Immerhin hat die Bahn beim Neubau dann im Fußboden eine Linie aus rauen Steinen verlegt, die sie mit dem Stock ertasten und als Orientierung nutzen kann.
Dazu gibt es jede Menge Einmalbekanntschaften. Zum Beispiel die Türkin, die erzählte, die Türken in Deutschland seien viel konservativer als die aus der Türkei. Und Araber dürfe man gar nicht heiraten, das seien alle Machos. Einmal lernte ich auch eine Brasilianerin kennen. Sie saß mir gegenüber, als ich - nach einem kurzen Schlaf - die Augen öffnete. Sie sah mich an und lächelte ununterbrochen. Für ein paar Minuten kamen wir ins Gespräch, und vor dem Aussteigen drückte sie mir ihre Visitenkarte in die Hand. Die habe ich zwei Wochen aufgehoben und dann weggeworfen.
In Köln steige ich um, zweimal am Tag durchstreife ich den Bahnhof. Diesmal hat der Zug zu viel Verspätung, der Anschlusszug ist weg. Ich habe also fast eine halbe Stunde Zeit, laufe, getrieben von der Menschenmenge, hin und her durch die Gänge, in denen ich jeden Winkel kenne. Vorbei an einem künstlichen Garten, aus dem mir orangene und gelbe Früchte entgegenleuchten und mir eine vollbusige Schönheit aus pseudo-antikem Ton zulächelt: Kennst du den Bahnhof, wo die Zitronen blühen? An Weihnachten stand hier noch die Krippe mit drei Königen, die aussahen wie Absandte einer Karnevalsgesellschaft.
Ich hole mir holländische Pommes mit Curry-Rahm. Diese Bude ist meine Lieblingsstation. Die Leute dort sind clever: Sie kassieren sofort nach der Bestellung, damit ihnen keiner davonläuft, wenn die Pommes länger brutzeln und der Zug bald fährt.
Wenn Episoden sich zum Schauspiel addieren
Oft beobachte ich kleine Episoden, die sich Tag für Tag zu einem ganzen Schauspiel addieren. Da waren die beiden alten Männer, die sich jeden Nachmittag im Aufenthaltsraum trafen. Damals war dieser Raum noch grau und heruntergekommen, dafür lag er mitten im Bahnhof, wo es jetzt nur noch Geschäfte gibt. Die Männer trafen sich dort, jeden Tag exakt zur selben Zeit, setzen sich nebeneinander und redeten in einer Sprache, die ich nicht verstand. Wie die alten Männer in Griechenland oder der Türkei, die vor dem Café hocken und die Welt besprechen.
Wahrscheinlich waren ihnen die deutschen Cafés zu teuer, deswegen trafen sie sich hier, redeten leise, schüttelten weise ihre Häupter und ließen kleine Ketten mit Metallperlen vom Handgelenk baumeln. Ein paar Minuten nach dem Beginn dieser Zweisamkeit ließ sich meist eine Gruppe schnell gestikulierender Jugendlicher in dem schmucklosen, nur von Neonröhren erleuchteten Raum nieder: eine Klasse von Hörgeschädigten in lebhaftem Gespräch. Und dann trafen sich immer wieder Afrikaner in dem Raum, die Französisch mit einem harten Akzent sprachen.
Wer jeden Tag dieselben Gesichter und Gesten an derselben Stelle sieht, glaubt irgendwann, frei nach Friedrich Nietzsche, an die ewige Wiederkehr des immer Gleichen. Aber es gibt auch Trends und Umbrüche: Die Züge werden unzuverlässiger, die Toiletten auf dem Bahnhof kosten inzwischen Geld, sind dafür aber auch sauber. Der Bahnhof selbst ist nach und nach ein gigantisches Einkaufs- und Konsumzentrum geworden. Früher konnte man hier sauren Kaffee, warme Würstchen und vielleicht mal ein Eis oder eine Pizza kaufen. In der alten Zeit, die gar nicht lange her ist, gab es Croissants in Frankreich, Sushi in Japan, dickflüssige Frucht-Mixgetränke in Lateinamerika und die besten Pommes in Holland. Heute gibt es das alles im Bahnhof - Global Village unter den Gleisen. Dazu einen guten Buchladen, Dutzende von verschiedenen Teesorten, teure Uhren und billigen Schmuck.
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