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25.06.2008 
Taktik der Nationalmannschaft

Ende eines deutschen Sonderwegs

von Florian Haupt

Frings oder nicht? 4-4-2 oder 4-3-2-1? Fortsetzung der kleinen taktischen Revolution aus dem Spiel gegen Portugal oder nicht? Vor dem Halbfinalspiel der deutschen Mannschaft gegen die Türkei sind das die drängendsten Fragen der Nation. Die Antworten hütet Bundestrainer Joachim Löw wie ein Staatsgeheimnis. Gewisse Einblicke gibt es trotzdem, wie auch ein paar andere Indizien.

Abgehängt: Gegen Portugal setzte Lukas Podolski wieder im Mittelfeld die Akzente. Foto: dpaLupe

Abgehängt: Gegen Portugal setzte Lukas Podolski wieder im Mittelfeld die Akzente. Foto: dpa

TENERO. Doch, es geht immer noch ein bisschen geheimer. Zwar durften Fans und Medienvertreter schon in den vergangenen Wochen nicht dem Training der deutschen Nationalmannschaft beiwohnen, aber Letztere behalfen sich zunehmend mit einer Klettertour auf ein benachbartes Hotel. Bundestrainer Joachim Löw nutzt deshalb inzwischen einen anderen Trainingsplatz auf dem Centro Sportivo in Tenero. Nichts sollte in den Tagen vor dem heutigen EM-Halbfinale gegen die Türkei Aufschlüsse geben hinsichtlich der drängendsten Fragen der Nation: Frings oder nicht? 4-4-2 oder 4-5-1?

Gewisse Einblicke gibt es trotzdem, wie auch ein paar andere Indizien. Frings hat sich eine gute Woche nach seinem Rippenbruch wieder für einsatzfähig erklärt, und zumindest sein Kapitän scheint in einer Rückkehr keinen Nachteil zu sehen. "Er ist wieder fit, er hat die letzten Tage trainiert und sich zurückgemeldet. Er ist schmerzfrei und von daher kein Risiko, wenn er spielt", sagte Michael Ballack gestern. Besteht Frings die letzten Belastungstests, wäre es trotz seiner mäßigen Form in den ersten Turnierspielen nur zu logisch, würde einer der Referenzspieler der Ära Klinsmann/Löw wieder in die Mannschaft kommen. Für ihn müsste wohl eher Thomas Hitzlsperger als Simon Rolfes aus der "Doppel-Sechs" weichen.

Wenn, ja wenn es diese zweifache Absicherung vor der Abwehr überhaupt wieder geben wird. In ihrer reinen Form ist sie ein Merkmal der 4-5-1 beziehungsweise 4-2-3-1-Formation, womit man beim nächsten Thema wäre: Wird Löw wie gegen Portugal mit fünf Mittelfeldspielern agieren oder zum System mit zwei echten Stürmen zurückkehren, das er in den anderen 25 Spielen seiner Amtszeit praktizieren ließ? Dass er es überhaupt einmal aufgab, war schon eine kleine Sensation, so unverhandelbar hatte er es zuvor verteidigt als "bestes System für unsere Spielidee", sprich: "schnell und vertikal nach vorn zu spielen".

Und doch spricht vieles für eine Institutionalisierung der kleinen taktischen Revolution, zumindest bis zum Ende dieser EM. Die Äußerungen der Spieler etwa, allen voran jene von Ballack. "Im Moment ist es das Beste für uns, weiter so zu spielen", sagte der, und auch Torwart Jens Lehmann sprach sich jedenfalls "bei Auswärtsspielen, und das ist es hier ja für jedes Team" für das 4-5-1 aus. Damit stünde man "tatsächlich sicherer".

Womöglich kein Zufall, dass sich mit Ballack und Lehmann zwei Profis für die Beibehaltung des Systemwechsels aussprechen, die in der englischen Premier League kicken. Das Beharren auf dem einst allgegenwärtigen 4-4-2 stellt sich zunehmend als deutscher Sonderweg heraus. Neben der Nationalelf spielen auch die Spitzenklubs Bayern München und Werder Bremen mit zwei Mittelstürmern, ihre internationalen Konkurrenten hingegen schon lange nicht mehr. Ob Manchester United, Chelsea, Arsenal, Barcelona oder der AC Mailand: Die dominierenden Teams der letzten Jahre vertrauen auf nur einen klassischen Stürmer (wenn überhaupt) und stellen ihm eine Armada von offensiven Flügel- und Mittelfeldspielern zur Seite. Das gleiche Bild bei dieser EM: Von den stilprägenden Mannschaften agieren allenfalls die Spanier mit einem echten Sturmduo, wobei sich David Villa häufig zurückfallen lässt.

Kurzum, Löws Umstellung gegen Portugal war, bei allem Mut dieser kurzfristigen Entscheidung, weniger ein Geniestreich als eine Anpassung an die kontinentale Norm. Sie wurde umso nötiger, nachdem die Nationalelf in den Gruppenspielen gegen Kroatien und Österreich enorme Defizite in der Kreativzone aufwies. Das neue System bot demgegenüber eine Reihe von Vorteilen. Michael Ballack, Deutschlands einziger Spieler von unumstrittener Weltklasse, konnte weiter vorn spielen und damit entscheidender eingreifen. Hinter ihm ließen sich mit Hitzlsperger und vor allem Rolfes zwei Spieler mit Passsicherheit und Qualitäten in der schnellen Spieleröffnung installieren. Löw konnte Bastian Schweinsteiger bringen und dennoch Lukas Podolski auf der Flügelposition belassen, von der aus er im vorherigen Turnierverlauf erfreulich unberechenbar agiert hatte. Lauter Vorzüge also, bei einem einzigen Opfer: Angreifer Mario Gómez flog aus der Elf.

So das überhaupt ein Opfer war, denn Gómez präsentierte sich bei dieser EM in erschreckender Form. Mindestens ebenso wichtig wie alle Systemfragen sind immer noch die Talente und Leistungskurven der Spieler: Löw hat sich mit seiner Umstellung vor dem Portugal-Spiel auch der Evidenz gebeugt, dass ihm für seinen bevorzugten Ansatz momentan das geeignete Material fehlt. Würde er heute zu seinem 4-4-2 zurückkehren, müsste er Podolski doch wieder nach vorn ziehen, oder dem bislang auch nicht gerade überragenden Klose wieder den derangierten Gómez zur Seite stellen oder gar Kevin Kuranyi bringen - ein Spieler, der bei dieser EM nicht sein Vertrauen genießt.

Vieles spricht also für 4-5-1, andererseits: Wer weiß schon, was Löw und Chefscout Siegenthaler so ausgeheckt haben. Die Türken haben sich ja bisher als Meister darin gezeigt, jeden gegnerischen Entwurf in ein paar Minuten frenetischer Anarchie aufzulösen, es ist ihre größte Stärke, die mit "unberechenbar" (Ballack) noch zurückhaltend beschrieben ist. Eine Taktik gegen die Anti-Taktiker muss her. Ballack hat immerhin so viel vom neuen Übungsgelände verraten: "Wir haben flexibel trainiert."

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