In dieser fast schon kosmopolitisch zu nennenden Gegend stöbert die Kunstliebhaberin und Literaturfreundin Öger in den Antiquariaten und Antiquitätenläden. Hier isst und trinkt sie gerne im eleganten Restaurant Changa mit seiner exzellenten Küche oder im geschichtsreichen Restaurant Yakup 2, in dem jeder angesehene türkische Literat – und natürlich auch der Politiker Atatürk – schon mal gezecht hat.
Hier im Viertel zwischen dem Tünel – wo Ende des 19. Jahrhunderts die erste, kleine U-Bahn gebaut wurde – und dem lebhaften Taksim-Platz, an dem Hotel-Hochhäuser in den Himmel gewachsen sind, und noch mehr im edlen Stadtteil Nisantasi hinter dem Verkehrsknotenpunkt ist die Mega-Metropole so westeuropäisch wie Paris oder London. „Hier entdecke ich bei jedem Besuch etwas Neues“, sagt die Touristik-Managerin, die immer wieder zur kurzen Stippvisite vom Firmen- und Wohnsitz Hamburg nach Istanbul fliegt.
Es ist jedes Mal eine Reise, bei der sich Gefühl und Geschäft, Erinnerungen an die Kindheit und Entscheidungen für die Konzernentwicklung mischen. Da schlüpft die 33-jährige Business-Frau ebenso schnell in die Rolle der kleinen Nina, wie sie blitzartig vom Deutschen ins Türkische wechseln kann. „Das geht“, sagt sie, „als ob ich einen Schalter umlege.“
Lebt sie mit zwei Identitäten? „Nein“, meint Nina Öger, „wohl eher in zwei emotionalen Welten.“ In der Lebenssphäre einer tüchtigen Hamburger Deern, die ihre Arbeit und den Freizeitwert der Hansestadt schätzt, und in der Welt eines Istanbuler Kiz – des Mädchens aus Istanbul, das in dieser Stadt „ein wohliges Gefühl hat, weil ich hier die Kindheit verbracht habe“. Vorzugsweise auf den Prinzeninseln draußen im Marmara-Meer, einer Sommeridylle für wohlhabende Stadtmenschen. Hier hat die Familie noch ein Haus. Und im Sommer fährt Nina Öger gern für ein Wochenende auf die Inseln. Nicht mit dem schnellen Luftkissenboot, sondern mit dem langsamen Dampfer. Zeit, um Möwen zu füttern und selber Sesamkringel zu futtern. Und noch erholsamer ist es, im Sommer mit Freunden auf einem türkischen Holz-Motorsegler durch die Ägäis zu kreuzen, an Land zu setzen und dort bei Ausgrabungen zu helfen. „Dann genieße ich diese Welt.“
In Hamburg leitet sie inzwischen das Touristik-Unternehmen, das Vater Vural Öger aufgebaut hat. Der war 1960 nach Deutschland zum Studieren gekommen und hatte bald die Geschäftsidee, seine türkischen Landsleute nach Hause zu fliegen. Die erste Maschine startete 1968 mit einer Handvoll Kunden, aus denen bis heute über eine Million geworden sind.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Am Arbeitsplatz kann es zwischen Vater und Tochter schon mal etwas lauter werden.


