Zu viele vertrauen auf Nachlass als Ruhegeld
Erbe reicht nicht für Altersvorsorge

Die Generation der Erben spart an der eigenen Altersvorsorge - der elterliche Nachlass wird’s schon rechtzeitig richten. Ein verhängnisvoller Irrtum.

Ein warmer Regen ist nichts dagegen: Geschätzt 3000 Milliarden Euro Erbschaft prasseln bis 2020 auf trauernde Ehegatten, Kinder, Enkel, Nichten und Neffen nieder. Die Jungen werden im Geld schwimmen, weil die Alten geschuftet und gespart haben. Könnte man glauben. Das ist aber nur die halbe Wahrheit. Die Nachkriegsgeneration hat in der Tat mit zäher Arbeit große Vermögen aufgebaut. Aber davon können und müssen sie dank der steigenden Lebenserwartung noch Jahrzehnte zehren. Für Jüngere, die lächelnd ans elterliche Erbe denken, wenn andere über Riester und Rürup diskutieren, gilt: Aufwachen! Denn die Generation der 30- bis 50-Jährigen wird von allen Seiten in die Zange genommen.

Erst brauchen die Eltern mehr vom eigenen Geld. Und das, was übrig bleibt, verliert an Wert - Beispiel Immobilien, die dreimal mehr Erbvolumen als Geldvermögen ausmachen. Der familieninterne Finanztransfer erfolgt auch später als zu früheren Zeiten: 59 Jahre alt sind Erben schon jetzt im Schnitt - Tendenz steigend. Wer dann feststellt, das Erbe reicht nicht als Altersvorsorge, hat nur noch sechs Jahre Zeit, Löcher zu stopfen. Das reicht nur noch, um aufs Lottoglück zu hoffen.

Nach dem Reue-Essen kommt der Kassensturz. Der Nachlass als Ruhegeld muss lange reichen: Die eigene Rente wird mickriger denn je ausfallen - und die Jüngeren werden noch älter. Zugleich werden viele aus der so genannten Sandwichgeneration zeitgleich pflegebedürftige Elternteile und studierenden Nachwuchs unterstützen. Und wehe, Sie sind Einzel- oder Scheidungskind - dann sieht’s ganz trübe aus.

Fakten zur Vorsorge-Situation

Sie sind wahrlich kein Erbschleicher, wünschen Ihrer Sippe von ganzem Herzen ein langes Leben - und wollen doch mal in einem stillen Stündchen nachrechnen. Womit kann ich rechnen? Höchstwahrscheinlich mit weniger, als Sie glauben. Die wesentlichsten Fakten:

  • Steigende Lebenserwartung: Laut Statistischem Bundesamt wurde ein 1924 geborener Mann im Schnitt nur 56 Jahre alt, seinem Sohn - Jahrgang 1951 - sind 64,6 Lebensjahre beschert, dem 1980 geborenen Enkel 70,2 Jahre.
  • Die Zahl der Pflegefälle stieg von 1995 bis 2003 von knapp 1,1 Millionen Menschen auf 1,9 Millionen - Tendenz stark steigend; die Kosten auch.
  • 1991 ließen sich 130 000 Paare scheiden, 2003 sagten 225 000 Paare Nein zueinander. Tendenz ebenfalls steigend und ausgeprägt bei älteren Leuten. Folglich erhöhen sich ihre Lebenshaltungskosten allein wegen der getrennten Haushaltsführung und der Pflege, die dann externe Helfer gegen Rechnung statt dienstbarer Ehegatten übernehmen.
  • Bis 2010 werden jährlich etwa 15 Millionen der 37,5 Millionen deutschen Haushalte erben - im Durchschnitt 295 000 Euro. Eine stolze Summe, nur leider von gewaltigen Einzelvermögen völlig verzerrt: Tatsächlich können nur zehn Prozent aller Haushalte mit einer Erbschaft höher als 270 000 Euro rechnen. Allein ein geschätztes Drittel erbt Schulden oder weniger als 13 000 Euro. Ein Viertel der gesamten Erbmasse landet bei den glücklichsten zwei Prozent der Erben.

Was vom Erbe übrig bleibt

Glückwunsch all denen, die eine Immobilie durchgereicht bekommen. Vorausgesetzt, sie liegt in Süd- statt in Norddeutschland, im Westen statt im Osten der Republik, nicht im grünen Vorort, sondern zentral zur City. Am besten direkt in München, Düsseldorf, Frankfurt, Hamburg oder Stuttgart. "Dort", so Thorsten Schilling, Geschäftsführer Feri Immobilien Research, "erwarten wir in den nächsten zehn Jahren noch Zuwächse von jährlich drei Prozent, in vielen anderen Regionen dagegen reale Verluste."

Die Immobilienpreise fallen, die Bevölkerung schwindet. Auch wenn sich die Immobilienbranche noch an die vermeintlich steigende Wohnflächennachfrage klammert - spätestens in 15 Jahren, prophezeien von den Bausparkassen unabhängige Experten, sinkt weitenteils die Nachfrage. Und damit der Wert des Vermächtnisses. Der Wertanstieg bei Immobilien, so eine Studie der Dresdner Bank, fiel schon zwischen 1995 und 2004 weit hinter dem aller anderen Anlageklassen zurück: Immobilien legten im Mittel sechs Prozent zu, sichere Staatsanleihen doppelt so viel.

Wenn es überhaupt noch zum Haus als Erbe kommt: Seit 2001 steigt die Zahl der Zwangsversteigerungen im Schnitt um knapp zehn Prozent pro Jahr, 2004 kamen rund 50 000 Häuser unter den Hammer.

Versicherungen und Anlagen

Da bliebe ja noch die gute, alte Lebensversicherung als Geldsegen. Alt? Ja. Gut? Na ja. Die Renditen fallen, weil die Überschüsse sinken und der garantierte Mindestzins von derzeit 2,75 Prozent eingedampft wird. Spätestens im Herbst dürfte die Mindestverzinsung nochmal sinken. Mit etwas Glück bleiben zur Testamentseröffnung noch wankelmütige Aktien und Anleihen. Das freut dann dank der zu zahlenden Erbschaftssteuer auch den Finanzminister.

Erbschaftssteuer für kleine Vermögen ist geringer

Und doch gibt es an dieser Stelle eine gute Nachricht für künftige Hinterbliebene. Lenhard Jesse, als Steuerberater Partner der Kanzlei Flick Gocke Schaumburg, sagt über die Steuer der nächsten Jahre: "Kleine Vermögen können seit Jahren steuerschonend vererbt werden. Diese soziale Komponente dürfte erhalten bleiben." Die Freibeträge zum Beispiel von 205 000 Euro für Kinder und 307 000 Euro für Ehegatten sind dennoch nicht ohne Tücke - gut gelegene Immobilien sind trotz günstiger Steuerbewertung meist teurer. Jesse rät deshalb: "Alle zehn Jahre die Freibeträge für eine vorgezogene Schenkung nutzen und Aktien im Besonderen zielgenau in Baissezeiten weiterreichen - es zählt der Wert am Notartag."

Entscheidungen verdrängt

Augen zu und durch - das ist beim Thema Altersvorsorge nicht nur die gefühlte Lage, sondern wissenschaftlich untermauert. Die Bertelsmann Stiftung ließ der Deutschen Einsichts- und Handlungsfähigkeit ausforschen. Johannes Leinert, Autor der Studie: "Rund die Hälfte aller Befragten erklärte, Finanzentscheidungen aufzuschieben. Von denen, die eine zusätzliche Altersvorsorge definitiv abschließen wollten, haben es bei der späteren Nachfrage 75 Prozent nicht gemacht."

Motiv der Verdrängungstaktik: "Keine Lust, sich jetzt mit einem schwierigen Thema auseinander zu setzen, dessen Nutzen man erst in 20 oder 30 Jahren hat." Da fällt Omas Vermächtnis doch wie Manna vom Himmel. Das zur Deutschen Bank gehörende Deutsche Institut für Altersvorsorge ließ untersuchen, wie sich der Geldsegen auf die Sparbereitschaft auswirkt. Zwölf Prozent der Erben hoffen: "Die Erbschaft sichert in erster Linie meine Altersvorsorge." Möge es sich rechnen.

Schrumpfende Vermögen

Ihr eigenes Pensionärsdasein wird mehr von Ihrem Ersparten verschlingen als bei den Eltern:

  • Von der steigenden Lebenserwartung profitieren Sie dank des medizinischen Fortschritts noch länger als Ihre Eltern.
  • Von der staatlichen Rente dagegen können künftige Senioren weit weniger als die aktuellen erwarten. Kein Wunder: Im Jahr 2000 finanzierten 4,13 Erwerbstätige einen Rentner, 2020 sind es 2,87, und 2040 ernähren 1,9 Beitragszahler einen Rentner, so die Rürup-Kommission. Mehr Vorsorge ist deshalb zwangsläufig das Gebot. Um zu wissen, wohin die Reise geht, werfen Sie zwei kurze Blicke über die Landesgrenze. Während hier zu Lande noch 85 Prozent des Alterseinkommens aus der gesetzlichen Rente fließt, sind es bei den Niederländern 50 Prozent, bei den Schweizern nur 42 Prozent - der Rest stammt dort schon jetzt aus der zusätzlich angesparten betrieblichen und privaten Altersvorsorge.

Schön, wenn Sie jetzt vorsorgen wollen - schade, dass Ihnen der Staat immer weniger dafür lässt: Die deutschen Steuer- und Sozialabgaben sind europaweit mit die höchsten - für Singles wie für Familien. Nachdem Staat und Sozialversicherungen ihren Obolus von Ihnen gefordert haben, kommen die innerfamiliären Sozialabgaben, vor allem für die Sandwichgeneration. Wer immer später seine Kinder bekommt, zahlt dafür einen Preis: Während der Filius noch studiert, ist die Oma vielleicht schon ein Pflegefall - und die Eltern sind viele Jahre parallel für beide zuständig.

Die Ämter dürfen selbst die Offenlegung des Vermögens und Einkommens der Schwiegerkinder fordern, um die Zuzahlung des leiblichen Kindes fürs Pflegeheim festzulegen. Einzige Grenze ist die eigene Verarmung: Kredit müssen Sie nicht aufnehmen, um die Sozialträger für Ihre Eltern auszubezahlen, entschied jetzt das Bundesverfassungsgericht (1 BvR 1508/96).

Dumm dran in dieser Situation sind Einzelkinder. Sie können die Sorge, Pflege und Kosten für die Vorfahren nicht auf geschwisterliche Schultern verteilen. Ganz dumm dran sind Einzelkinder mit geschiedenen Eltern. Bei ihnen unterstützt sich das alternde Paar nicht gegenseitig. Und nicht zu vergessen: Der letzte Wille heißt zu Recht so - bis zum letzten Atemzug kann die Erbtante nach Gusto ihr Testament ändern - und Sie streichen. Das sichert immerhin die Altersvorsorge der Anwälte. Wenn Sie keiner sind: Fangen Sie an zu sparen.

Quelle: Wirtschaftswoche Nr. 25 vom 16.06.2005 Seite 91

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