Der Orkan „Kyrill“ forderte mindestens zehn Tote und verursachte Millionenschäden. Der Bahnverkehr kam zum Erliegen, auch am Freitag standen viele Züge, für zahlreiche Kunden gab es ein Informationschaos. Wo die Bahn wieder fährt, ist weiter unklar.
HB BERLIN. Das Chaos bei der Deutschen Bahn hält an. Nachdem die Bahn in der Nacht zu Freitag erstmals in ihrer Geschichte zeitweise ihren Betrieb komplett eingestellt hatte, kommen die Züge nur langsam wieder ihn Fahrt. „Spätestens heute Nachmittag“ sollen aber die meisten Strecken wieder befahrbar sein, sagte Bahnchef Hartmut Mehdorn am Vormittag im Berliner Hauptbahnhof.
Im Hauptbahnhof war in der Nacht ein zwei Tonnen schwerer Stahlträger aus der Fassade gestürzt. Der Knotenpunkt musste für den Fernverkehr gesperrt werden, wurde aber nach Angaben der Bahm inzwischen wieder freigegeben. Bundesweit müssen sich die Fahrgäste weiterhin auf Zugausfälle, Verspätungen und andere Probleme einrichten. Unter der Nummer 08000 - 996633 wurde eine kostenlose Informations-Hotline eingerichtet.
Bahnkunden berichten jedoch, die Nummer sei kaum erreichbar. Damit setzt sich auch das Informationschaos vom Donnerstag fort. Über lange Zeit war unklar, ob der Fernverkehr bundesweit oder nur im Norden und Westen gesperrt sei. Von der Bahn gab es dazu widersprüchliche Angaben. Zehntausende Kunden saßen fest und wussten nicht ob und wie es weitergeht. Die Probleme setzten sich auch am Freitagvormittag fort.
Mehrere Strecken sind noch immer nicht befahrbar. Die Deutsche Bahn berichtet im » Internet über bestehende Störungen. Einschränkungen infolge des Orkans „Kyrill“ gibt es nach Angaben der Bahn derzeit vor allem noch in Teilen von Berlin/Brandenburg, Süddeutschland, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie in Westfalen.
Auf folgenden Strecken fahren die Züge des Fernverkehrs inzwischen wieder:
Hamburg-Berlin, Hamburg-Hannover
Hannover-Göttingen
Berlin-Dresden
Dortmund-Münster
Köln-Aachen-Brüssel, Köln-Frankfurt
Kassel-Frankfurt, Frankfurt-Karlsruhe-Basel
München-Stuttgart sowie Dresden-Leipzig-Frankfurt/Main.
Seit dem Mittag ist auch der Berliner Hauptbahnhof wieder voll in Betrieb, erklärte das Unternehmen. Der Nahverkehr konnte bereits in den Morgenstunden vielerorts wieder aufgenommen werden. Die S-Bahnverkehre in den Ballungsräumen laufen weitgehend.
„Die Wiederaufnahme des Betriebs ist wie ein Puzzle, das geht peu a peu und wir sind jetzt bei den ersten Teilen“, sagte Bahnsprecher Martin Walden am Freitagmorgen. Grund der Probleme am Freitag sind nicht nur die Schäden, sondern auch Züge, die ihre Ziele in der Nacht nicht erreicht haben und daher am Morgen auch nicht zur Verfügung stehen.
Der S-Bahnverkehr sei leichter wieder in Gang zu bringen, weil in den Großstädten weniger Bäume auf die Gleise fallen können und die S-Bahnen meist geschlossene Systeme seien. Ausnahme ist München, wo manche S-Bahnstrecken am Freitagmorgen noch unterbrochen sind.
Insbesondere in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Hamburg und Schleswig-Holstein fahren die Züge des Nahverkehrs wieder, teilweise jedoch langsamer als sonst. Im Süden, Südosten und Nordosten sowie Nordrhein-Westfalen kommt es nach wie vor zu erheblichen Behinderungen.
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Der dramatischste Zwischenfall ereignete sich ausgerechnet an einem Prestigeprojekt der Bahn: Am Berliner Hauptbahnhof, der erst vor acht Monaten eröffnet wurde, rissen die Sturmböen Donnerstagnacht ein zwei Tonnen schweres Eisenstück aus der seitlichen Glasfassade heraus. Der Bahnhof wurde nach Angaben der Feuerwehr sofort komplett evakuiert, da zunächst weitere Einsturzgefahr bestand. Ein zweiter Träger hatte sich gelöst und in einen dritten Träger verkeilt. Die Steintreppe auf der der Spree und dem Kanzleramt zugewandten Seite des mächtigen Baus wurde stark beschädigt. Verletzt wurde niemand.
Der Hauptbahnhof blieb am Freitag teilweise gesperrt. Fern-, Regional- und S-Bahnzüge können den Hauptbahnhof in Berlin-Mitte vorerst nicht auf den oberen Gleisen durchfahren, nur im Nord-Süd-Tunnel ist die Durchfahrt für Fernzüge möglich. Halten tun sie aber nicht. Der S-Bahnverkehr ist auf Busse verlagert. Am Freitagmittag soll der Bahnhof wieder vollständig geöffnet werden, kündigte Bahn-Chef Hartmut Mehdorn an.
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Die Schadensursache werde noch geklärt, sagte Mehdorn weiter. Der Präsident des Technischen Hilfswerks, Albrecht Broemme hatte im ZDF gesagt: „Es wird zu prüfen sein, ob die Statik richtig war, ob die Ausführung richtig war.“ Viele Menschen hätten Glück gehabt, da die die Bahnhöfe an und für sich in so einer Sturmnacht als sichere Orte galten.
Der Flugverkehr wurde auch am Freitag durch starken Wind und Regen beeinträchtigt. Allerdings fielen kaum noch Flüge aus, die Einschränkungen seien deutlich geringer als während des Orkantiefs „Kyrill“ am Vortag, hieß es bei Flughäfen, Fluggesellschaften und Flugsicherung. „Der Flugplan normalisiert sich allmählich wieder“, sagte Lufthansa-Sprecher Thomas Jachnow. Es gebe allerdings weiterhin noch vereinzelte Verspätungen.
Die Deutsche Flugsicherung (DFS) hatte Freitagmorgen am größten deutschen Flughafen in Frankfurt erneut die Zahl der Starts und Landungen reduziert. Inzwischen läuft der Flugverkehr wieder weitgehend normal. Wegen des Orkans „Kyrill“ war der Flugverkehr in ganz Europa erheblich beeinträchtigt worden. Allein Lufthansa strich nach eigenen Angaben 330 Flüge. Davon seien rund 19 000 Passagiere betroffen gewesen, hieß es.
Viele Tote
Der Orkan „Kyrill“ wütete bis in die Nacht zum Freitag mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 200 Kilometern pro Stunde über Deutschland und kostete mindestens zehn Menschen das Leben. In ganze Europa starben 29 Menschen. Die in Hamburg erwartete schwere Sturmflut blieb allerdings aus. In anderen Ländern Europas kamen in dem Sturm mindestens 14 Menschen um.
Die Orkanschäden hatten den Zugverkehr am Donnerstagnachmittag bundesweit zum Erliegen gebracht. Die ganze Nacht arbeiteten Reparaturmannschaften an zerstörten Oberleitungen und beschädigten Gleisen, wie ein Sprecher sagte. Züge blieben in den Bahnhöfen stehen. Die Passagiere wurden mit Bussen oder Taxis weiterbefördert, in Hotels untergebracht oder übernachteten in Zügen und Bahnhöfen.
Mit zunehmender Sturmstärke wuchs gegen Abend die Zahl der Todesopfer. Vor den Augen seiner Eltern wurde in Bayern ein Baby von einer aus der Verankerung gerissenen Terrassentür erschlagen. Ebenfalls in Bayern wurde ein 73-Jähriger von einem herausgerissenen Scheunentor erdrückt. Ein Mann starb in Baden-Württemberg, als er mit dem Auto auf einen umgestürzten Baum fuhr. In Nordrhein-Westfalen wurden vier Menschen von entwurzelten Bäumen erschlagen, darunter ein 39-jähriger und ein 50-jähriger Feuerwehrmann im Einsatz. Im niedersächsischen Hildesheim sowie in Strausberg (Brandenburg) erlitten jeweils ein Autofahrer tödliche Verletzungen. In Sachsen-Anhalt kam ein Mann ums Leben, als in einer Gaststätte eine Wand auf ihn stürzte.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die Lage beruhigt sich langsam.
In den deutschen Küstenregionen, die sich auf einen schweren Kampf mit den Elementen eingerichtet hatten, gab es Verletzte; die materiellen Schäden hielten sich in Grenzen. Die Sturmflut auf der Nordseeinsel Sylt war weniger schlimm als erwartet. Auf den ostfriesischen Inseln Norderney und Borkum blieb die befürchtete schwere Sturmflut aus.
Im Ärmelkanal spielten sich dramatische Szenen ab, als der Container-Frachter „MS Napoli“ wegen eines Motorschadens in Seenot geriet. Trotz meterhoher Wellen konnten alle 26 Besatzungsmitglieder gerettet werden. In Deutschland wurden die Fährverbindungen auf Nord- und Ostsee sowie dem Bodensee zeitweise eingestellt.
Auf den britischen Inseln starben durch „Kyrill“ mindestens zehn Menschen, andere Quellen sprachen von zwölf Toten. In zehntausenden Haushalten brach die Stromversorgung zusammen. Die Schnellzugverbindung Eurostar zwischen London und dem europäischen Festland durch den Kanaltunnel wurde eingestellt. Der Fährverkehr zwischen Dover und Nordfrankreich wurde am frühen Morgen nach französischen Behördenangaben wieder aufgenommen. Drei Menschen starben jeweils in den Niederlanden und in Tschechien, zwei in Frankreich und einer in Belgien. In Krems (Österreich) wurde eine Frau aus ihrem völlig zerstörten Haus gerettet.
Etliche Schulen, Kindergärten und Behörden hatten am Donnerstag Kinder und Mitarbeiter nach Hause geschickt. In Bayern und Teilen von Hessen und Nordrhein-Westfalen haben die Kinder auch am Freitag schulfrei.
Der Deutsche Wetterdienst (DWD) erklärte, „Kyrill“ sei der stärkste Orkan seit „Lothar“ an Weihnachten 1999. Damals kamen europaweit 125 Menschen ums Leben, besonders schwer betroffen war Frankreich mit 86 Toten.
Die stärksten Böen des Orkans „Kyrill“ wurden auf dem Wendelstein in Bayern gemessen, sie erreichten eine Stärke von 202 Kilometern in der Stunde. Auf dem Brocken im Harz wurden 198 km/h gemessen, auf der Zugspitze 176 km/h sowie je 172 km/h auf der Wasserkuppe und dem Fichtelberg (je 172 km/h).
Nach Mitternacht verlor „Kyrill“ an Wucht. Für den Westen und Nordwesten Deutschlands wurden die Unwetterwarnungen inzwischen teilweise aufgehoben, die Küste und der Osten sowie Teile Mittel- und Süddeutschlands müssen weiterhin mit schweren Sturmböen rechnen.


