Mit manchen Läden verbinden sich auch schon Geschichten. In der kleinen Bierkneipe ganz hinten in der Ecke hat mir ein Saxofonist von der WDR-Big-Band mal in 20 Minuten eine Einführung in die Geschichte des Deutschen Jazz gegeben. In der italienischen Bar mit dem langen, blanken Tresen und der Kaffeemaschine im Stil der 50er-Jahre habe ich mit meiner Frau mal einen Wein getrunken - an einem der kostbaren Abende, wo wir zusammen ausgegangen und natürlich auch mit der Bahn gefahren sind.
Viele der Leute, die hier arbeiten, bewundere ich. Zum Beispiel die junge Frau, die schon morgens um kurz vor acht mit blanken Augen und sprühendem Lächeln Croissants verkauft. Wie kann man um diese Uhrzeit schon so freundlich sein? Ein Rätsel. Oder den Mann, der unermüdlich im Akkordtempo Sandwiches verkauft.
Ich stehe jetzt oben auf dem Bahnsteig. Ich warte, wie jeden Tag vier Mal, bei jedem Wetter. Ich starre auf die Gleise. Im Sommer, wenn es wärmer ist, kann ich den Mäusen zuschauen, wie sie zwischen den Schwellen Fangen spielen.
Natürlich könnte ich auch vom täglichen Ärger erzählen, von den Verspätungen, vom Streit darüber, warum Züge des Fernverkehrs nicht freigegeben werden, wenn der Regionalverkehr nicht funktioniert. Von dem Schaffner, mit dem ich so lange gestritten habe, bis er die Polizei gerufen hat (was ohne Folgen blieb). Von dem Kontrolleur, der ein paar Tage vor Abschaffung der D-Mark einen Fahrgast abkassieren wollte, der keine Fahrkarte kaufen konnte, weil der Automat schon vorzeitig auf Euro umgestellt war; er war allerdings an einen Jurastudenten geraten. Von der Kontrolleurin, die einem Ausländer in völlig unverständlichem Englisch zu erklären versuchte, wieso er die falsche Fahrkarte hatte.
"Schade, sie sind hier im Zug nach Solingen."
Aber es gibt auch Nette. Einmal saß ich in der Bahn und musste der Schaffnerin bekennen: "Ich habe alles zu Hause liegen lassen - Fahrkarte, Geld, Personalausweis." Sie meinte nur: "Haben Sie denn wenigstens den Hausschlüssel dabei?" und ging weiter. Ein anderes Mal sprang ich in einen ICE, weil der Regionalzug ausgefallen war und sagte dem Schaffner barsch, dass ich ihm auf keinen Fall etwas zusätzlich bezahlen würde. Er fragte: "Wo wollen sie hin?" Ich: "Nach Düsseldorf." Er: "Schade, sie sind hier im Zug nach Solingen."
Jetzt bin ich wieder im Zug, auf der eingleisigen Strecke ins Bergische Land. Sie wurde vor rund 100 Jahren gebaut, und damals fuhr die Dampflok fast schon so schnell wie heute der Dieseltriebwagen. Ich entdecke einen Kollegen, der im selben Ort wohnt wie ich. Wir reden, tauschen die Erfahrungen übers Büro und die Bahn aus - er hat auch das dritte Zuhause auf den Schienen.
Als wir ankommen, wird es schon dunkel. Ich laufe die Straße entlang, vorbei an einem Garten, in dem der Sturm "Emma" einen gewaltigen Baum gefällt hat; da liegt er zwischen den blühenden Narzissen. Ich gehe auf mein hell erleuchtetes Haus zu, freue mich auf die Familie.
Morgen um sechs wird der Wecker piepsen. Eine Stunde später stehe ich auf dem Bahnsteig, rundum singen jetzt, im Frühling, die Vögel. Wenn der knallrote Triebwagen verspätet kommt, schaue ich schon nervös auf die Uhr: Bekomme ich auch meinen Anschluss?


