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19.11.2004 
Ein rasanter Reisebericht aus dem „Shanghai Transrapid“

Ferngesteuert in der Schwebe

von Eberhard Krummheuer

Alle Augen hängen an den drei eckigen, grün leuchtenden Ziffern der Geschwindigkeitsanzeige. Eben standen sie noch auf Null, doch schließlich – einmal in Bewegung – arbeiten sie sich erst zögernd, dann aber zügig höher, höher und höher.

HB DÜSSELDORF.Rasch sind 100 Kilometer pro Stunde erreicht, für Sekundenbruchteile nur, es geht stetig weiter aufwärts. Die 200, bald darauf die 300, dann – unvorstellbar! – die 400. Und weiter geht der Temporausch: Erst kurz darauf stoppt das Zahlenspiel, scheinbar unschlüssig zwischen 430 und 431 pendelnd. Vierhundertundeinunddreißig!

Ob Asiaten, Europäer, Amerikaner – niemand hält es mehr auf den Sitzen im Großraumabteil des „Shanghai Transrapid“, das an einen ICE erinnert. Vergessen sind Jetlag, Langstreckenflug und gerade überstandene Einreise-Warteschlangen: Auf die 430 km/h haben sie alle mit Hochspannung gewartet. Einer nach dem anderen baut sich fasziniert vor der Anzeige auf. Kameras werden herumgereicht, Blitzlichter zucken auf.

Es gilt, das Ereignis für Familie, Freunde und Nachwelt zu dokumentieren: So schnell wie mit der Magnetschwebebahn, die den internationalen Flughafen der chinesischen Mega-Metropole Schanghai in nur sieben Minuten mit dem 31 Kilometer entfernten Finanzdistrikt Pudong verbindet, hat sich bisher kaum ein Mensch auf dem Landweg vorwärts bewegen können!

Tempo 431 in der ersten fahrplanmäßig verkehrenden Magnetbahn der Welt: Draußen fliegt eine vorwiegend grüne Landschaft vorbei, durch die Felder, Häuser, Brücken, Kreuzungen, Stromleitungsmasten zu verwischen scheinen. Autos auf der Schnellstraße, die parallel zur Magnetbahn verläuft, haben keine Chance mitzuhalten; sie scheinen zu stehen. Schließlich taucht schemenhaft die Wolkenkratzerkulisse Schanghais am dunstigen Horizont auf.

Ohne die Geschwindigkeitsanzeige im „Shanghai Transrapid“ wäre der Temporausch nicht perfekt. So unspektakulär ist das Reiseerlebnis, dass viele Fahrgäste den Rekord nicht wahrnehmen würden, wären nicht die rasant purzelnden Zahlen. Sicher, die schnelle Bahn mit der Hochtechnologie made in Germany ruckelt und stampft ein wenig auf ihrer Betonspur, doch die Sinne sind weit davon entfernt, das Außergewöhnliche zu registrieren. Das Fahrgefühl ist fast alltäglich und banal; es erinnert eher an einen Intercity bei Tempo 160 als an High Tech wie von Geisterhand: Ohne Lokführer fährt der Zug, ferngesteuert und vollautomatisch.

Auch die Geräusche, die von draußen in die klimatisierte hermetisch isolierte Kabine hereindringen, haben nichts Dramatisches, im Gegenteil: Sie sind nichts als pfeifender Fahrtwind. Echte Fahrgeräusche – etwa von rollenden Rädern auf stählernen Schienen – produziert diese Bahn nicht. Wie denn auch? Sie schwebt berührungsfrei millimetergenau über ihre Piste.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Brüllende Aggregate? Fehlanzeige!

Brüllende Aggregate? Fehlanzeige! Elektronisch gesteuerte Magnete im Beton-Fahrweg bringen den Zug ohne Lärm aufs Tempo. Lautlos ist der Transrapid deshalb allerdings nicht: Draußen, am aufgeständerten Fahrweg, macht der enorme Luftwiderstand die vorbeirasende Bahn für Sekundenbruchteile zum donnernden Tiefflieger.

Nur 35 Sekunden dauert der Rausch von 430 km/h, dann wird der Transrapid merklich langsamer. Plötzlich ein kurzes Wusch, eine leichte Druckwelle – dann ist’s schon wieder vorbei: Mit 350 Sachen ist gerade der Gegenzug vorbeigeschossen. Keine Chance, ihm hinterherzublicken – er ist schon weg.

Langsamer und langsamer wird die Fahrt, scheint sich dem Stillstand zu nähern, doch der Blick auf die Anzeige macht deutlich: immer noch 200 km/h. Dann rollt, nein, schwebt der Zug aus.

Die Long Yang Road Station ist vorerst Endstation. Ein schicker, futuristisch gestalteter, blitzsauberer Bahnhof mit reichlich Edelstahl und Marmor am Nordrand des stürmisch wachsenden Schanghaier Finanzdistrikts Pudong. Über Rolltreppen geht es hinunter zu Taxi-Ständen, Parkplätzen und Bushaltestellen. Nebenan, noch einen Stock tiefer, wartet die U-Bahn, die weiter in das Chaos der 16-Millionen-Stadt hineinführt.

So unspektakulär wie der Ziel- ist auch der Startbahnhof der Transrapid-Strecke im Glaspalast des Airports. Wer die Zollkontrolle als letzte Einreiseprozedur hinter sich hat, muss nur noch auf die Piktogramme achten, die ihn zur „Maglev“, der Magnetbahn, gleich neben der großen Flughafenhalle leiten. Der Rest ist Routine: Ticket kaufen, einsteigen, Türen schließen automatisch. Alle 15 Minuten startet ein Zug an beiden Enden der Strecke zur Sieben-Minuten-Tour.

Stolz verweisen die Konstrukteure von Thyssen-Krupp und Siemens auf die Zuverlässigkeit, die über 99 Prozent beträgt. Der Schönheitsfehler: Bislang betreiben die Chinesen das erste Aushängeschild der deutschen Transrapid-Technologie nur knapp acht Stunden täglich. Doch angesichts ständig wachsender Passagierzahlen soll sich das Anfang nächsten Jahres ändern. Purzelnde Digitalziffern und den kaum wahrnehmbaren Temporausch wird es dann vom frühen Morgen bis zum späten Abend geben.

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