Wegen Niedrigzinsen
Versicherer auf dem Weg ins Bankgeschäft?

Lukrative Anlagemöglichkeiten gesucht, heißt es derzeit bei vielen Versicherern. Kann das klassische Kreditgeschäft mit Immobiliendarlehen und Unternehmensanleihen den Versicherern einen Ausweg aus der Zinsfalle bieten?
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Frankfurt/MainDie Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank verdirbt der Assekuranz hierzulande das Geschäft. Besonders hart trifft es Lebensversicherungen: Sie sollen die Kundengelder möglichst sicher, aber auch möglichst gewinnbringend anlegen. Und das ist derzeit alles andere als leicht. Manche sehen die Branche daher schon im großen Stil auf dem Weg ins Bankgeschäft mit Immobiliendarlehen und Unternehmenskrediten.

Der Vorteil für Allianz und Co.: Sie brauchen keine Banklizenz, wenn die Kreditvergabe zum Anlagegeschäft zählt. „Das mindert Aufwand und Kosten“, sagt Fachanwältin Esther Jansen. Zudem könnte das Kreditgeschäft für Versicherer in Zukunft attraktiver werden, für Banken dagegen weniger interessant. Grund sind neue Eigenkapitalvorschriften. So brauchen Versicherer Jansen zufolge nach dem geplanten Regelwerk „Solvency II“ künftig weniger Eigenkapital für Kredite als für direkte Investments. Geldhäuser wiederum müssen nach den unter „Basel III“ verschärften Bankregeln künftig mehr Eigenkapital als bisher für Kredite vorhalten.

Interessanter als bisher könnte für Versicherer vor allem das Geschäft mit Immobilienkrediten werden, wenn die neuen Eigenkapitalregeln einmal eingeführt sind. Danach müssen die Versicherer direkte Investitionen in Immobilien mit 25 Prozent Eigenkapital unterlegen, bei Hypothekendarlehen sind es dagegen je nach Laufzeit nur 15 Prozent, wie Jansen, Partnerin bei der Kanzlei Shearman & Sterling berichtet.

Eine Einführung des gesamten Regelwerks „Solvency II“ wird nach mehreren Verschiebungen allerdings nicht mehr vor 2016 erwartet. Jansen ist sich dennoch sicher: „Der Anlagedruck ist groß, die Versicherer werden stärker ins Kreditgeschäft einsteigen.“

Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten ist skeptischer. Nicht jeder Versicherer habe das Know-how für Geschäfte mit Unternehmenskrediten oder -anleihen. Gerade für kleinere Anbieter gelte „Schuster bleib bei Deinen Leisten“. Schlechte Erfahrungen mit Bankgeschäften hätten einige Versicherer bereits in der Vergangenheit gemacht. „Damals haben sie sich die Finger mit Tagesgeldangeboten verbrannt.“ Mittlerweile liege das Geschäft praktisch brach. Rudnik hat daher nicht das Gefühl, „dass die Versicherer im großen Stil in andere Bereiche drängen“.

Dies bestätigt auch ein Blick auf die Zahlen des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV). Danach hatten die Erstversicherer hierzulande Mitte 2012 Hypothekendarlehen im Volumen von rund 55 Milliarden Euro an Häuslebauer und gewerbliche Kunden vergeben - der Löwenanteil von rund 50 Milliarden entfiel auf Lebensversicherungen. Die Immobiliendarlehen entsprechen einem Anteil von 5 Prozent an den gesamten Kapitalanlagen der Erstversicherer. Ende 2005 waren es noch 7 Prozent. „Kurzfristig erwarten wir hier keine Trendumkehr“, heißt es beim GDV.

Der Anteil der Unternehmenskredite an den Kapitalanlagen deutscher Erstversicherer stagniert seit Jahren bei knapp unter einem Prozent, das Volumen lag mit rund 8,8 Milliarden Euro Mitte 2012 deutlich unter dem der Hypothekendarlehen.

Klar ist aber auch, dass die Versicherungen auf der Suche nach neuen Anlagemöglichkeiten sind. So sieht die Allianz beispielsweise Infrastrukturobjekte wie Gasnetze als ertragreiche und sichere Alternative.

Agentur
dpa 
dpa Deutsche Presse-Agentur GmbH / Nachrichtenagentur

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  • Viele Versicherungskunden, deren Lebensversicherungsverträge jetzt auslaufen, erhalten die Nachricht, dass die Ablaufleistung um ca. 1/3 niedriger ist, als erwartet. Das geschieht in einer Zeit, da der Kapitalmarkt auf Höchstniveau rangiert (Aktien- und Rentenmarkt), die Allianz, die ja auch in diesem Geschäftszweig tätig ist, das beste Ergebnis ausweist und der Vorstandsvorsitzende sich einen kräftigen Schluck aus der Gehaltspulle gönnt.

    Einer Zeit, in der die einen Champus "saufen" und den anderen "Wasser" verordnet wird. Keine Zeit, die, ungeachtet der fernen Zypernproblematik, als sozial ausgewogen gelten kann.

    Gehen wir zurück zu den Profiteuren der Niedrigzinspolitik.

    Nicht nur dieKrisenländer zahlen weniger Zinsen, sondern auch unser Finanzminister profitiert an dieser Niedrigzinspolitik. Es liegt deshalb also nahe, dass auch er ein Interesse an Problemländern hat, denn sonst müsste er auch höhere Zinsen für den Staatshaushalt zahlen. Je drastischer er die Not in anderen Ländern provoziert, desto größer ist der politische Druck auf die EZB-Führung, die Zinsen weiter niedrig zu halten.

    Das ist in meinen Augen ein perverses Spiel mit der Not der Bürger und eine unsoziale Umverteilung.

    Wir wollen Europa, wir wollen den Euro, aber wir brauchen charakterlich untadelige "Leute" in den entscheidenden Funktionen. Nach einhelliger Meinung werden wir unter den politisch agierenden Personen, diese Qualifikation nicht finden.

    Wir brauchen eine strikte, unüberwindbare Trennung nicht nur zwischen Kirche und Staat. Wir brauchen auch eine Trennung von Politik und Zentralbank. Es ist einfach unsozial politische Spielchen auf dem Rücken der Bürger auszutragen, deren Not zu maximieren, um einen eigenen Vorteil zu etablieren.

    Wir brauchen saubere transparente Abrechnungen zwischen Versicherungsgeber und Versicherungsnehmer.

  • Am Beispiel Zypern mußten wir erfahren wie unprofessionell die zuständigen Akteure gehandelt haben und weil sich substanziell nichts geändert hat, auch in Zukunft handeln werden.

    Das Problem hatte jedoch den Vorteil, dass es räumlich abgrenzbar war. Um dieses, in gewissen Grenzen dennoch managebar zu halten, hat die EZB die Zinsen massiv gesenkt. Die Politik verlangt gleichzeitig die Änderung des Geschäftsmodells Zypern.

    Das sind alles Managementideen, die untereinander überhaupt nicht kausal verbunden sind. Das ist reinste Propaganda.

    Um diese Aussage zu überprüfen, sollte geprüft werden, ob eine frühzeitige Änderung des Geschäftsmodells die Krise vermieden hätte. Schaut man nach Luxemburg, dort ist dieses Geschäftsmodell noch extensiver eingesetzt, erkennt man, dass der Vorschlag überhaupt nicht zum Problem passt.

    Schauen wir uns die Niedrigzinspolitik an. Natürlich hat sie Zypern genutzt, aber ebenso und vielleicht noch viel mehr anderen Ländern.

    Die Zinsentlastung geht mit dem Wegfall von Zinseinnahmen andererseits einher. Das Problem wurde verlagert.

    Banken sind aufgrund ihres seit Jahren ausgefeilten Liquiditätsmanagementsystems nicht sonderlich tangiert. Tangiert sind lediglich deren Kunden, denen kaum noch Zinsen aber weiterhin hohe Gebühren in Rechnung gestellt werden.

    Diese müssen sich überlegen, ob es noch Sinn macht, am Monatsersten Geld auf das Konto einzuzahlen, um später nur noch mit einem geringeren Teilbetrag verfügen zu können. Ökonomisch macht das schon lange keinen Sinn mehr.

    Noch viel problematischer ist der Niedrigzins für die Versicherungswirtschaft mit ihrer intransparenten Kontoführung und der gänzlich fehlenden Kontrolle. Kunden schließen bei ihr i.d.R. langfristige Verträge ab und erhalten am Ende eine Fälligkeitszahlung. Ihre Kontrollmöglichkeit erschöpft sich mit der Kontrolle, dass die Versicherung an dem vorher vereinbarten Tag eine Zahlung leistet. Aber selbst dies ist nach Paragr. 89 VAG noch unsicher.

  • Beitrag von der Redaktion gelöscht. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: http://www.handelsblatt.com/netiquette

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