Trauerarbeit nach dem Schlusspfiff: Bundestrainer Joachim Löw tröstet den am Boden liegenden Bastian Schweinsteiger. Foto: dpa
Vor dem Anpfiff hatte aber erst einmal das Rätselraten um Michael Ballacks Wade die Nation 24 Stunden lang in Atem gehalten. Erst 75 Minuten vor Spielbeginn stand fest, dass der Kapitän, der wegen muskulärer Probleme zwei Tage mit dem Training hatte aussetzen müssen, auflaufen würde. Die Wade der Nation hatte wieder gezwickt. Wieder die rechte. Am Freitagmorgen schon hatte Michael Ballack die Verhärtung im Muskel gespürt, auch am Samstag – und Sonntag plötzlich nicht mehr. Stück für Stück hatte Mannschaftsarzt Müller-Wohlfarth die Wade gelockert, weich gemacht, wie es Teammanager Oliver Bierhoff vor dem Spiel erleichtert verkündete. Noch ein wenig japanisches Genesius-Tape drauf, um die Muskelspannung zu erhöhen, und so stand der Name Michael Ballack schließlich doch auf dem Spielberichtsbogen.
Doch egal ob Ballacks Bulletin tatsächlich spielbedrohlich war oder ob seine Wade lediglich Teil einer Löw’schen Strategie war, den Gegner schon vor dem Spiel zu verwirren, beeindruckt waren die Spanier bestenfalls zu Beginn des Spiels. Vielleicht rieben sie sich ein wenig die Augen, schließlich begannen die Deutschen doppelt so schnell wie gegen die Türken, gaben zunächst keinen Ball verloren und hätten in der neunten Minute eigentlich in Führung gehen können, wenn Hitzlsperger nach einem Rückpass von Podolski den Ball besser getroffen hätte. So aber sicherten sich die Spanier nach zehn Minuten den Ballbesitz und warfen im Mittelfeld ihr gefürchtetes Tiqui-taca-Kurzpassspiel an, stets bereit, den entscheidenen Pass zu spielen.
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Diesen vollbrachte fast immer Xavi, wie in der elften Minute, als er den Kollegen Iniesta im Strafraum anspielte und Metzelder ihm den Ball gerade noch vom Fuß spitzelte, Lehmann damit aber zu einer ersten Glanzparade zwang. Dass die deutschen Verteidiger gegen die schnellen Spanier zu langsam sein würden, war zwar wenig überraschend, dass sie aber auch noch die Kopfballduelle verlieren würden, indes schon. So übersprang Torres den zwölf Zentimeter größeren Mertesacker, Lehmann half nur der Pfosten (22.).
Immer seltener schafften es die Deutschen danach, die Staffetten der Spanier zu unterbinden, ihnen die Räume zu versperren, ihre Fehlpässe häuften sich ebenso wie ihre Fouls am Gegner. Und so war es nur eine Frage der Zeit, bis auch Lehmann nicht mehr in der Lage war, das Unheil aufzuhalten. In der 33. Minute schickte Xavi Torres steil, der überrannte Lahm mühelos und brachte den Ball mit einem Lupfer über Lehmann im Tor unter. Und wenn zwei Minuten später Silva die Zeit, die ihm die behäbige deutsche Abwehr zubilligte, genutzt hätte, die Hereingabe von Iniesta in Ruhe anzunehmen, vielleicht hätte er den Ball nicht volley über das Tor gejagt. Die nach dem ersten Uefa-Generalsekretär Monsieur Delaunay getaufte Trophäe wäre den Spaniern, nicht mehr zu nehmen gewesen.
Spaniens Trainer Luis Aragonés, ließ seine Elf in seinem letzten Spiel als Nationaltrainer im 4-1-4-1-System auflaufen. Nach dem verletzungsbedingten Ausfall von EM-Torschützenkönig Villa mit Fabregas im Mittelfeld und mit Torres in vorderster Front. So über den Platz verteilt spielten sie genau so, wie es Bundestrainer Joachim Löw hatte verhindern wollen. Wie im Viertel- und Halbfinale zog er es vor, im neuen 4-3-2-1-System sein Mittelfeld zu stabilisieren.

