kommentare
Krankenversichertenkarten von gesetzlichen Krankenversicherungen. Quelle: dapd

Krankenversichertenkarten von gesetzlichen Krankenversicherungen.

(Foto: dapd)

DüsseldorfDie gesetzliche Krankenversicherung (GKV) gewinnt vor allem für ältere Privatpatienten wieder an Attraktivität. Die beiden größten Krankenkassen Barmer GEK und Techniker (TK) stellen das aufgrund der jüngsten Wechselzahlen fest. Die TK etwa verzeichnete im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg von fast zwölf Prozent. Auch im AOK-System häufen sich die Anfragen von Kunden der privaten Krankenversicherung (PKV).

Vor allem die Angst vor hohen Beiträgen im Alter treibt die Menschen zurück. „Wir müssen aber viele enttäuschen, weil sie keine rechtliche Möglichkeit haben zu wechseln“, sagte der Sprecher des AOK-Bundesverbandes, Udo Barske, dem Handelsblatt. „Dies zeigt: Die Zeit der PKV als Vollversicherung geht zu Ende.“ 

Der PKV schaden extreme Beitragserhöhungen einzelner Krankenversicherer wie der Generali-Tochter Central. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) nahm die privaten Anbieter deshalb in die Pflicht. „Sie schöpfen noch längst nicht alle Möglichkeiten aus, den Versicherten günstigere Tarife anzubieten“, sagte Bahr der „Neuen Westfälischen Zeitung“. Es müsse vermieden werden, Anreize zu schaffen, das Kassensystem zu unterwandern und zur gesetzlichen Kasse zu wechseln. 

Der Weg zurück in die GKV ist steinig. Der Gesetzgeber hat viele Hindernisse aufgebaut, um Rosinenpickerei zwischen den Systemen zu unterbinden. So ist es zum Beispiel nicht gewollt, dass die Menschen in jungen Jahren von den niedrigeren PKV-Prämien profitieren und im Alter dann von niedrigeren GKV-Prämien. Dennoch ist der Weg zurück nicht für alle verbaut.

Wer wechseln möchte, dem empfiehlt der Versicherungsmakler Sven Hennig, sich an einen Anwalt oder einen Rentenberater zu wenden. Er sieht es nicht als Aufgabe der Krankenkasse an, PKV-Kunden zu beraten. Viele Krankenkassen tun dies dennoch. Es gebe verschiedene Konstellationen, in denen ein Wechsel möglich sei, erläutert eine TK-Sprecherin. Solche Beratungen seien inzwischen Routine. Die Basis dafür seien die Regeln im Sozialgesetzbuch.

Die Paragraphen sind jedoch so unverständlich, dass nur Eingeweihte sie verstehen. Wechselwillige finden jedoch im Internet genügend verständliche Hinweise, unter welchen Voraussetzungen ein Wechsel möglich ist. Verschiedene Seiten informieren darüber, mitunter raten sie dann jedoch dennoch davon ab und empfehlen, lieber in der PKV zu bleiben.

Wer von der PKV in die GKV zurück kann

Ob es älteren Semestern gelingt, zurück in das gesetzliche System zu kommen, hängt von den persönlichen Lebensumständen ab, unter anderem Berufsstatus, Einkommen und Alter. Der Gesetzgeber hat etliche Bedingungen formuliert, um generelle und schnelle Wechsel zu verhindern.

Angestellte: Das Einkommen muss für mindestens ein Jahr unter die Versicherungspflichtgrenze sinken. 2012 liegt diese Einkommensgrenze bei einem jährlichen Bruttogehalt von 50.850 Euro. Ein gut verdienender Angestellter könnte sein Einkommen zum Beispiel dadurch unter diese Grenze drücken, wenn er nicht mehr voll arbeitet, sondern nur noch einen Teilzeitvertrag hat. Bei Eintritt in die Rente könnte die Gesetzliche Krankenversicherung dann freiwillig bis ans Lebensende weitergeführt werden, heißt es auf der Internetseite Finanztip. Eine Ausnahme gebe es allerdings: Arbeitnehmer, die sich auf Antrag in der Vergangenheit von der Versicherungspflicht befreien ließen, könnten diesen Weg nicht gehen. Die Befreiung von der Versicherungspflicht werde auf Antrag ausgesprochen, wenn das Einkommen unter die Versicherungspflichtgrenze gesunken ist und der Arbeitnehmer aber seinen privaten Krankenversicherungsschutz aufrechterhalten möchte. 

Selbstständige: Wer bisher frei arbeitet, kann in ein Angestellten-Verhältnis wechseln. Sein Gehalt müsste dann aber unter der Versicherungspflichtgrenze liegen. Er könnte seine Selbstständigkeit auch vollkommen aufgeben und in die Familienversicherung seines Partners wechseln. 

Berufsanfänger: Auch wenn ihr Gehalt von Anfang über der Versicherungspflichtgrenze liegt, können sie sofort in die GKV. Studenten, die während des Studiums privat versichert waren, kommen so zurück in die GKV.    

Arbeitslose: Wer arbeitslos wird, den versichern die Arbeitsämter meist automatisch in der GKV. 

Über 55-Jährige: Eine wichtige Grenze in den Regeln ist das Alter. Eine Rückkehr in die GKV geht für Angestellte und Selbstständige nur, wenn sie das 55. Lebensjahr noch nicht überschritten haben. Wer älter ist, hat nur unter sehr speziellen Voraussetzungen noch eine Chance zum Systemwechsel. „Diese Informationen sind im Gesetzestext gut versteckt, da bei diesen Personen die Rückkehr in die GKV verhindert bzw. möglichst schwer gemacht werden soll“, heißt es auf der Internetseite PKV-Selbstvergleich.de. „Außerdem ist die Rückkehr nicht bei jedem möglich, sondern an bestimmte Bedingungen geknüpft.“ In diesem Fall empfiehlt sich also die Beratung durch einen Spezialisten, der die Regeln des Sozialgesetzbuches sehr gut kennt. 

PKV-Experten, wie etwa die Verbraucherzentrale in Mainz, weisen in diesem Zusammenhang gerne darauf hin, dass eine Rückkehr in die GKV gar nicht mehr nötig sei, weil auch die privaten Krankenversicherer inzwischen Tarife anbieten müssen, die denen der GKV ähneln. Dies ist der sogenannte Basistarif. Daneben gibt es noch einen Standardtarif. Selbst dieser sei im Alter oft noch günstiger als die hohen Beiträge der gesetzlichen Versicherung und biete dabei bessere medizinische Leistungen, heißt es auf der Internetseite Krankenversicherung.net. Der Basistarif und der Standardtarif stellten gute Alternativen zur Rückkehr in die gesetzliche Versicherung dar.

Wer trotzdem in die GKV wechseln will, sollte sich das gut überlegen. Denn jeder PKV-Versicherte sammelt Altersrückstellungen an, die im Rentenalter den Beitrag dämpfen sollen. Diese Vorsorge, die die private Versicherung für den PKV-Kunden gebildet hat, geht verloren bei einer Rückkehr ins gesetzliche System.. Beim PKV-Basistarif dürfe die monatliche Prämie den Höchstbeitrag der GKV nicht überschreiten, heißt es auf Krankenversicherung.net. 2012 beträgt der GKV-Höchstbetrag 592,88 Euro. Wenn der Kunde gemäß dem Sozialgesetzbuch hilfebedürftig sei und einen hohen PKV-Beitrag zahlen müsse, könne dieser vom zuständigen Sozialversicherungsträger voll übernommen werden.

Zahlenstreit zwischen PKV und GKV

Wie die jüngsten Wechsler-Zahlen zu bewerten sind, darüber streiten PKV- und GKV-Vertreter. Der Sprecher des PKV-Verbandes, Stefan Reker, wies darauf hin: „Wir haben immer einen deutlich positiven Saldo hin zur PKV gehabt.“ Jedes Jahr würden unter dem Strich aber weitaus mehr gesetzlich Versicherte in die private Krankenversicherung wechseln als umgekehrt, sagte er. Das sei auch 2011 wieder so gewesen.

Besonders junge Leute wechseln gerne in die PKV. Reker geht aufgrund einer Hochrechnung von mehr Wechseln aus als im Vorjahr. 2010 waren es netto 74500 Personen. Zwischen 2006 und 2010 lag der Nettosaldo zugunsten der PKV zwischen 75000 und 140000 Personen.

Zumindest bei der Techniker Krankenkasse (TK) war der Nettosaldo in den vergangenen beiden Jahren mit durchschnittlich 40.000 Personen auch positiv, wie eine Sprecherin erläuterte. Barmer GEK und TK nannten im übrigen Bruttozahlen, also wie viel Kunden der PKV zu ihnen zurückkamen – ohne die Abgänge zur PKV zu betrachten.

Bei der TK zeige der Trend hier klar nach oben, sagte die Sprecherin. Von 50.000 im Jahr 2009 sei die Zahl der Systemwechsel auf 68.000 im vergangenen Jahr gestiegen. I

Einen ähnlichen Trend stellte die Barmer GEK fest. 2011 wechselten in den ersten elf Monaten rund 27600 PKV-Kunden zu der größten Krankenkasse mit 8,6 Millionen Versicherten. Auch dies sei ein deutlicher Anstieg von neun Prozent.

Die Krankenkassen weisen gerne auf die steigende Zahl der Wechsel hin, weil sie zuletzt durch die PKV wieder unter Druck geraten sind. Gerade für die attraktive Gruppe gut verdienender GKV-Kunden hatte die Regierung die Wechselmöglichkeiten Anfang 2011 wieder erleichtert. Diese Personen müssen nicht mehr drei Jahre warten, sondern können bei entsprechendem Einkommen schon nach einem Jahr in die PKV wechseln, die für sie oft günstigere Beiträge bietet als die GKV. 

Der PKV schadete jedoch zuletzt, dass einige Versicherer ihre Prämien zum Teil um bis zu 50 Prozent erhöhen mussten. Das schürte auch anderswo bei den rund neun Millionen Privatversicherten im Lande die Angst vor einer Beitragsspirale, die sie vor allem im Alter treffen könnte. Der Grund: In der PKV hängen die Beiträge stark von den verursachten Krankheitskosten ab, die mit steigendem Alter jedoch eher höher werden. In der GKV werden die Beiträge jedoch nach dem Einkommen berechnet, was insbesondere für Rentner mit niedrigem Einkommen im Alter ein Vorteil ist.

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43 Kommentare zu "Systemwechsel: Der steinige Weg zurück in die Krankenkasse"

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  • Ich denke andere Laender koennen als Vergleich herangezogen werden. Australien z.B. hat eine Pflichtkrankenversicherung fuer ALLE - ob Angestellter oder auch Selbstaendiger. Diese deckt das noetigste ab wie akute Krankheiten und Notfaelle. Wer besseren Service moechte schliesst dann eine Zusatzversicherung ab. ich denke das macht Sinn und erspart Neidkommentare ueber Fremdfinanzierung.

  • Die Entwicklung geht doch dahin, daß das Kosten/Leistungsverhältnis der GKV rasant schlechter wird und wenn man die Praxis der GKV-Patienten mal genau unter die Lupe nimmt, sind sie bei horrenden Beiträgen doch nicht mehr als Bittsteller beim medizinischen Leistungsbetrieb. Die meisten Ärzte sehen GKV-Patienten doch lieber gehen als kommen, denn die rd. 30 Euro pro Patient/Quartal, die der Arzt heute von den GKV bekommt, deckt ja nicht mal die Kosten fürs Hände schüttelt, eine Beratung gibt es nicht mehr und warum auch, Fortbildung findet doch sowieso nicht mehr statt, sondern nur noch aufzuschreiben, was die Pharmaindustrie so empfiehlt. Dieses System hat keine Zukunft, es wurde 1957 von Adenauers Volksversicherung (gegen Ludwig Erhard) kreiert und es zeigt sich immer deutlicher, daß Anforderungen und Leistungen immer stärker auseinanderfallen. Es wäre besser gewesen, ein Sytem der PKV (ohne die moroden GKV) zu schaffen, daß nach Einkommenshöhe subventioniert wird. Aber das Subsidiaritätsprinzip bei Sozialmaßnahmen ist auch schon 1957 durch das Gießkannenprinzip ausgetauscht worden, was den hohen Schuldenstand heute von rd. 7 Bio. Euro fast zwangsläufig entstehen ließ.

  • Am sinnvollsten wäre eine gesetzliche Grundversicherung für alle welche die wesentlichen Grundrisiken abdeckt. Alles weitere könnte privat als Sahnehäubchen versichert werden.

  • Solidargemeinschaft? Die PKV-Patienten finanzieren die GKVler fleissig mit, ohne die Beiträge der Pribvatpatienten gäbe es vielerorts schon keine Arztpraxen mehr! Oder glauben Sie ein Arzt kann von 12,5€/Patient im Quartal leben bei dem administrativen Overhead, den er pflegen muss!

    Wenn die Regierung egal welcher Coleur wirkliche eine vernünftige Versicherung für alle will sollte die PKV flächendeckend eingeführt werden. Zudem sollte die Integration des Austauschs von Informationen vorangetrieben werden, dann fallen viele Doppelverschreibungen, CT, Röntgenaufnahmen, etc. pp. weg.

    Der Weg zur Ersparnis ist nicht allein der Druck auf den Patienten und der erhobene Zeigefinger.

  • Falsch! Fragen Sie Ihren Hausarzt: Er könnte ohne seine Privatpatienten finanziell gar nicht überleben! Er bekommt für ein Beratungsgespräch, m.E. das Wichtigste beim Arztbesuch überhaupt, von der GKV irgendetwas unter 15 Euro!

  • Hallo Mitbürger, wie soll ein gesetzlich Versicherter, der nie eine Rechnung sieht oder bekommt, wissen, ob irgendetwas überteuert ist? Und wenn, interessiert es ihn? Mich als privat Versicherte schon, denn ich habe einen hohen Selbstbehalt!

  • Dann wollen Sie also, daß Geringverdiener die Gallenoperation des Direktors bezahlt? Es ist doch gut, daß wir 2 Systeme haben: eines, das uns Egoisten versichert, also das jedes einzelne Risiko bewertet, und zwar nach von uns gewählten Tarifen (vom RollsRoyce bis zum VW = gesetzlich vorgeschriebenes GKV-Niveau), und eins, das ohne Rücksicht auf individuelle Risiken oder Anzahl der versicherten Personen steuerähnlich arbeitet. Schön wäre es, wenn die Wahl zwischen den Systemen und deren Anbieter gänzlich frei wäre, der Gesetzgeber also nur die Versicherungspflicht vor-schreiben würde incl Mindestniveau.

  • Falsch: Nach den neuen gesetzlichen Regelungen muß die private Krankenkasse es hinnehmen, wenn ein bei ihr Versicherter die Beiträge nicht (mehr) bezahlen kann (z.B. ein Selbständiger oder Freiberufler). U.a. des-halb steigen die Beiträge für die anderen. Der gesetzliche Anspruch eines Privat Versicherten, im Alter in den Basistarif zu wechseln, ist uralt. Die Konditionen (Preise, Leistungen) des Basistarifs entsprechen der GKV.

  • Falsch: Nach den neuen gesetzlichen Regelungen muß die private Krankenkasse es hinnehmen, wenn ein bei ihr Versicherter die Beiträge nicht (mehr) bezahlen kann (z.B. ein Selbständiger oder Freiberufler). U.a. des-halb steigen die Beiträge für die anderen. Der gesetzliche Anspruch eines Privat Versicherten, im Alter in den Basistarif zu wechseln, ist uralt. Die Konditionen (Preise, Leistungen) des Basistarifs entsprechen der GKV.

  • @ kognitiver,
    früher musste ein gut eingestellter Diabetiker eine jährliche Kontrolle durchführen - aktuell jedes Quartal. Damit ist eine vervierfachung der Kosten gegeben.

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