Das Chaos im ohnehin von Störungen geplagten US-Luftverkehr weitet sich aus und sorgt für Flugausfälle in einem Ausmaß, das es – abgesehen von Terror- und Wetterkatastrophen – seit mehr als 30 Jahren nicht mehr gegeben hat. Wegen technischer Sicherheitskontrollen sind seit Dienstag in den USA bereits mehr als 3 000 Flüge gestrichen worden. Und es könnte noch schlimmer kommen.
Lange Schlangen in den Abfertungshallen der Flughäfen. Wie hier am O'Hare International Airport sind viele Fluggäste frustriert. Foto: ap
Diesmal war hauptsächlich beim Marktführer American Airlines betroffen. Allerdings mussten auch die Rivalen Delta, Alaska und Midwest Airlines Flüge wegen notwendiger Sonderinspektionen am Flugzeugtyp MD-80 ausfallen lassen. Insgesamt kämpften in den vergangenen drei Tagen bereits mehr als 250 000 Passagiere mit Flugausfällen. Auf den Flughäfen in Chicago und Phoenix übernachteten Hunderte Passagiere auf Feldbetten. Die Störungen würden sich bis ins Wochenende ziehen, warnte American Airlines gestern.
Hintergrund des Service-Debakels ist eine deutlich verschärfte Politik der US-Flugaufsichtsbehörde FAA, die nach Schlampereien beim Billigflieger Southwest Airlines ins Kreuzfeuer der Kritik geraten ist: Die Flugaufsicht hatte Southwest vor Wochen den Weiterbetrieb von 46 Boeing-Jets genehmigt, obwohl die dafür erforderlichen Inspektionen nicht durchgeführt wurden. Demokrat Jay Rockefeller, Chairman eines Transportkomitees im US-Kongress, bezeichnete die Aufsicht als „lasch“ und die ans Licht gekommenen Berichte über Wartungsmängel als „furchtbar“. Die Informationen erhielt der Kongress von früheren FAA-Inspektoren und Mitarbeitern von Fluglinien, die immer lauter die angeblich weit verbreiteten Schlampereien angeprangert hatten. Der Ex-Pilot und frühere Inspektor Douglas Peters warnte vor dem Kongress-Ausschuss vor „substanziellen Gefahren für die öffentliche Sicherheit“. Fast zwei Dutzend Mal hätten die Räder bei American-Flügen wegen technischer Probleme nicht eingefahren werden können, berichtete der Nachrichtensender CNN.
Der Kuschelkurs zwischen Flugbehörden und Airlines ist eine Folge der schweren Luftfahrtkrise aus 2001. Nach dem Terror des 11. September hatte der Kongress mitgeholfen, so gut es ging, um Fluglinien das Überleben zu ermöglichen. Jetzt müsse man aber „zurück auf Kurs“, um wieder der „Gold-Standard“ in Sachen Flugkontrolle zu werden, betonte Kongressmitglied James L. Oberstar. Der Demokrat aus Minnesota gilt seit Jahren als Aktivist in Sachen Flugsicherheit.
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Möglicherweise hat die Ausfallserie ihren Höhepunkt damit noch nicht gesehen: Weitere Stilllegungen in den kommenden Tagen seien nicht ausgeschlossen, sagte Behördensprecherin Laura J. Brown: „Wir finden, was wir finden.“ Eine strengere Aufsicht bedeute aber nicht, dass der Luftverkehr in den USA unsicher sei, heißt es bei der FAA zur Beruhigung der Lage. Es gelte nur, die Aufmerksamkeit dahingehend zu schärfen, dass die Sicherheit erstes Gebot für alle Fluglinien sei. Der letzte Unfall in den USA datiert vom 12. November 2001, als ein Airbus A300-600 von American Airlines in den New Yorker Stadtteil Queens stürzte. 265 Menschen kamen bei diesem Unglück ums Leben.
Nach den jüngsten Vorfällen bei Southwest haben die FAA-Kontrolleure ihren Kurs radikal geändert: Bei einer Sonderprüfung von 19 American-Airlines-Flugzeugen fielen 15 durch. Daraufhin musste Vorstandschef Gerard Arpey auf Druck der FAA die gesamte MD-80-Flotte über Nacht aus dem Verkehr ziehen, um die Verkabelungen der Fahrwerke prüfen zu lassen. Mit 300 Maschinen stellt die MD-80 fast die Hälfte der American-Flotte. Das Management des Konzerns ist schwer unter Druck geraten, nicht nur mit Blick auf den schwindsüchtigen Aktienkurs: Er liegt im Jahresvergleich mehr als 70 Prozent im Minus. Vor allem das Image des einstigen Weltmarktführers ist in Gefahr: Konzernchef Arpey hat die wütenden Kunden um Entschuldigung gebeten und Fluggutscheine angeboten. Analysten, die schon für das erste Quartal 2008 mehr als 300 Mill. Dollar Verlust bei American erwarten, beginnen die Daumen zu senken.
Überraschend kommt die Entwicklung aus Sicht vieler Branchenexperten nicht. Die meisten US-Fluglinien sind mit vergleichsweise alten Jets unterwegs, weil sie ihre Flotten aus finanziellen Gründen seit Jahren nicht mehr aufgefrischt haben. Die mit Flugzeugen verübten Terroranschlägen vom 11. September hatten Airlines in eine unvergleichliche Krise gestürzt, die Verluste von 40 Mrd. Dollar brachte. 130 000 Arbeitsplätze gingen verloren, darunter zahlreiche qualifizierte Mechaniker. Die US-Gewerkschaft Aircraft Mechanics Fraternal Association beklagte im Vorjahr, dass die Zahl der Techniker beim Lufthansa-Partner United Airlines seit 2001 von 15 000 auf 5 600 gefallen sei. Viele Jobs wurden in Billiglohnländer ausgelagert, was die Kontrollen erschwert. Angaben der US-Verkehrsbehörde zufolge erreichte der Outsourcing-Anteil an Flugzeug-Wartungsarbeiten 2006 einen Rekordwert von 64 Prozent.


