Es war damals eine einfache Überlegung: Eltern mit kleinen Kindern, die rund 60 Kilometer von einander entfernt arbeiten, müssen sich gut organisieren. Einer pendelt, der andere hat den ganz kurzen Weg, dafür aber den Haushalt am Hals, das war die einzig realistische Lösung.
Es gab mehrere Gründe dafür, dass ich der Pendler wurde; einer war, dass unsere Ehe mit mir als Hausmann keine hohe Überlebenswahrscheinlichkeit gehabt hätte.
Sobald man stehend oder sitzend einen Platz im Zug ergattert hat, gilt es, die kommenden gut 20 Minuten des Heimwegs - etwa so lange dauert dieser Teilabschnitt - sinnvoll zu verbringen. Wer Bahn fährt, stellt fest, dass die Menschheit noch Bücher liest. Manche Leute knistern auch mit der Zeitung oder klappen ihren Laptop auseinander. Aber Bücher sind eindeutig der Favorit. Neulich sah ich eine junge Frau mit Einkaufstüten zwischen den Beinen, die im Stehen Platos "Staat" studierte, im gelb leuchtenden Reclam-Heft. Alles wird gelesen: Krimis, Liebesromane, Harry Potter oder Lehrbücher mit komplizierten Formeln. Und das nicht nur auf Deutsch, man sieht eine Menge Sprachen. Hin und wieder auch Bücher mit Schriftzeichen, die wie kleine Bildchen aussehen und wahrscheinlich von oben nach unten gelesen werden. Oder mit Schlangenlinien und Punkten, da gehen die Augen von rechts nach links.
Von Veränderungen und Bekanntschaften
Ich habe vor ein paar Jahren mal versucht, eine neue Sprache im Zug zu lernen. Danach bin ich wieder auf Krimis umgestiegen. Das ist nicht ganz ungefährlich - neulich habe ich meinen Heimatbahnhof verpasst, weil gerade jemand ermordet wurde, als ich dort vorbeifuhr. Oft lese ich aber auch richtig schlaue Bücher, für den Job oder für die Bildung. Da fühlt man sich dann besonders sinnvoll unterwegs.
Einfacher ist es natürlich zu schlafen. Dazu empfiehlt sich eine weiche Aktentasche, die man ans Fenster anlehnen kann. Wenn man will, kann man auch den anderen beim Schlafen zuschauen - so viele verträumte Gesichter wie im Zug bekommt man sonst kaum geboten. Vor allem im Winter, wenn es draußen dunkel ist und die Seele, während sie den Körper schon mal vorausfahren lässt, noch eine Runde länger im Bett bleibt.
Wenn man so viel Zeit mit der Bahn verbringt, dann lebt man dort, mit allem, was dazugehört. Man erlebt, wie sich Züge und Bahnhöfe verändern. Man lernt Menschen kennen, pflegt sogar ausgesprochene Schienenbeziehungen. Einen Unternehmensberater traf ich jeden Tag zwischen Köln und Düsseldorf. Er erzählte mir seine ganze Theorie über Supply-Chain-Ketten und so weiter, und schrieb schließlich einen Gastbeitrag für das Handelsblatt. Alles das haben wir im Zug eingefädelt und abgewickelt.
Dann sehe ich ab und zu eine Frau mit schwarzen Haaren. Sie ist blind. Sie tastet sich jeden Tag zweimal quer durch den Kölner Hauptbahnhof. Einmal habe ich sie begleitet, als mein Zug früh dran war und ich viel Zeit zum Umsteigen hatte, und sie hat mir erzählt, wie das ist, wenn sie sich ganz allein in dem ungeheuren Gedränge zurechtfinden muss.
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