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04.11.2007 
Touristik-Unternehmerin Öger

Zeitreise im Orient-Express

von Bolke Behrens

In der Türkei aufgewachsen, in Deutschland erfolgreich: Die Hamburger Touristik-Unternehmerin Nina Öger lebt zwischen zwei Welten. Wie faszinierend, aber auch schwierig das ist, zeigt ein Ausflug mit ihr nach Istanbul.

Nina Öger in ihrem Büro in Hamburg. Foto: APLupe

Nina Öger in ihrem Büro in Hamburg. Foto: AP

Auf der Galata-Brücke zwischen der Altstadt von Istanbul und der Neustadt am nördlichen Ufer des Goldenen Horns wird unübersehbar Geschichtsunterricht erteilt. Auf großen Tafeln mit dem weißen Halbmond und Stern auf blutrotem Grund prangen markige Sprüche über Demokratie und Staat. Wie dieser: „Hey, junges Volk! Die Republik haben wir gegründet. Jetzt seid ihr dran, sie weiterzuentwickeln!“ Es ist wie alle anderen Botschaften auf der Brücke eine Losung von Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei – des Vaters einer westlich orientierten, auf strenge Trennung zwischen Staat und Religion bedachten Republik. Die verbot Frauen und Mädchen das Tragen eines Kopftuchs in öffentlichen Gebäuden und riss Männern symbolträchtig den altertümlichen Fez vom Kopf. Staatschef Atatürk, Soldat und Revolutionär, ließ sich dagegen wegweisend für sein Volk im eleganten Anzug nach neuestem Pariser Schnitt abbilden.

Touristik-Unternehmerin Nina Öger, die beim Gang über die Galata-Brücke die alten Parolen übersetzt, ist Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters. Der stammt aus einer Offiziersfamilie – mithin einer Schicht der glühendsten Anhänger des Republik-Gründers. „Immer mit dem Idealbild von Atatürk vor Augen bin ich groß geworden“, sagt Nina Öger. Frauen, die sich verschleiern, Brüder, die Ehrenmorde begehen, Zwangsverheiratungen – all das gab es nicht in ihrem liberalen Milieu. Und gern wird die Geschichte erzählt, Nina Öger habe von einem Geistlichen, der sie bei einer Beerdigung aufforderte, ein Kopftuch zu tragen, verlangt, er solle ihr die Sure im Koran zeigen, die eine Kopfbedeckung für Frauen vorschreibe. Denn solch eine ausdrückliche Vorschrift findet sich nicht in der heiligen Schrift des Islams – sondern nur in späteren Auslegungen, die zur Tradition wurden.

Für Nina Öger birgt „jede Tradition etwas Ideologisches“. Das gilt nicht nur für den ursprünglich weltoffenen und modernen Islam, sondern wohl auch für die allmählich erstarrte säkulare Heilslehre des Kemal Atatürk. Dessen Revoluzzer-Sprüche und der Chic der zwanziger Jahre wirken in der heutigen Türkei wie sorgfältig konserviert – offiziell ehrfürchtig respektiert, aber manchmal auch ein bisschen belächelt von einem noch immer jungen und wachsenden Volk, dessen Altersdurchschnitt weit unter dem der vergreisenden EU liegt. Und in Istanbul, der boomenden Stadt von alter Kultur und neuem Geschäftssinn, von einem Dutzend Hochschulen und Aberhunderten von Marken-Boutiquen, ist Jugendlichkeit geradezu eine alles dominierende Weltanschauung. „Hey, junges Volk – was ist heute angesagt?“ Das scheint am Bosporus die wichtigste Tagesfrage zu sein, die selbst das aktuelle Kurdenproblem und die Kriegsgefahr weit hinten in der südöstlichen Türkei übertönt, erst recht aber die historische Problematik der Armenier-Verfolgung verdrängt.

Mit Nina Öger kann man unbefangen über Vergangenheit und Gegenwart reden. Über Völkerhass und Vertreibung etwa. Und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Die deutschen Großeltern sind aus Ostpreußen geflohen, ihre türkischen Ahnen wohnten inmitten von Armeniern und Griechen. „Als die Oma starb, hat sie ein griechisches Lied gesungen“, erinnert sich die Enkelin. Wann immer sie heute in Istanbul ist, spürt sie auch den Veränderungen im Verhältnis der ethnischen Gruppen nach. Vor allem im alten Ausländerquartier Galata und Péra, das den modernen türkischen Namen Beyoglu trägt. Hier residierten nicht nur die Diplomaten aller Herren Länder, sondern auch die reichen griechischen Kaufleute und arme Zigeuner. Heute ist die ehemalige Grand rue de Péra, die jetzt Istiklal Caddesi heißt, die schönste Einkaufsmeile in Istanbul – eine lebhafte Fußgängerzone mit nostalgischer Straßenbahn und restaurierten alten Cafés, modernen Textilgeschäften, Restaurants und Galerien.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Reise zwischen Gefühl und Geschäft

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