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Gesichter der Krise: Spanien: Beste Ausbildung, miese Perspektive

Cristina García ist Spanierin und hat eine der bestmöglichen Ausbildungen genossen. Dennoch wird die Architekturstudentin in ihrem Land nicht gebraucht. Um eine Zukunft zu haben, muss sie ihre Heimat verlassen.

Cristina Garcia besuchte eine bilinguale Privatschule, hat ein Architekturstudium und einen Energie-Master. Quelle: laif
Cristina Garcia besuchte eine bilinguale Privatschule, hat ein Architekturstudium und einen Energie-Master. Quelle: laif

MadridCristina García sitzt im Foyer des Madrider Goethe Instituts und fragt sich wie schon so oft in den letzten Jahren, was sie wohl falsch gemacht hat. Während der Schulzeit, während des Studiums hätte sie sich niemals träumen lassen, dass ihr Leben einmal aus dem Ruder laufen könnte. Die schlanke junge Frau mit dem schmalen, von dunklen Locken eingerahmten Gesicht gehört zur bisher am besten und umfassendsten ausgebildeten Generation von Spaniern, geradezu prädestiniert dazu, beim Aufbau eines modernen, globalisierten Landes mitzuhelfen.

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Doch jetzt sitzt sie hier, wartet darauf dass ihre Deutschstunde beginnt. Zu Hause liegt ein Flugticket nach Wien. Die 29-Jährige will auswandern, zumindest mal für einige Jahre, wird in Österreich und in Deutschland nach einem Job suchen. Denn in Spanien wird sie nicht gebraucht.

Dabei waren ihre Voraussetzungen geradezu ideal für einen guten Start ins Berufsleben. Die Eltern, beide Akademiker, schickten ihre Tochter auf eine bilinguale Privatschule, wo sie auf spanisch und englisch unterrichtet wurde. Das war damals noch eine Ausnahme in Spanien, wo bis heute selbst Spitzenkräfte aus Politik und Wirtschaft, etwa Noch-Premier José Luis Rodríguez Zapatero, sein gewählter Nachfolger Mariano Rajoy, oder auch der Chef des landesgrößten Geldhauses Banco Santander, Emilio Bótin, wenn überhaupt nur ein grauenhaftes Englisch sprechen.

Cristina machte ihren Schulabschluss 1999, die Welt lag ihr zu Füßen: Spanien befand sich gerade am Anfang des Immobilien- und Wirtschaftsbooms, der dem Land eine Dekade bisher ungekannten Wachstums und Wohlstands bescherte. Im Zuge der Euroeinführung waren die Zinsen auf historische Tiefen gesunken, was die Hypotheken- und Konsumkredite anheizte. Die Preise für Wohnungen stiegen von Jahr zu Jahr an, die Zahl der Bauvorhaben und Jobs ebenso. Cristina entschloss sich für ein Architekturstudium, eine logische Entscheidung, denn Architekten wurden dringend gebraucht, um den Boom in Gang zu halten.

Gesichter der Krise

Zwischendurch machte sie noch ein Auslandsjahr mit Erasmus, es verschlug sie nach Schweden. Auch das war ziemlich ungewöhnlich, viele Spanier scheuen noch immer davor zurück, für mehr als ein paar Urlaubswochen ins Ausland zu gehen. Erst langsam beginnt sich das zu ändern, nicht zuletzt durch den Druck der Wirtschaftskrise.

An der „Sveriges Lantbruks Universitet“ in Uppsala belegte die Spanierin also englischsprachige Kurse in nachhaltiger Städteplanung und Waldmanagement - Spezialgebiete, von denen man an der Architekturhochschule in Madrid damals noch wenig gehört hatte. Sie verlor Zeit durch das Auslandsstudium, denn kaum ein Schein aus Uppsala wurde ihr in Madrid anerkannt. Doch irgendwann, da war sie sich sicher, würde ihr der dort erlernte Stoff und die Auslandserfahrung nützen.

Einige Zeit nach ihrer Rückkehr an die Hochschule in Madrid bekam Cristina einen Praktikumsplatz in einem Architekturbüro angeboten. Man schrieb mittlerweile das Jahr 2007, die Immobilienpreise hatten ihren Höhepunkt erreicht, die Blase war kurz davor zu platzen. Aber noch gab es viel Arbeit. Cristina arbeitete und machte gleichzeitig ihren letzten Schein. Als sie den in der Tasche hatte, entschied die junge Frau, sich ganz ihrem Abschlussprojekt an der Hochschule zu widmen und hängte die Arbeit an den Nagel. „Wahrscheinlich hätte ich dort bleiben sollen, aber ich wusste ja nicht dass alles den Bach runtergehen würde“, sagt sie heute. Ihren Abschluss machte sie schließlich im November 2008. Ein denkbar schlechtes Timing: Die Schockwellen des Lehman Brothers-Zusammenbruchs waren noch nicht verebbt, Spanien befand sich seit kurzem in der Rezession. Der Boom war zu Ende.

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  • 21.12.2011, 18:42 Uhrsiegfried55

    nach deutschland,
    dazu kann ich auch nicht raten. im moment erleben wir wieder ein kleines hoch in konjunkturzyklus, aber das nächste tief zieht auf am horizont - ich kann das beurteilen, denn ich bin auch frei schaffender architekt.
    der architekt, der individuelle planungen schafft und realisiert ist leider ein aussterbender spezie, da die industrie ihm den gar ausmacht.
    individualität ist eben nicht mehr gefragt. wie im möbelbau und der textilherstellung geht der der trend zur industriellen geschaffenen uniformität.
    nischen gibt es nur noch im highprice-sector. das ist eben der weg - der untergang der kultur - für die meisten.

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