0 Bewertungen
11.09.2007 
Handelsblatt-Reportage

Vom Traum nach dem 9/11-Albtraum

von Christine Mattauch

Ehemalige Mitarbeiter des berühmten Restaurants im World Trade Center haben ein eigenes Lokal gegründet – und kämpfen mit den Widrigkeiten des Marktes.

Blick in die Küche des Restaurants Colors. Foto: ap

Blick in die Küche des Restaurants Colors. Foto: ap

NEW YORK. Heute Abend werden sie sich treffen, wie schon vor einem Jahr und im Jahr davor. Sie werden essen und beten, sie werden der Toten gedenken und sich daran erinnern, wie es war, als sie komplett waren. Als es die Frühschicht noch gab. Die Frühschicht des Restaurants „Windows of the World“ im 107. Stock des World Trade Center. Kellner, Köche, Küchenjungs, der diensthabende Chef, der Sommelier. Insgesamt 73 Menschen. Die Terroristen des 11. September 2001 brachten ihnen den Tod. Diejenigen, die heute zusammen kommen, arbeiteten in der Spätschicht. Mancher verdankt sein Überleben einem Schichttausch.

Ihr Treffpunkt ist das Restaurant » „Colors“ in Manhattan, und so sehr ihr Wiedersehen von schmerzhaften Erinnerungen geprägt ist, so sehr ist das Lokal für sie ein Symbol für Aufbruch und Zuversicht. Colors wurde von ehemaligen Angestellten des „Windows of the World“ gegründet. Psychologisch ist das Restaurant so etwas wie ein Selbsthilfeprojekt zur Traumaüberwindung. Ökonomisch ist es der Versuch, eine fast vergessene egalitäre Form der Arbeitsorganisation zu beleben.

Weder das Äußere noch das Innere des Lokals deuten auf die Vorgeschichte hin. Ein elegant-schlichtes Interieur mit Anklängen an den Art-déco-Stil. Gedämpftes Licht, leise Musik. Links eine lange Bar, rechts gemütliche Sitzecken, in der Mitte Holztische. Das Wanddesign spielt mit dem Thema Welt: schwarz umrissene Kontinente hinter Milchglas. Doch kein Hinweis auf 9/11, keine Gedenktafel, kein Schrein. „Wir wollten unser Marketing nicht auf der Katastrophe aufbauen“, sagt Victor Rojas, der Manager. „Das wäre respektlos gegenüber den Opfern.“ Und nach einer kurzen Pause fügt er hinzu: „Es wäre auch schlecht für die Stimmung der Gäste.“


Bildergalerie Angriff auf die Weltmacht: 9/11 in Bildern


Kräftig Werbung macht Colors hingegen damit, dass es das erste Restaurant in Manhattan in der Rechtsform einer Kooperative ist. Jeder der 30 Mitarbeiter ist an dem Lokal beteiligt. Es ist „ihr“ Projekt, und sie sind stolz darauf, für sich selbst zu arbeiten. „It’s not only about the job, it’s a mission“, sagt der Koch Oscar Galindo. Soll heißen: „Es geht uns nicht nur um den Job. Wir haben auch eine Botschaft.“

Dem Schrecklichen, das sie erlebt haben, setzen sie etwas Positives entgegen: einen Traum von Fairness und Harmonie. Ihre Botschaft: Schluss mit der Ausbeutung von Küchenhelfern und Servicekräften, Schluss mit ungerechter Bezahlung und Diskriminierung. Dafür gleicher Lohn für alle, Mitsprache und Wertschätzung jedes Einzelnen. Das erinnert ein wenig an Sozialismus und wirkt im Zentrum des Kapitalismus deplatziert. Berücksichtigt man allerdings die Erfahrungen der Colors-Mitarbeiter, ist der Wunsch nur allzu verständlich.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Die Idee zur Gründung von Colors stand nicht plötzlich im Raum.

Artikel bewerten:
  • 1 Stern
  • 2 Sterne
  • 3 Sterne
  • 4 Sterne
  • 5 Sterne
Anzeige

Weitere Beiträge aus dem Ressort

Anzeige

Bildergalerien

zurück
  • Höher, schneller, weiter – in die Kri...

    Höher, schneller, weiter – in die Krise

    Mitten in der Finanzkrise protzt Dubai mit Superlativen. Anlässlich der Eröffnung der ersten künstlichen Insel vor der Küste Dubais mit dem Namen "The Palm Jumeirah" waren 2 000 geladenen Gästen aus aller Welt geladen. Serviert wurden 1,7 Tonnen Hummer, 4000 Austern un...Bildergalerie 

  • Piraten machen Somalias Küste unsiche...

    Piraten machen Somalias Küste unsicher

    Ein Drittel der Piratenüberfälle weltweit geht nach Angaben des Internationalen Seefahrtbüros auf das Konto der Seeräuber am Horn von Afrika. Allein 2008 wurden demnach 95 Schiffe von Piraten angegriffen, 39 Angriffe davon sollen "erfolgreich" gewesen sein. Einige Beis...Bildergalerie 

  • Mickey Mouse wird 80

    Mickey Mouse wird 80

    Mit "Steamboat Willie" war der erste Micky-Maus-Film am 18. November 1928 im New Yorker Colony-Theater über die Leinwand geflimmert. Mickey Mouse ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Die sprechende Maus ist Umfragen zufolge mit 97 Prozent bekannter als der Weihna...Bildergalerie 

vor