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12.07.2008 
Schwarzwald in China

Bierseele

von Inge Hufschlag

Durch den chinesischen Ort Qingdao weht ein Hauch vom Schwarzwald. Ob deutsche Kneipe, katholische Kirche oder Fachwerkhäuschen - viele Ecken erinnern an die Kolonialvergangenheit des Ortes. Unsere Autorin hat sich auf die Suche nach deutschen Kulturüberbleibseln im Reich der Mitte gemacht.

Die ehemalige deutsche Kolonie Qingdao wird derzeit von einer Algenplage heimgesucht. Foto: APLupe

Die ehemalige deutsche Kolonie Qingdao wird derzeit von einer Algenplage heimgesucht. Foto: AP

Qingdao. Die Kneipe heißt „Monnemer Eck“. Was so viel heißt wie Mannheimer Ecke. Aus der kam ihr Gründer Willi Werle. Nun liegt sein holzvertäfeltes, von treudeutschem Gartenzaun gerahmtes Imperium in einer ganz anderen Ecke der Welt: in China. Genauer gesagt in Qingdao.

Kenner kennen den Namen als Biermarke (Aufschrift in Umschrift: Tsingtao). Die gibt’s überall auf der Welt. Die Chinesen im „Monnemer Eck“ möchten allerdings bitte ein Bit, ein Weizen- oder ein Köstritzer Schwarzbier zu Schnitzel und Würsten und hinterher auch gern mal einen Jägermeister.

Die Mannheimer ist nicht die einzige deutsche Ecke an diesem Zipfel Chinas. Von der höchsten Erhebung der Stadt, dem 1 133 Meter hohen Laoshan (Alter Berg) blickt man auf nahezu geschlossene Reihen roter Ziegeldächer. Drumherum deutscher Wald: Akazien, Platanen, Kiefern, Buchen. Seine Wurzeln verdankt er einem deutschen Forstmann namens Walter Hass, der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts das verkarstete Bergland zu einer Art fernöstlichen Grunewald aufforstete. Der steht den schmucken Villen gut.

Man schlendert durch Gassen und über breite Steintreppen vorbei an putzigen Fachwerkhäuschen mit Erkern, Giebeln, Butzenscheiben und Klappläden. Da gibt es viel barockes Ehemaliges zu bestaunen, hier war die deutsche Schule, dort die Deutsche Bank. Dazwischen ragt die trutzige katholische Kirche aus dem Stadtbild, nicht weit davon ein im byzantinischen Stil erbautes evangelisches Gotteshaus.

Wären da nicht hier und dort die roten chinesischen Schriftzeichen am Gesims, man könnte sich glatt im deutschen Mittelgebirge wähnen. Schwarzwald süß-sauer. Beim Blick in gepflegte Bauerngärten spielzeugverliebter Chinesen ertappt man sich auf der Suche nach Gartenzwergen mit Schlitzaugen. Hier gehen die Kuckucksuhren anders. In Qingdao kann der China-Rundreisende aufatmen, fühlt er sich doch in der mit gut sieben Millionen nach chinesischem Verständnis noch recht überschaubaren Vorzeigestadt weit weniger fremd als in den boomenden, nur je eine Flugstunde entfernten Metropolen Peking und Schanghai. Er hat das heimelige Stadtbild im Rücken und die Strände vor der Tür (streng chinesisch durchnummeriert von 1 bis 6).

Für 30 Millionen Chinesen ist der Küstenort jedes Jahr beliebtes Reiseziel, besonders für Hochzeitspaare, die sich vor der westlichen Romantik ablichten lassen. „Ach, Sie reisen nach Qingdao? Achten Sie auf die Seebrücke, die ist nach dem Vorbild in Usedom gebaut“, empfiehlt ein Mecklenburg-Vorpommer an deutschen Gestaden.

Davon werden sich in diesem Jahr 1,2 Millionen erwartete ausländische Gäste überzeugen können. Darunter auch viele Deutsche. Manche kommen auf Spurensuche, wie der Kaminbauer aus der „Reisegruppe 7“, dessen Großvater 20 Jahre hier gelebt und gearbeitet hat.

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