Absteiger des Jahres
Karl-Theodor zu Guttenberg - Der Mogelpeter

Karl-Theodor zu Guttenberg sollte und wollte als Politiker alles erreichen. Doch seine Verfehlungen zeigen, es fehlt ihm an Größe. Dieser Mangel macht ihn in der Politik und darüber hinaus zum Absteiger des Jahres.
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Schon lange vor der raschen, steilen Karriere, die ihn zunächst zum Minister für Wirtschaft, dann zum Verteidigungsminister und zugleich zum Liebling von Medien und Öffentlichkeit werden ließ, kannte ich den jungen Karl-Theodor zu Guttenberg. Er machte damals einen hervorragenden Eindruck: bescheidenes Auftreten, gewinnendes Wesen, angenehme Umgangsformen; gebildet, beredt, kenntnisreich.

Besonders positiv fiel auf, dass er sich in aller Stille zum außenpolitischen Experten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion heranbildete. Denn das ist für einen Christdemokraten seit 1969 eine ungewöhnliche, wenig aussichtsreiche Orientierung. Seit jenem Jahr stellt immer der kleinere Koalitionspartner den Bundesminister des Auswärtigen. Seit über 40 Jahren droht also einem außenpolitisch orientierten Christdemokraten, trotz glänzender Expertise, lebenslang das Abseits.

Dieses Schicksal blieb Guttenberg erspart - und noch mehr. Seit er Minister geworden war, erfreute er sich eines unglaublichen öffentlichen Rückenwinds, der ihn in die Höhe trug, ihm aber gleichzeitig zu Kopfe stieg. Kein Wunder: Unsere Massenmedien und dann auch die Bevölkerung wussten sich nicht zu lassen in ihrer grenzenlosen, maßlosen Begeisterung. Obwohl sich die Frage seiner Kanzlerschaft nach menschlichem Ermessen erst viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte später stellen würde, sahen viele Beobachter in KT, diesem Enddreißiger, schon den künftigen Regierungschef, der unser Land aus allen Schwierigkeiten bringen würde.

Wie ist dieser Gefühlsüberschwang zu erklären? Denn wenn man Guttenbergs Wirken nüchtern betrachtete, hatte er weder originelle Konzepte noch gut begründete Entschlüsse vorzuweisen. Was bei anderen als selbstverständliches Verhalten galt, wurde bei ihm hoch gelobt. Er sprach anders als normale Politiker, das ist wahr, und er ließ eine innere Distanz gegenüber dem üblichen Gehabe erkennen. Man schrieb ihm eine innere Unabhängigkeit zu, die man bei anderen Politikern schmerzlich vermisst. Seine demonstrative Unbefangenheit schien sich aus einem beträchtlichen Vermögen, einer jahrhundertealten Familientradition und einer entsprechenden Statussicherheit zu erklären.

Guttenberg wurde als Ausnahme, als Glücksfall begriffen. Er konnte zum erhofften nationalen Erlöser werden, weil die Deutschen ihr Führungspersonal von Jahrzehnt zu Jahrzehnt skeptischer betrachten. Da unsere politischen Eliten in den drei maßgeblichen Parteien der Nachkriegszeit außergewöhnliche Qualitäten besaßen, hat sich bei unseren Parteien mittlerweile die Illusion eingenistet, politische Führung entstehe und wachse gewissermaßen von selbst. Das ist aber offenkundig nicht der Fall. Aus Funktionärsapparaten und Dorfkrughinterzimmern kann man in aller Regel keine Personalangebote erwarten, die das Land begeistern.

Kommentare zu " Absteiger des Jahres: Karl-Theodor zu Guttenberg - Der Mogelpeter"

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  • "blockwartmentalität"

    Lieber soWhat, ich verstehe das eher irgendwo zwischen "Eagle Sam" und "Waldorf und Stadler", je nach Tagesform.

  • Dankeschön für diesen sehr interessanten Artikel. Herr Baring sieht den jungen KT sehr positiv, die letzten Vorkommnisse von KT waren aber so verdreht und unaufrichtig, wie der Herr Baring schreibt. Ich glaube auch der KT ist ein sehr schwieriger Charakter, mit eigenwilliger eigener Wahrnehmung.
    Dieses Fehler begehen und nicht dazu stehen, es auch noch in einen Erfolg für sich selber ummünzen zu wollen, macht glücklicherweise der kritische Bürger nicht mit. Also ich finde dieser Artikel bleibt sachlich, er beschreibt die derzeitige Realität des KT. Also ich finde ihn sehr ausgewogen und stimmig.
    Hat der Baring gut und mutig verfasst.

  • Guttenberg als Mogelpeter zu bezeichnen ist mir etwas zu platt.
    Mit "Baron Guttenberg" haben wir endlich einen standesgemäßen Lügenbaron. Einen standesgemäßen "Lügenbaron der Neuzeit" der nach allen Regeln der Kunst in der Lage ist "Baron Münchhausen" zu beerben.

    Guttenberg hat nicht nur sich entehrt, sondern auch seine ganze Familienlinie. Respekt!

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