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10.03.2008 
Tagein, tagaus

Der ewige Pendler

von Frank Wiebe

Fernpendler verbringen einen beachtlichen Teil ihres Arbeitslebens auf Schienen und in Bahnhöfen, die Deutsche Bahn wird zu ihrem dritten Zuhause. Wer jahrelang Tag für Tag mit dem Zug zur Arbeit fährt, kann viel erleben. Betrachtungen über das Leben eines Pendlers – aus gegebenem Anlass.

Der tägliche Ansturm an Deutschlands Bahnhöfen ist für Pendler Routine. Foto: HandelsblattLupe

Der tägliche Ansturm an Deutschlands Bahnhöfen ist für Pendler Routine. Foto: Handelsblatt

DÜSSELDORF. Wie eine dicke Wurst schiebt sich der doppelstöckige Regionalexpress heran. Er bremst, stoppt, und die Masse der Pendler quillt heraus. Zugleich lauert eine andere Menschenmenge auf dem Bahnsteig, rasch bilden sich dichte Trauben vor den Schwingtüren.

Der Laie weiß nur, dass man sich beim Einsteigen möglichst weit nach vorn schieben muss. Der Profipendler hingegen hat längst heraus, dass es wichtig ist, sich an der richtigen Seite der Tür anzustellen: dort, wo das kurze Ende des Waggons ist, weil dort weniger Leute aussteigen und man sich eher schon hineindrücken kann. Ist man einmal im Zug, gilt die Devise: rücksichtslos den ersten Platz ansteuern und sich darauf breitmachen. Wer einen Moment zögert, muss den ganzen Weg im Stehen oder auf der Treppe sitzend verbringen. Nur in den paar Tagen im Winter, als tatsächlich gestreikt wurde, waren die Züge, die nicht gestrichen wurden, angenehm leer - und pünktlich.

Ein paar Wochen im Sommer hatte ich bessere Chancen auf einen Sitzplatz, weil ich nach einer Knieoperation mit Krücken lief. Ich stellte aber fest: Es waren immer junge Frauen, die aufstanden und mir ihren Platz anboten. Der Mann an sich schaut nicht mehr hoch, wenn er einmal sitzt – ich selber bin da leider auch keine Ausnahme.

Mit einem leichten Ruck fährt der Zug an – wie fast immer verspätet. Ich schaue nervös auf die Uhr. Wie jeden Tag fährt die Sorge mit: Bekomme ich den Anschluss? Oder verbringe ich heute noch mehr als die "normalen" drei Stunden pro Arbeitstag auf dem Weg zwischen zu Hause und Büro und zurück?

Ich gehöre zu den gut 180 000 Menschen in Deutschland, die täglich mit der Bahn eine Distanz von mehr als 50 Kilometern überwinden. Wir sind eine Minderheit, aber immerhin so viele Leute, wie eine größere Provinzstadt bevölkern. Seit gut zehn Jahren pendele ich auf dieser Strecke zwischen Rösrath im Bergischen Land und Düsseldorf. Und es könnten – je nach der weiteren Entwicklung unserer Rentenkassen – noch einmal fast 20 Jahre werden. Drei Stunden an rund 220 Arbeitstagen im Jahr, das macht 6 600 Stunden in zehn Jahren, was wiederum mehr als einem Jahr inklusive aller Ferien- und Feiertage, aber abzüglich von jeweils sieben Stunden Schlaf täglich entspricht. Wenn es so weitergeht, werde ich daher gut drei Jahre meines Arbeitslebens auf Schienen und in Bahnhöfen verbracht haben - das ist länger, als manche ernsthafte Beziehung dauert.

So ist die Bahn längst mein drittes Zuhause geworden, nach dem Büro und diesem Häuschen im Grünen, das ich tagsüber fast nur am Wochenende bewohne.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Menschheit liest.

Wer regelmäßig Bahn fährt, stellt fest: Die Menschheit liest. Foto: HandelsblattLupe

Wer regelmäßig Bahn fährt, stellt fest: Die Menschheit liest. Foto: Handelsblatt

Es war damals eine einfache Überlegung: Eltern mit kleinen Kindern, die rund 60 Kilometer von einander entfernt arbeiten, müssen sich gut organisieren. Einer pendelt, der andere hat den ganz kurzen Weg, dafür aber den Haushalt am Hals, das war die einzig realistische Lösung.

Es gab mehrere Gründe dafür, dass ich der Pendler wurde; einer war, dass unsere Ehe mit mir als Hausmann keine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit gehabt hätte.

Sobald man stehend oder sitzend einen Platz im Zug ergattert hat, gilt es, die kommenden gut 20 Minuten des Heimwegs - etwa so lange dauert dieser Teilabschnitt - sinnvoll zu verbringen. Wer Bahn fährt, stellt fest, dass die Menschheit noch Bücher liest. Manche Leute knistern auch mit der Zeitung oder klappen ihren Laptop auseinander. Aber Bücher sind eindeutig der Favorit. Neulich sah ich eine junge Frau mit Einkaufstüten zwischen den Beinen, die im Stehen Platos "Staat" studierte, im gelb leuchtenden Reclam-Heft. Alles wird gelesen: Krimis, Liebesromane, Harry Potter oder Lehrbücher mit komplizierten Formeln. Und das nicht nur auf Deutsch, man sieht eine Menge Sprachen. Hin und wieder auch Bücher mit Schriftzeichen, die wie kleine Bildchen aussehen und wahrscheinlich von oben nach unten gelesen werden. Oder mit Schlangenlinien und Punkten, da gehen die Augen von rechts nach links.

Von Veränderungen und Bekanntschaften

Ich habe vor ein paar Jahren mal versucht, eine neue Sprache im Zug zu lernen. Danach bin ich wieder auf Krimis umgestiegen. Das ist nicht ganz ungefährlich - neulich habe ich meinen Heimatbahnhof verpasst, weil gerade jemand ermordet wurde, als ich dort vorbeifuhr. Oft lese ich aber auch richtig schlaue Bücher, für den Job oder für die Bildung. Da fühlt man sich dann besonders sinnvoll unterwegs.

Einfacher ist es natürlich zu schlafen. Dazu empfiehlt sich eine weiche Aktentasche, die man ans Fenster anlehnen kann. Wenn man will, kann man auch den anderen beim Schlafen zuschauen - so viele verträumte Gesichter wie im Zug bekommt man sonst kaum geboten. Vor allem im Winter, wenn es draußen dunkel ist und die Seele, während sie den Körper schon mal vorausfahren lässt, noch eine Runde länger im Bett bleibt.

Wenn man so viel Zeit mit der Bahn verbringt, dann lebt man dort, mit allem, was dazugehört. Man erlebt, wie sich Züge und Bahnhöfe verändern. Man lernt Menschen kennen, pflegt sogar ausgesprochene Schienenbeziehungen. Einen Unternehmensberater traf ich jeden Tag zwischen Köln und Düsseldorf. Er erzählte mir seine ganze Theorie über Supply-Chain-Ketten und so weiter, und schrieb schließlich einen Gastbeitrag für das Handelsblatt. Alles das haben wir im Zug eingefädelt und abgewickelt.

Dann sehe ich ab und zu eine Frau mit schwarzen Haaren. Sie ist blind. Sie tastet sich jeden Tag zweimal quer durch den Kölner Hauptbahnhof. Einmal habe ich sie begleitet, als mein Zug früh dran war und ich viel Zeit zum Umsteigen hatte, und sie hat mir erzählt, wie das ist, wenn sie sich ganz allein in dem ungeheuren Gedränge zurechtfinden muss.

Lesen Sie weiter auf Seite 3: Die ewige Wiederkehr des immer gleichen

Schienenbekanntschaften können die Warte- und Fahrzeit angenehmer gestalten. Foto: HandelsblattLupe

Schienenbekanntschaften können die Warte- und Fahrzeit angenehmer gestalten. Foto: Handelsblatt

Immerhin hat die Bahn beim Neubau dann im Fußboden eine Linie aus rauen Steinen verlegt, die sie mit dem Stock ertasten und als Orientierung nutzen kann.

Dazu gibt es jede Menge Einmalbekanntschaften. Zum Beispiel die Türkin, die erzählte, die Türken in Deutschland seien viel konservativer als die aus der Türkei. Und Araber dürfe man gar nicht heiraten, das seien alle Machos. Einmal lernte ich auch eine Brasilianerin kennen. Sie saß mir gegenüber, als ich - nach einem kurzen Schlaf - die Augen öffnete. Sie sah mich an und lächelte ununterbrochen. Für ein paar Minuten kamen wir ins Gespräch, und vor dem Aussteigen drückte sie mir ihre Visitenkarte in die Hand. Die habe ich zwei Wochen aufgehoben und dann weggeworfen.

In Köln steige ich um, zweimal am Tag durchstreife ich den Bahnhof. Diesmal hat der Zug zu viel Verspätung, der Anschlusszug ist weg. Ich habe also fast eine halbe Stunde Zeit, laufe, getrieben von der Menschenmenge, hin und her durch die Gänge, in denen ich jeden Winkel kenne. Vorbei an einem künstlichen Garten, aus dem mir orangene und gelbe Früchte entgegenleuchten und mir eine vollbusige Schönheit aus pseudo-antikem Ton zulächelt: Kennst du den Bahnhof, wo die Zitronen blühen? An Weihnachten stand hier noch die Krippe mit drei Königen, die aussahen wie Absandte einer Karnevalsgesellschaft.

Ich hole mir holländische Pommes mit Curry-Rahm. Diese Bude ist meine Lieblingsstation. Die Leute dort sind clever: Sie kassieren sofort nach der Bestellung, damit ihnen keiner davonläuft, wenn die Pommes länger brutzeln und der Zug bald fährt.

Wenn Episoden sich zum Schauspiel addieren

Oft beobachte ich kleine Episoden, die sich Tag für Tag zu einem ganzen Schauspiel addieren. Da waren die beiden alten Männer, die sich jeden Nachmittag im Aufenthaltsraum trafen. Damals war dieser Raum noch grau und heruntergekommen, dafür lag er mitten im Bahnhof, wo es jetzt nur noch Geschäfte gibt. Die Männer trafen sich dort, jeden Tag exakt zur selben Zeit, setzen sich nebeneinander und redeten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Wie die alten Männer in Griechenland oder der Türkei, die vor dem Café hocken und die Welt besprechen.

Wahrscheinlich waren ihnen die deutschen Cafés zu teuer, deswegen trafen sie sich hier, redeten leise, schüttelten weise ihre Häupter und ließen kleine Ketten mit Metallperlen vom Handgelenk baumeln. Ein paar Minuten nach dem Beginn dieser Zweisamkeit ließ sich meist eine Gruppe schnell gestikulierender Jugendlicher in dem schmucklosen, nur von Neonröhren erleuchteten Raum nieder: eine Klasse von Hörgeschädigten in lebhaftem Gespräch. Und dann trafen sich immer wieder Afrikaner in dem Raum, die Französisch mit einem harten Akzent sprachen.

Wer jeden Tag dieselben Gesichter und Gesten an derselben Stelle sieht, glaubt irgendwann, frei nach Friedrich Nietzsche, an die ewige Wiederkehr des immer Gleichen. Aber es gibt auch Trends und Umbrüche: Die Züge werden unzuverlässiger, die Toiletten auf dem Bahnhof kosten inzwischen Geld, sind dafür aber auch sauber. Der Bahnhof selbst ist nach und nach ein gigantisches Einkaufs- und Konsumzentrum geworden. Früher konnte man hier sauren Kaffee, warme Würstchen und vielleicht mal ein Eis oder eine Pizza kaufen. In der alten Zeit, die gar nicht lange her ist, gab es Croissants in Frankreich, Sushi in Japan, dickflüssige Frucht-Mixgetränke in Lateinamerika und die besten Pommes in Holland. Heute gibt es das alles im Bahnhof - Global Village unter den Gleisen. Dazu einen guten Buchladen, Dutzende von verschiedenen Teesorten, teure Uhren und billigen Schmuck.

Lesen Sie weiter auf Seite 4: Das Erlebnis Bahn-Fahren.

Viele Episoden fügen sich Tag für Tag zu einem Ganzen. Foto: HandelsblattLupe

Viele Episoden fügen sich Tag für Tag zu einem Ganzen. Foto: Handelsblatt

Mit manchen Läden verbinden sich auch schon Geschichten. In der kleinen Bierkneipe ganz hinten in der Ecke hat mir ein Saxofonist von der WDR-Big-Band mal in 20 Minuten eine Einführung in die Geschichte des Deutschen Jazz gegeben. In der italienischen Bar mit dem langen, blanken Tresen und der Kaffeemaschine im Stil der 50er-Jahre habe ich mit meiner Frau mal einen Wein getrunken - an einem der kostbaren Abende, wo wir zusammen ausgegangen und natürlich auch mit der Bahn gefahren sind.

Viele der Leute, die hier arbeiten, bewundere ich. Zum Beispiel die junge Frau, die schon morgens um kurz vor acht mit blanken Augen und sprühendem Lächeln Croissants verkauft. Wie kann man um diese Uhrzeit schon so freundlich sein? Ein Rätsel. Oder den Mann, der unermüdlich im Akkordtempo Sandwiches verkauft.

Ich stehe jetzt oben auf dem Bahnsteig. Ich warte, wie jeden Tag vier Mal, bei jedem Wetter. Ich starre auf die Gleise. Im Sommer, wenn es wärmer ist, kann ich den Mäusen zuschauen, wie sie zwischen den Schwellen Fangen spielen.

Natürlich könnte ich auch vom täglichen Ärger erzählen, von den Verspätungen, vom Streit darüber, warum Züge des Fernverkehrs nicht freigegeben werden, wenn der Regionalverkehr nicht funktioniert. Von dem Schaffner, mit dem ich so lange gestritten habe, bis er die Polizei gerufen hat (was ohne Folgen blieb). Von dem Kontrolleur, der ein paar Tage vor Abschaffung der D-Mark einen Fahrgast abkassieren wollte, der keine Fahrkarte kaufen konnte, weil der Automat schon vorzeitig auf Euro umgestellt war; er war allerdings an einen Jurastudenten geraten. Von der Kontrolleurin, die einem Ausländer in völlig unverständlichem Englisch zu erklären versuchte, wieso er die falsche Fahrkarte hatte.

"Schade, sie sind hier im Zug nach Solingen."

Aber es gibt auch Nette. Einmal saß ich in der Bahn und musste der Schaffnerin bekennen: "Ich habe alles zu Hause liegen lassen - Fahrkarte, Geld, Personalausweis." Sie meinte nur: "Haben Sie denn wenigstens den Hausschlüssel dabei?" und ging weiter. Ein anderes Mal sprang ich in einen ICE, weil der Regionalzug ausgefallen war und sagte dem Schaffner barsch, dass ich ihm auf keinen Fall etwas zusätzlich bezahlen würde. Er fragte: "Wo wollen sie hin?" Ich: "Nach Düsseldorf." Er: "Schade, sie sind hier im Zug nach Solingen."

Jetzt bin ich wieder im Zug, auf der eingleisigen Strecke ins Bergische Land. Sie wurde vor rund 100 Jahren gebaut, und damals fuhr die Dampflok fast schon so schnell wie heute der Dieseltriebwagen. Ich entdecke einen Kollegen, der im selben Ort wohnt wie ich. Wir reden, tauschen die Erfahrungen übers Büro und die Bahn aus - er hat auch das dritte Zuhause auf den Schienen.

Als wir ankommen, wird es schon dunkel. Ich laufe die Straße entlang, vorbei an einem Garten, in dem der Sturm "Emma" einen gewaltigen Baum gefällt hat; da liegt er zwischen den blühenden Narzissen. Ich gehe auf mein hell erleuchtetes Haus zu, freue mich auf die Familie.

Morgen um sechs wird der Wecker piepsen. Eine Stunde später stehe ich auf dem Bahnsteig, rundum singen jetzt, im Frühling, die Vögel. Wenn der knallrote Triebwagen verspätet kommt, schaue ich schon nervös auf die Uhr: Bekomme ich auch meinen Anschluss?

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