In der Türkei aufgewachsen, in Deutschland erfolgreich: Die Hamburger Touristik-Unternehmerin Nina Öger lebt zwischen zwei Welten. Wie faszinierend, aber auch schwierig das ist, zeigt ein Ausflug mit ihr nach Istanbul.
Auf der Galata-Brücke zwischen der Altstadt von Istanbul und der Neustadt am nördlichen Ufer des Goldenen Horns wird unübersehbar Geschichtsunterricht erteilt. Auf großen Tafeln mit dem weißen Halbmond und Stern auf blutrotem Grund prangen markige Sprüche über Demokratie und Staat. Wie dieser: „Hey, junges Volk! Die Republik haben wir gegründet. Jetzt seid ihr dran, sie weiterzuentwickeln!“ Es ist wie alle anderen Botschaften auf der Brücke eine Losung von Kemal Atatürk, Gründer der modernen Türkei – des Vaters einer westlich orientierten, auf strenge Trennung zwischen Staat und Religion bedachten Republik. Die verbot Frauen und Mädchen das Tragen eines Kopftuchs in öffentlichen Gebäuden und riss Männern symbolträchtig den altertümlichen Fez vom Kopf. Staatschef Atatürk, Soldat und Revolutionär, ließ sich dagegen wegweisend für sein Volk im eleganten Anzug nach neuestem Pariser Schnitt abbilden.
Touristik-Unternehmerin Nina Öger, die beim Gang über die Galata-Brücke die alten Parolen übersetzt, ist Tochter einer deutschen Mutter und eines türkischen Vaters. Der stammt aus einer Offiziersfamilie – mithin einer Schicht der glühendsten Anhänger des Republik-Gründers. „Immer mit dem Idealbild von Atatürk vor Augen bin ich groß geworden“, sagt Nina Öger. Frauen, die sich verschleiern, Brüder, die Ehrenmorde begehen, Zwangsverheiratungen – all das gab es nicht in ihrem liberalen Milieu. Und gern wird die Geschichte erzählt, Nina Öger habe von einem Geistlichen, der sie bei einer Beerdigung aufforderte, ein Kopftuch zu tragen, verlangt, er solle ihr die Sure im Koran zeigen, die eine Kopfbedeckung für Frauen vorschreibe. Denn solch eine ausdrückliche Vorschrift findet sich nicht in der heiligen Schrift des Islams – sondern nur in späteren Auslegungen, die zur Tradition wurden.
Für Nina Öger birgt „jede Tradition etwas Ideologisches“. Das gilt nicht nur für den ursprünglich weltoffenen und modernen Islam, sondern wohl auch für die allmählich erstarrte säkulare Heilslehre des Kemal Atatürk. Dessen Revoluzzer-Sprüche und der Chic der zwanziger Jahre wirken in der heutigen Türkei wie sorgfältig konserviert – offiziell ehrfürchtig respektiert, aber manchmal auch ein bisschen belächelt von einem noch immer jungen und wachsenden Volk, dessen Altersdurchschnitt weit unter dem der vergreisenden EU liegt. Und in Istanbul, der boomenden Stadt von alter Kultur und neuem Geschäftssinn, von einem Dutzend Hochschulen und Aberhunderten von Marken-Boutiquen, ist Jugendlichkeit geradezu eine alles dominierende Weltanschauung. „Hey, junges Volk – was ist heute angesagt?“ Das scheint am Bosporus die wichtigste Tagesfrage zu sein, die selbst das aktuelle Kurdenproblem und die Kriegsgefahr weit hinten in der südöstlichen Türkei übertönt, erst recht aber die historische Problematik der Armenier-Verfolgung verdrängt.
Mit Nina Öger kann man unbefangen über Vergangenheit und Gegenwart reden. Über Völkerhass und Vertreibung etwa. Und das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher Kulturen. Die deutschen Großeltern sind aus Ostpreußen geflohen, ihre türkischen Ahnen wohnten inmitten von Armeniern und Griechen. „Als die Oma starb, hat sie ein griechisches Lied gesungen“, erinnert sich die Enkelin. Wann immer sie heute in Istanbul ist, spürt sie auch den Veränderungen im Verhältnis der ethnischen Gruppen nach. Vor allem im alten Ausländerquartier Galata und Péra, das den modernen türkischen Namen Beyoglu trägt. Hier residierten nicht nur die Diplomaten aller Herren Länder, sondern auch die reichen griechischen Kaufleute und arme Zigeuner. Heute ist die ehemalige Grand rue de Péra, die jetzt Istiklal Caddesi heißt, die schönste Einkaufsmeile in Istanbul – eine lebhafte Fußgängerzone mit nostalgischer Straßenbahn und restaurierten alten Cafés, modernen Textilgeschäften, Restaurants und Galerien.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Eine Reise zwischen Gefühl und Geschäft
In dieser fast schon kosmopolitisch zu nennenden Gegend stöbert die Kunstliebhaberin und Literaturfreundin Öger in den Antiquariaten und Antiquitätenläden. Hier isst und trinkt sie gerne im eleganten Restaurant Changa mit seiner exzellenten Küche oder im geschichtsreichen Restaurant Yakup 2, in dem jeder angesehene türkische Literat – und natürlich auch der Politiker Atatürk – schon mal gezecht hat.
Hier im Viertel zwischen dem Tünel – wo Ende des 19. Jahrhunderts die erste, kleine U-Bahn gebaut wurde – und dem lebhaften Taksim-Platz, an dem Hotel-Hochhäuser in den Himmel gewachsen sind, und noch mehr im edlen Stadtteil Nisantasi hinter dem Verkehrsknotenpunkt ist die Mega-Metropole so westeuropäisch wie Paris oder London. „Hier entdecke ich bei jedem Besuch etwas Neues“, sagt die Touristik-Managerin, die immer wieder zur kurzen Stippvisite vom Firmen- und Wohnsitz Hamburg nach Istanbul fliegt.
Es ist jedes Mal eine Reise, bei der sich Gefühl und Geschäft, Erinnerungen an die Kindheit und Entscheidungen für die Konzernentwicklung mischen. Da schlüpft die 33-jährige Business-Frau ebenso schnell in die Rolle der kleinen Nina, wie sie blitzartig vom Deutschen ins Türkische wechseln kann. „Das geht“, sagt sie, „als ob ich einen Schalter umlege.“
Lebt sie mit zwei Identitäten? „Nein“, meint Nina Öger, „wohl eher in zwei emotionalen Welten.“ In der Lebenssphäre einer tüchtigen Hamburger Deern, die ihre Arbeit und den Freizeitwert der Hansestadt schätzt, und in der Welt eines Istanbuler Kiz – des Mädchens aus Istanbul, das in dieser Stadt „ein wohliges Gefühl hat, weil ich hier die Kindheit verbracht habe“. Vorzugsweise auf den Prinzeninseln draußen im Marmara-Meer, einer Sommeridylle für wohlhabende Stadtmenschen. Hier hat die Familie noch ein Haus. Und im Sommer fährt Nina Öger gern für ein Wochenende auf die Inseln. Nicht mit dem schnellen Luftkissenboot, sondern mit dem langsamen Dampfer. Zeit, um Möwen zu füttern und selber Sesamkringel zu futtern. Und noch erholsamer ist es, im Sommer mit Freunden auf einem türkischen Holz-Motorsegler durch die Ägäis zu kreuzen, an Land zu setzen und dort bei Ausgrabungen zu helfen. „Dann genieße ich diese Welt.“
In Hamburg leitet sie inzwischen das Touristik-Unternehmen, das Vater Vural Öger aufgebaut hat. Der war 1960 nach Deutschland zum Studieren gekommen und hatte bald die Geschäftsidee, seine türkischen Landsleute nach Hause zu fliegen. Die erste Maschine startete 1968 mit einer Handvoll Kunden, aus denen bis heute über eine Million geworden sind.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Am Arbeitsplatz kann es zwischen Vater und Tochter schon mal etwas lauter werden.
Tochter Nina, im Januar 1974 geboren, zeigt sich zwar eher an Modedesign denn an Wirtschaft interessiert – lernt aber früh, was es heißt, in einer Unternehmerfamilie groß zu werden. Als sie bei ihrer – vom Vater getrennt lebenden – Mutter in Marburg aufwächst, fährt sie in den Ferien häufig zum Papa, begleitet ihn auf Geschäftsreisen oder verbringt die Zeit im Betrieb. Als Studentin will sie als Kellnerin Geld verdienen, aber der Vater verbietet es ihr. Stattdessen jobbt sie im Unternehmen und verkauft Flugtickets. Nach dem Abitur geht die Tochter zum Sprachenlernen für ein Jahr in die USA und studiert anschließend Betriebswirtschaft in Hamburg. Sie absolviert verschiedene Praktika, unter anderem bei einer Investmentbank, steigt 1999 aber doch bei Öger ein und durchläuft alle Abteilungen. Bis sie 2002 schwanger wird. Ihr damaliger Partner ist ein Hotelier in der Türkei. Das Paar trennt sich schon bald nach der Geburt der Tochter Ada. Mutter Nina kehrt nach Hamburg zurück und beginnt nach einem Jahr Babypause als Geschäftsführerin im väterlichen Unternehmen. Das ist mehr als nur ein Job: „Wenn man von Kindesbeinen an in den Arbeitsplatz hineinwächst, empfindet man ihn als Wohnzimmer“, sagt Nina Öger.
In solchen Privaträumen kann es schon mal etwas lauter werden, „aber wir raufen uns immer wieder zusammen“, sagt die Tochter: „Wir haben uns darauf geeinigt, dass Vater die Strategie verantwortet und ich für das operative Geschäft zuständig bin.“ Da gibt es viel zu tun. Die typische Pauschalreise, mit der das Unternehmen groß geworden ist, verliert zunehmend an Bedeutung. Mit dem Boom der Billigflieger und Selbstbucher verzichten immer mehr Menschen darauf, sich im Reisebüro beraten zu lassen. Der Anteil der Touristen, die etwas über Land und Leute erfahren wollen und dafür auch mehr zahlen können, wächst dagegen unaufhörlich. Nina Öger wirbt im Fernsehen nicht mehr nur für Badeferien in Antalya, sondern preist auch Aktivurlaube und Städtereisen nach Istanbul an. Für die Metropole hat sie auch einen Extra-Katalog aufgelegt, „denn wer diese Stadt sehen will, blättert nicht einen 300 Seiten dicken Türkei-Wälzer durch mit Bildern von Familienhotels und Kindern auf Luftmatratzen“.
Die Devise ganz im modischen Angelsächsisch heißt: „Clubbing, Shopping and Cultural Events“. Wie etwa die Biennale von Istanbul, die seit 1987 alle zwei Jahre neben türkischen auch viele ausländische Künstler und entsprechend Schaulustige anzieht. Die modernen Open-Air-Jazz-Festivals im Sommer sind ebenso Attraktionen wie der historische Tanz der Derwische im Januar. Restaurants und Diskos haben Weltstadtniveau. Es wird in neuen Vierteln modern und nicht immer glücklich gebaut, umso behutsamer in alten Quartieren renoviert. Auch Nina Öger möchte für ihr Unternehmen gerne im Herzen des geliebten Viertels an der alten Grand rue de Péra in traditionsreichen Gemäuern ein Hotel schaffen – was bei zahlreichen Besuchen vieler zäher Gespräche bedarf und kaum noch Zeit für einen Bummel durch Straßen und das Schmökern in Läden lässt.
Lesen Sie weiter auf Seite 4: Empfindet sich Öger als Deutsch-Türkin oder türkische Deutsche?
Solch eine edle Herberge würde der Sparte mit bisher zwei eigenen und fünf gemanagten Hotels Glanz verleihen. Sonst aber ist Nina Öger eher vorsichtig. Rund 700 Millionen Euro setzt die Gruppe mit ihren 4 000 Mitarbeitern um – doch die Milliarde wird erst gar nicht als Ziel genannt: „Ich bin zufrieden, wenn wir in einer für die Touristik so unruhigen Zeit das Geschäft stabil halten“, sagt die Unternehmerin. Und an einen eventuellen Börsengang will sie erst gar nicht denken.
Selbst wenn der Vater dazu Ja sagen würde. Ein Gespräch darüber hat es freilich noch nicht gegeben. Der Firmengründer ist ohnehin viel beschäftigt mit der Politik. Im Europaparlament streitet er als deutscher Sozialdemokrat für die Aufnahme der Türkei in die EU. „Wir brauchen die Türkei – und die Türkei braucht uns.“ Es ist ein Land, in dem manche Eltern ihre Töchter nicht in die Schule schicken. Pro Buchung spendet Öger Tours 50 Cent für das Unicef-Projekt „Schule für Mädchen – Schule für alle“. Es ist aber auch ein Land, in dem die Wirtschaft zu boomen beginnt, wofür Ökonomen schon die Bezeichnung „Anatolian Tigers“ geprägt haben. „Ich freue mich ganz stark, dass sich dort so viel tut , weil es die Türkei stabilisieren hilft“, sagt Nina Öger.
Wer fragt, was sie denn nun wirklich sei – Deutsch-Türkin oder türkische Deutsche –, erhält die Antwort: „Mein Herz gehört beiden Ländern. Ist das denn so schwer zu begreifen?“ Da gerät die sonst so liebenswürdige Frau in Rage. Richtig „fünsch“ werden, wie es in einer fremden Sprache heißt. Nein – nicht Türkisch, sondern Niederdeutsch.


