Vier Mädchen, fünf Masten und zwei besorgte Mütter - die Koordinaten für ein gewagtes Experiment: Eine Segelkreuzfahrt mit den eigenen Kindern an Bord. Wie Eltern zwischen Schwimmwesten und Seekrankheit noch die Zeit für eigene Erholung finden.
HB. Position 37ll 51’ Nord, 15ll 17’ 17’’ Ost. Um Mitternacht gibt der Kapitän des größten Vollmast-Schiffs der Welt die Kommandos zum Segelsetzen. Ein Dutzend Matrosen arbeitet an den Winschen. Sternenklarer Himmel, Vollmond. Der Wind fährt ins Tuch, die Segel knallen und flattern, dann herrscht plötzlich Ruhe. An fünf Masten sind nun über 5000 qm Segel gehisst, die 134 Meter lange „Royal Clipper“ nimmt Kurs hinaus auf die Straße von Messina. Ein Blick zurück auf Taormina lässt den Atem stocken: Über die Ostflanke des Ätna fließt rot glühende Lava.
Höhepunkt eines Experiments, über das wir lange diskutiert hatten: Kann man mit Kindern auf eine Segelkreuzfahrt gehen? Wie kinderkompatibel sind Kreuzfahrtschiffe? Wie kreuzfahrtaffin sind unsere Kinder? Der Test läuft bei einem Sieben-Tages-Törn an der italienischen Westküste. Hauptakteure: zwei Familien mit insgesamt vier Kindern im Alter von fünf bis 14 Jahren – und die „Royal Clipper“, die Fünf-Mast-Bark des Schweden Mikael Krafft. Er hatte Ende der achtziger Jahre, damals als Marineanwalt in Brüssel tätig, die Idee, Segelschiffe nach den Vorbildern legendärer Windjammer bauen zu lassen und als Kreuzfahrtschiffe einzusetzen. Die „Royal Clipper“ folgt dem Vorbild der 1902 gebauten „Preußen.
Erster Schreck: In Deutschland ist zwar Ferienzeit, es sind aber nur noch zwei weitere Kinder unter den insgesamt 200 Passagieren. Das lässt intensive Kinderbetreuung befürchten. Falscher Alarm, wie sich schnell herausstellt: Nach wenigen Stunden sind die Kinder auf dem Radar der überwiegend asiatischen Service-Crew, die sich aufmerksam und humorvoll auf die jüngsten Passagiere einstellt, ihnen rasch die Regeln für sicheres Verhalten an Bord vermittelt oder ein Eis über die Planken schiebt. Beruhigend zu wissen, dass auf dem großen Schiff mit vier Decks und unzähligen Auf- und Niedergängen die Kids stets im Blick sind.
Die vier Mädchen nehmen begeistert Besitz von ihren Doppelkabinen. Unter dem Bett entdecken sie Schwimmwesten, genau in ihrer Größe. Bitte an- aber nicht ausprobieren! Das DVD-Gerät und der Fernseher über dem Bett sind interessanter als elterliche Ermahnungen. Am meisten aber fasziniert offenbar das Kabinentelefon: Wie wir erst später erfahren, kontaktieren die vier in allen erdenklichen Fantasiesprachen die Mitpassagiere. Am dritten Tag bittet ein älteres englisches Ehepaar darum, den Kindern doch die Leitung zu kappen. Sorry!
Die Testkriterien: Spaß auf und im Wasser erhoffen sich die Kinder. Die Väter freuen sich auf Segelgenuss ohne Skipperpflichten. Und die Mütter wollen Sonne, Wellness und Entspannung. Die „Royal Clipper“ verspricht die Erfüllung dieser Sehnsüchte: Gesegelt wird so viel wie möglich, Sport und Fitness stehen ebenso hoch im Kurs wie die täglichen Ausflüge. Dresscode und Dinner-Etikette sind trotz hoher Standards leger. Nur die Wassertemperatur im Mai setzt Grenzen: Die erhofften Ski- und Wakeboard-Kurse reduzieren sich auf ein paar steile Kurven im Zodiac und ein bisschen Laser-Glück für die Väter.
Knackpunkt Land-Exkursionen: Auf unserem Kurszettel stehen die Perlen im Tyrrhenischen Meer – Sorrent, die Amalfi-Küste, die Inseln Ponza, Capri, Lipari und Stromboli. Jede Destination für sich ein Ferienaufenthalt wert, wir haben nur je einen Tag für diese Highlights. Halten die Kinder beim Besichtigungs-Marathon durch? Meist ankert die „Royal Clipper“ in einer Bucht. Die Tenderboote fahren im 30-Minuten-Takt zwischen Schiff und Hafen. Das ist die Rettung: Haben die Kinder genug gesehen, fahren sie oft alleine zum Schiff zurück – und die Eltern bummeln weiter durch die Hafenstadt.
Insgesamt funktioniert's: So lassen wir in Sorrent die großen Kinder mit der Hoffnung auf Badewetter auf dem Schiff und zeigen den Kleinen Pompeji. Capri laufen wir zum Sonnenuntergang an, mit der Zahnradbahn geht's nach oben in die legendäre „Bar Tiberio“. Doch an diesem Abend versinkt die Sonne nicht rot im Meer. Windstärke 8 wird für die Nacht erwartet. Die „Royal Clipper“ schaukelt unruhig im Hafen.
Zwei Stunden nach Auslaufen gibt's beim Dinner erste Turbulenzen. Der Kapitän ändert den Kurs, damit das Essen noch serviert werden kann. Das Schiff kämpft sich durch die pechschwarze Nacht. Mehrere Kilo Südfrüchte purzeln in der Lounge aus den Etageren. Die Kinder bekommen zum Dessert einen Kaugummi gegen Seekrankheit. Wir legen sie mit Wolldecken und Spucktüten auf die Sofas in der Bibliothek. Hier in der Mitte des Schiffes sollte es am wenigsten schaukeln. Irrtum! Die Bücher kommen aus den Regalen, draußen an der Bar donnern die Gläser über den Tresen. Das erste Kind verlangt nach der Schwimmweste. Wir winken ab. Hilfe kommt vom Steuermann. Im Ölzeug baut er sich gegen Mitternacht vor den Kindern auf und verspricht Sicherheit: „This is a sailing ship, it's normal.“ Die Kleinsten lassen sich erschöpft in den Schlaf schaukeln.
Den letzten Tag verbringen wir unter vollen Segeln, genießen noch mal das komplette Bordprogramm von der Morgengymnastik bis zum Tanz am Abend. Zum Gute-Nacht-Drink erreichen wir Stromboli und erleben, wie der Vulkan im 15-Minuten-Takt seine Vorstellung gibt. Obwohl es ein Familientörn ist – jetzt lassen wir die Kinder schlafen. Sie und das Schiff haben den Test grandios bestanden.


